SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kontakt zu Politikern?
Clueso: Nicht so persönlich. Natürlich kennt man Politiker, als Musiker kommen die ja auf einen zu, vor allem vor Wahlen, teilweise auch sehr penetrant. Da sage ich dann ganz klar "nee, is' nich'". Ich setze mich gerne mit einem Politiker hin und höre mir an, was er zu sagen hat, gerade wenn es um lokale Sachen geht, da bin ich ja schon engagiert. Aber nicht in der Öffentlichkeit.
SPIEGEL ONLINE: Schon mal einen Politiker getroffen, der Ihnen imponiert hat?
Clueso: Bisher war jedenfalls noch keiner dabei, der mich irgendwie erwischt hat. Das könnte sich jetzt ändern, weil ich mich mehr interessiere. Bono sagt ja, "Fame" sei eine Währung, die man einsetzen kann. Das wird mir immer bewusster. Aber ich würde mich auch dann weniger auf Politik einlassen, sondern eher auf bestimmte Themen, wie Kinder oder Zukunft. Zurück zu Politikern: Sicher ist man da in einem krassen Korsett. Nur, die meisten wirken auf mich schon so, als ob sie den Anzug nicht erst an der Garderobe bekommen haben. In der Politik fehlen die lockeren Typen. Eine Ausnahme fällt mir doch ein: Henning Scherf (langjähriger Bremer SPD-Bürgermeister/Anm. d. Red.), den habe ich mal in einer Talkshow getroffen. Der war cool. Man merkte, da ist noch was anderes hinter dem Politiker. Und er hatte eine unglaubliche Lebensweisheit.
SPIEGEL ONLINE: Ein authentischer Politiker zu sein hat also nichts mit Alter zu tun?
Clueso: Überhaupt nicht. Steinalt oder extrem jung, das ist mir völlig wurscht. Es geht darum, dass jemand ein bisschen was vom Leben gecheckt hat.
SPIEGEL ONLINE: Würden sich junge Leute eher für Politik interessieren, wenn es dort mehr solcher "Checker" gäbe?
Clueso: Natürlich gibt es Grenzen für jeden Politiker. Aber es ist nicht so, dass die Leute generell kein Interesse, keinen Bock auf Politik haben. Man merkt doch auch in der Musik, dass es einen Umbruch gibt, Lust auf was Neues. Und auf Typen - wie Obama. Aber es reicht eben nicht, nur einen coolen Spruch zu machen oder einen Basketball in die Hand zu nehmen. Viele Leute sind zwar schlecht informiert, aber deswegen noch lange nicht bescheuert. Die merken schon, wer vor ihnen steht. Obama ist ein solcher "Checker", das spürt man.
"Wer ist denn der Böse, wenn sich der Chef von heute vegan ernährt?"
SPIEGEL ONLINE: Sie sind in Erfurt geboren, lebten einige Jahre in Köln, nun wieder hier. Warum sind junge Leute in Thüringen und den anderen Neuen Ländern noch weniger an Politik interessiert als im Westen?
Clueso: Das kann ich ganz gut verstehen: Wir sind zur Schule gegangen, da hat man uns gesagt, Juri Gagarin ist super und Ernst Thälmann ist der Held und hat sein Butterbrot geteilt. Und dann kam der Systemwechsel, zack, Honecker von der Wand, alles neu und anders, der Kapitalismus ist bunt - und plötzlich ist er doch ein Monster.
SPIEGEL ONLINE: Doch das gilt ja nur für Ihre Generation - die nächste hat von der DDR gar nichts mehr mitbekommen…
Clueso: …aber von all den Umbrüchen bekommen die genauso was mit. Und von dem Irrsinn. Dass es beispielsweise Präsidenten gibt, die Kriege führen, und jeder weiß, wie es dieser Idiot macht - aber man kann nichts dagegen tun. Da sagen viele, scheiße, ich will lieber Party machen und nicht über die Zukunft nachdenken. Wenn ich heute Lieder wie Rio Reiser singen würde, die Leute würden Steine auf mich werfen. Wer ist denn der Böse, wenn sich der Chef von heute vegan ernährt?
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal ein politisches Lied geschrieben?
Clueso: "Love the People" ist ein Song, in dem ich darüber spreche, dass viele Politiker einen Stock im Arsch haben und deshalb kein Mensch versteht, von was sie eigentlich reden. Das Lied haben übrigens auch schon Punks auf Demos gespielt.
SPIEGEL ONLINE: Ausgeschlossen, dass Sie sich irgendwann für einen Politiker engagieren, wenn der Ihnen wirklich imponiert?
Clueso: Als Obama vor der Siegessäule in Berlin gesprochen hat, haben sie uns ja auch gefragt, ob wir dort spielen würden. Aber wir wollten nicht - obwohl ich Obama cool fand. Und obwohl es natürlich ein riesiges Publikum gewesen wäre. Aber selbst bei Obama war mir das zu viel politisches Bekenntnis.
Das Interview führte Florian Gathmann
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