Nachwuchs-Politikerin Maurer Azubi-Piratin im Nahkampf

Sie ist 22 Jahre alt und steckt mitten in der Ausbildung. Nun will Jasmin Maurer die Piraten am 25. März im Saarland in den Landtag führen. Sie hat sich für ein Leben in der Politik entschieden - auch wenn die Männer dieses Mal noch an ihr vorbeiziehen könnten. 

dapd

Saarbrücken - Am Wochenende der Wahl muss Jasmin Maurer zwei Prüfungen bestehen. Erst wird sie sich gegen Attacken ihrer Partner wehren, gegen Tritte und Schläge, sich im freien Kampf beweisen müssen. In einer kleinen Sporthalle im saarländischen Bierbach legt Maurer die Prüfung für den roten Taekwondo-Gürtel ab.

Einen Tag später, am 25. März, will sie die Piratenpartei in den Saarbrücker Landtag führen. Die 22-Jährige ist Landeschefin und Spitzenkandidatin. Kampfsport macht Maurer seit Jahren, sie schwärmt von der "Einheit von Körper und Geist", den Strategien, "sich gegen Angriffe zu verteidigen".

Zum Training schafft sie es zurzeit nur noch einmal pro Woche, doch kämpfen muss Maurer so viel wie wohl noch nie in ihrem Leben. Die Auszubildende aus dem Städtchen Blieskastel sieht sich seit Wochen umzingelt. Sie sagt, sie spüre den Druck auf ihren Schultern. Von den Parteifreunden, denn für die junge Partei ist die Abstimmung im Saarland die Bewährungsprobe, um es nach dem Triumph in Berlin auch auf dem Land zu schaffen.

Von 8 bis 17 Uhr ist Maurer eine junge Auszubildende, sie lernt IT-Systemkauffrau in einer kleinen Firma mit einer Handvoll Kollegen. Danach ist sie Spitzenkandidatin, Landesvorsitzende und das Gesicht der Partei. Nur zwei Tage hat sie während des Wahlkampfes freigenommen. Sie klebt nach Feierabend Plakate, sitzt morgens in der Frühstücksendung im Radio. Die Medien stürzen sich auf die Politikerin.

Was macht das mit einer 22-Jährigen? Fragt man Maurer danach, bittet sie um Stift und Papier und beginnt zu zeichnen. Die Kurve, die sie malt, beginnt im Oktober 2010, als sie Landesvorsitzende wird. Damals zählen die Saar-Piraten keine 100 Mitglieder, das Interesse außerhalb des Landes liegt nahe null. Deshalb ist die Kurve noch flach.

Belastungskurve im roten Bereich

Die Belastungskurve von Jasmin Maurer steigt steil an ab dem Punkt, an den Maurer "Berlin" schreibt - der Wahlerfolg der Hauptstadtpiraten im September 2011. Bei "Januar 2012" zeichnet Maurer dann einen fast senkrechten Anstieg - seitdem ist klar, dass es im Saarland Neuwahlen gibt, und seitdem läuft ihre Belastungskurve im roten Bereich. Sie selbst sagt: "Es ist extrem."

An manchen Tagen wird ihr das zu viel. Am vergangenen Sonntag entdeckt Maurer an einer Tankstelle ein Foto von ihr in der "Bild am Sonntag". Die Zeitung zeigt Maurer im schwarzen Kleid, die Augen schwarz geschminkt. Sie wird als Gothic-Girl bezeichnet, ihr Name beim Kurznachrichtendienst Twitter steht in der Überschrift: "SanguisDraconis", Drachenblut.

Maurer regt sich auf, wenn man sie in diese Schublade steckt. "Gothic-Girl klingt nach Barbie-Girl", sagt sie. "Ich trage einfach gern schwarz und höre Gothic-Musik", sagt sie. Das sei auch schon alles. Die Fotos sind privat. Sie sagt, sie müsse sich ein dickes Fell zulegen.

