Polonium-Affäre erreicht Hamburg Unheimlicher Besucher in der Kieler Straße 12

Ein Haus in Ottensen, eine Wohnung in Altona, ein Hof bei Pinneberg: Die Polizei verfolgt in und um Hamburg immer mehr Polonium-Spuren. In der Kieler Straße 12 übernachtete der in den Mordfall verwickelte Dmitrij Kowtun nur ein einziges Mal - doch das genügte.

Von


Hamburg - Tritt man aus dem Haus in der Kieler Straße 12 in Hamburg-Altona, dann fällt der Blick irgendwann zwangsläufig auf diesen grünen Container. Seit Jahren ist die Luftmessstation in Betrieb, nur jetzt, da die Affäre um den Giftmord des früheren KGB-Agenten Alexander Litwinenko die Hansestadt erreicht hat, wirkt die Station mit der Aufschrift "Luftmeßnetz Hamburg" am Standort Kieler Straße wie ein Treppenwitz der Geschichte: Als einen der "Hot Spots" der Stadt hatte das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt in ihrem Jahresbericht 2005 die Kieler Straße eingestuft. Wegen der "höchsten Belastungen für eine ganze Reihe von Schadstoffen" durch den enormen Straßenverkehr.

Ein "Hot Spot" - und was für einer - ist die Kieler Straße 12 an diesem Montag: Es gibt wohl nur wenige Orte in Hamburg, die derzeit heißer sein könnten für Ermittler, Behörden und Anwohner. Man sieht das an diesem Montag schon an den Fahrzeugen, die vor dem Gebäude parken: Ein schweres Gerätefahrzeug der Polizei, ein Multivan mit Salzgitter-Kennzeichen und abgedunkelten Scheiben, es ist ein Wagen des Bundesamtes für Strahlenschutz. Den Hauseingang kontrolliert ein Polizeikommissar.

Die Experten suchen einen Stoff, bei dem die Sensoren der Luftmessstation nicht helfen: Es geht in diesem Fall nicht um schlechte Luft und Kohlenmonoxid. Es geht um Radioaktivität. Und es geht um Dmitrij Kowtun, den Kontaktmann des ermordeten Litwinenko. Kowtun liegt derzeit selbst mit Polonium-Vergiftung in einem Moskauer Krankenhaus.

Seit klar ist, dass er unauffällig in Hamburg lebte und möglicherweise eine radioaktive Spur durch die Hansestadt zog, sind gleich mehrere Orte in der Umgebung im Visier der Ermittler: Die Erzbergerstraße 4 in Ottensen, wo Kowtuns Ex-Frau Marina W. ein Haus besitzt und dort mit zwei Kindern und Lebensgefährten wohnt, ein Hof nahe Pinneberg und auch die Kieler Straße 12, wo Kowtun einmal bei einem Freund übernachtete, als er sich vom 28. Oktober bis 1. November in Hamburg aufhielt. Es ist ein Haus, wie es viele in Hamburg gibt: Roter Backstein, ein nüchterner Bau, zwölf Namen stehen auf dem silberfarbenen Klingelschild.

"Ich habe Angst, dass ich selbst verstrahlt bin"

Im dritten Stock liegt die Wohnung, in der Kowtun in der Kieler Straße übernachtete - es ist die Etage, in der auch eine Studentin wohnt, die ihren Namen nirgendwo gedruckt sehen möchte. Sie hat ihre langen, braunen Haare zu einem Zopf zusammengebunden, als sie am Montag mit ihrem Rad zur Uni fahren will. Sie sieht ein wenig gehetzt aus.

Diese Nachrichten über radioaktive Strahlen im Fernsehen, die Polizisten im Treppenhaus: "Es ist unheimlich, das so etwas plötzlich so nah an einen selbst heranrückt", sagt sie. "Ich habe Angst, dass ich selbst verstrahlt bin", sagt sie. Dann fährt sie los und murmelt noch etwas von "Umzug als Nahziel". Weg ist sie. Wen wundert das, wenn man das Szenario in der Kieler Straße verfolgt: Wortkarg geben sich die Strahlenschutz-Experten, als sie nach mehrstündigen Untersuchungen eine silberne Kiste in ihr Auto transportieren. Sie warnen die wartenden Pressefotorgrafen: "Keine Fotos vom Wageninneren!"

Lange war die Polonium-Giftmordaffäre um Litwinenko weit weg für die Menschen in Deutschland. Sie spielte in London - und jetzt ist sie plötzlich in Hamburg. Polonium sei "ein Stoff, der geeignet ist, Ängste zu schüren", sagt Hamburgs Polizeipräsident Werner Jantosch am Abend bei einer Pressekonferenz.

Das Gift kommt näher

Und die Ergebnisse, die die Polizei an diesem Tag präsentiert, sind nur bedingt geeignet, um in der Bevölkerung das Gefühl von Sicherheit zu verbreiten: Kowtuns Ex-Frau, ihr Lebensgefährte und ihre zwei Kinder wurden nach einer zweiten Untersuchung vorsorglich ins Strahlenzentrum im Krankenhaus St. Georg gebracht. Die Strahlenexperten hatten bei ihnen Anzeichen für eine Kontamination mit Polonium 210 festgestellt. Durch intensive Tests soll nun festgestellt werden, ob sie den radioaktiven Stoff auch in ihren Körper aufgenommen haben - die Ergebnisse werden noch in dieser Woche erwartet.

Die Ermittler wurden in der Wohnung von Kowtuns Ex-Frau gleich an mehreren Stellen fündig: Sie fanden sowohl in Schlaf- und Kinderzimmer als auch an gewaschener und ungewaschener Kleidung und der Waschmaschine Polonium-Spuren.

Auch der Kindersitz eines Leihwagens ist kontaminiert

Zudem war ein Kindersitz in einem Leihwagen kontaminiert, den Kowtun während seines Aufenthalts benutzt hatte. Bei der Untersuchung im Krankenhaus wies auch die Jacke des Lebensgefährten von Marina W. radioaktive Spuren auf. Auch in der Kieler Straße 12 wurde Polonium entdeckt - der Freund, bei dem Kowtun übernachtete, verlässt an diesem Tag mit Blaulicht seine Wohnung: Vermummt mit tief ins Gesicht gezogener Mütze, Schal und verspiegelter Sonnenbrille steigt er in ein Fahrzeug der Polizei.

Polizei und Strahlenschutz betonen, dass es sich bei den festgestellten Werten um eine sehr geringe Dosis handele. Polonium 210 könne auch nur sehr schwer in den Körper aufgenommen werden. Kinder seien allerdings stärker gefährdet, bei ihnen reiche für die gleiche Wirkung schon die halbe Dosis wie bei einem Erwachsenen.

Es bestehe kein Anlass zur Sorge, betonte Jantosch. "Wenn man nicht in direkten Kontakt zu Kowtun getreten ist." Und dies heiße etwa durch Küssen oder durch Essen mit demselben Besteck wie der Russe. Die Polizei bittet allerdings auch um die Mithilfe der Bevölkerung. Sie ist auf der Suche nach einem Taxifahrer, der Kowtun am 1. November zum Flughafen brachte, von wo aus er nach London flog. Überhaupt bleiben für die Sicherheitsbeamten noch etliche Unklarheiten. Sie arbeiten derzeit an einem Bewegungsprofil Kowtuns. Was sie derzeit überhaupt nicht wissen: Hielt Kowtun sich nach dem 1. November noch einmal in Hamburg auf?

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.