Journalisten belagern die Piratin in Schwarz

Am vergangenen Sonntag auf dem Parteitag fällt die zierliche Frau wieder einmal richtig auf, denn die Piraten, die sich im Bürgerhaus Dudweiler versammeln, sind größtenteils Männer. Viele sind über 30, einige tragen Pferdeschwanz, andere Glatze, die allermeisten einen gemütlichen Bauch. Maurer steht auf der Bühne, ermahnt die Älteren zu rascher Arbeit: "Wir haben nicht viel Zeit, lasst uns anfangen." Der Parteitag klatscht.

Die Journalisten belagern die Piratin in Schwarz. Ein Fernsehteam fragt, wie sie die Verwaltung reformieren will. Eine Radioreporterin will den Begriff Schwarmintelligenz erklärt haben. Maurer, die erst kommendes Wochenende einen Rhetorikkurs absolviert, ist sichtbar nervös. Wenn die Reporter fragen, wippen Maurers Füße in den schwarzen Stiefeln, die Hände flüchten in die Hosentaschen. Körper und Geist sind auch jetzt eine Einheit. Sie muss wieder kämpfen.

Doch ihre Antworten sind selbstbewusst. "Da müssen Sie dann bei Twitter nachschauen", sagt sie in die Kamera. Sie antwortet souverän, so lange, bis es um das Gothic-Thema geht. Dazu will sie nichts sagen. Privatsache, Punkt. Später räumt sie ein: "Ich pampe die Leute manchmal an."

Zielstrebig, bodenständig. Und gelegentlich eine Zicke

Pressesprecher Thomas Brück, der eine Tochter im Alter von Maurer hat, sagt über seine Landeschefin: "Sie ist ab und an eine Zicke, dann müssen wir sie wieder in die Spur bringen." Doch sie sei "eine gute Partie" und "sehr zielstrebig für ihr Alter".

Sie selbst beschreibt sich ebenfalls als zielstrebig und bodenständig. Sie wohnt bei den Großeltern im Haus, nahe am Wald, hat zwei Hamster. 2009 trat sie bei den Piraten ein. Auf dem Parteitag hat sie Anträge zum Tierschutz eingebracht, auch bei Bildungsthemen geht sie ans Mikrofon. Sie spricht über eigene Erfahrungen, aus der Grundschule und als Gymnasiastin.

Seit anderthalb Monaten steht sie nun im Rampenlicht, ihr geht es seitdem ähnlich wie Parteifreundin Marina Weisband. Die Politische Geschäftsführerin der Bundespartei stand monatelang im Fokus der Öffentlichkeit, tingelte durch Talkshows, wurde der Star, den die basisdemokratische Partei eigentlich nie haben wollte. Der 24 Jahre alten Weisband wurde alles zu viel, sie kündigte ihren Rückzug an, sie will sich ihrem Psychologiestudium widmen.

Maurer hingegen muss ihre Ausbildung abbrechen, wenn sie in den Landtag einzieht. Sie hat lange damit gerungen, als die Eltern ihr Okay gaben, hat sie sich dafür entschieden. Die Frontfrau, der jede Form von Pathos eigentlich fremd ist, sagt: "Es war eine Entscheidung für die Politik. Nie wieder werde ich die Chance haben, so viel zu bewegen."

Piraten könnten es ohne Maurer in den Landtag schaffen

Die Umfragen sehen die Piraten bei fünf Prozent, der Sprung in den Landtag gilt als wahrscheinlich. Er wäre ein Riesenerfolg für Maurer. Doch ob sie selbst es in den Landtag schafft, ist fraglich. Die Piraten könnten ohne ihre Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin ins Parlament einziehen.

Das liegt am komplizierten Wahlrecht im Saarland. Es gibt nur drei Wahlkreise im kleinsten Flächenland der Republik. Und es ist möglich, dass mit rund sechs, sieben Prozent drei Piraten in den Landtag kommen, die auf den jeweiligen Wahlkreislisten oben stehen. Maurer, auf Platz eins der Landesliste, würde dann leer ausgehen, denn in ihrem Wahlkreis unterlag sie beim Rennen um den Spitzenplatz.

Dann würde die Riege der mittelalten gemütlichen Saar-Piraten an ihrer Chefin vorbeiziehen.

  • Michael Hilberer, der im Wahlkreis Neunkirchen Maurer auf Platz zwei verdrängte, ist Software-Entwickler bei SAP. Der 32-Jährige - verheiratet, zwei Kinder - nennt sich "Politiker aus Notwehr". Er wurde aktiv, weil er seine Interessen nicht vertreten sah.
  • Michael Neyses, 43 Jahre alt, arbeitet als Netzwerk-Administrator bei einem Möbelhersteller. Der Politik-Neuling, erst seit November bei den Piraten, setzte sich im Kreis Saarlouis gegen acht Kandidaten durch.
  • Und schließlich Schatzmeister Andreas Augustin, Spitzenkandidat in Saarbrücken. 32 Jahre alt, Systemadministrator in einer IT-Firma. Er gehört zur Fraktion der Pferdeschwanzträger.

Ob die Männer Maurer hinter sich lassen, hängt von vielen Faktoren ab: ihren Ergebnissen in den einzelnen Wahlkreisen, der Stimmenzahl auf Landesebene, von den Ergebnissen anderer kleiner Parteien. Erst spät in der Wahlnacht dürfte feststehen, wen die Piraten in den Landtag entsenden.

Die Piratin in Schwarz sagt, dass sie es schon verkraften wird, wenn es dieses Mal nicht klappt. Sie weiß, sie hat gekämpft für die Partei, ihr Bestes gegeben. Wenn sie nicht in den Landtag kommt, bleibt sie Auszubildende - und könnte wieder dreimal pro Woche Taekwondo machen. Nach dem roten wartet noch ein weiterer Gürtel auf die Kämpferin, es ist der schwarze.

insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
Dumme Fragen 13.03.2012
1. Schön...
Schön, wenn sich endlich auch mal genügend Frauen in der Politik engagieren... Als ich noch bei den Jusos war, hatten wir nämlich immer viel zu wenige davon... Und das lag NICHT an dem männlich-dominanten Gesprächsverhalten der männlichen Jusos - wenn keine Frauen da waren, die man verschrecken konnte, tja... Selbst die Quote hat da nichts gebracht - bei den Vorstandswahlen mussten wir dann halt immer x Plätze frei halten...
hermes69 13.03.2012
2. ...
Bleibt bloß noch die Frage nach dem Inhalt. Und man mag mich jetzt für rückständig und verbohrt halten, aber eine 22jährige wird diesen Anforderungen nicht gerecht werden können. Naja die PP ist schneller in der Vergessenheit versunken als Ihr lieb sein wird ...
Mathe-Freak 13.03.2012
3. ....
Zitat von sysopSie ist 22 Jahre alt und steckt mitten in der Ausbildung. Nun will Jasmin Maurer die Piraten am 25. März im Saarland in den Landtag führen. Sie hat sich für ein Leben in der Politik entschieden - auch wenn die Männer dieses Mal noch an ihr vorbeiziehen könnten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820893,00.html
Mit der Quote wird es sicher klappen, wem interessiert schon fachliche Eignung oder Lebenserfahrung? Hauptsache man hat erkannt wo man mit niedriger Qualifikation das meiste Geld abstaubt, dass einzige was man brauch ist eine M0$e. Genauso lesen sich immer wieder solche Artikel....
glen13 13.03.2012
4.
Zitat von sysopSie ist 22 Jahre alt und steckt mitten in der Ausbildung. Nun will Jasmin Maurer die Piraten am 25. März im Saarland in den Landtag führen. Sie hat sich für ein Leben in der Politik entschieden - auch wenn die Männer dieses Mal noch an ihr vorbeiziehen könnten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820893,00.html
Um es mit Grönemeyer zu sagen: Kinder an die Macht :-)
Genderama 13.03.2012
5. Liebe Spons ...
Zitat von sysopSie ist 22 Jahre alt und steckt mitten in der Ausbildung. Nun will Jasmin Maurer die Piraten am 25. März im Saarland in den Landtag führen. Sie hat sich für ein Leben in der Politik entschieden - auch wenn die Männer dieses Mal noch an ihr vorbeiziehen könnten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,820893,00.html
... gibt es bei Spiegel Online eigentlich noch irgend ein Thema, das ohne die Währung "Geschlecht" auskommt? Ich kann es nicht mehr lesen ... meine Fresse.
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