Porträt: Köhler will unbequem sein

Horst Köhler, der nächste Bundespräsident, gilt als Mann von internationaler Statur. Vor allem nach Osteuropa hat der in Bessarabien geborene ehemalige Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds exzellente Kontakte.

Ab 1. Juli Bundespräsident: Finanzexperte Köhler
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Ab 1. Juli Bundespräsident: Finanzexperte Köhler

Berlin - "Ich habe keine Absicht, wenn ich gewählt werde, ein bequemer Präsident zu werden, ich habe keine Absicht ein unbequemer Präsident zu werden", sagte Horst Köhler noch in der vergangenen Woche. Ein "fertig-gebackener" Präsident sei er nicht. Angst vor dem Amt habe er auch nicht, doch mache ihn das Wissen um dessen Bedeutung demütig.

Als Köhler im März von Union und FDP zum Kandidaten für die Nachfolge von Johannes Rau nominiert wurde, wussten einer Umfrage zufolge gerade mal 20 Prozent der Deutschen, wer dieser Horst Köhler ist. Dass er in der internationalen Finanzwelt seit Jahrzehnten eine bekannte Größe ist, dass er als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) der wohl mächtigste Deutsche auf einem internationalen Posten war, wussten nur Eingeweihte.

Seit März absolvierte der im heute zu Moldawien gehörenden Bessarabien geborene Köhler viele Talk-Show-Auftritte und gab zahlreiche Interviews. Doch so richtig ans Herz gewachsen scheint der 61-Jährige den Menschen noch nicht.

Köhlers Kandidatur hatte von Anfang an ein geteiltes Echo ausgelöst. Für die Wirtschaft war er eine glänzende Wahl, für die Gewerkschaften eher ein Mann des großen Geldes. Einen Mangel an Wirtschaftskompetenz warf ihm niemand vor. Doch das langte vielen nicht. Über die Einstellungen Köhlers außerhalb seines Spezialgebiets war zunächst wenig bekannt.

Diese Lücken zu schließen, war Köhler - dessen Familie 1941 zunächst nach Polen umgesiedelt wurde und nach dem Krieg in den Westen flüchtete - im "Wahlkampf" emsig bemüht. Er äußerte sich zu allem, umriss seine Grundpositionen. Der Privatmann Köhler und seine Frau Eva, die früher einmal in der SPD war, stellten sich unter anderem als Eltern einer blinden Tochter der wissenshungrigen Öffentlichkeit.

Köhler trat 1981 in die CDU ein, genoss aber dennoch stets den Ruf, politisch unabhängig zu sein. Köhler, so sagen politische Weggefährten, sei ein sehr sachorientierter Mann. Der Volkswirt kam 1982 ins Bonner Finanzministerium. Anfang 1990 wurde er beamteter Staatssekretär als Nachfolger des zur Bundesbank wechselnden Hans Tietmeyer. Es war Köhler, der mit Russland die Milliardenzahlungen für den Abzug der Roten Armee aus Deutschland aushandelte. Er regelte die deutsche Finanzhilfe für den Golfkrieg und handelte maßgeblich den Maastricht-Vertrag über die Europäische Währungsunion mit aus.

Köhler war Bundeskanzler Helmut Kohls rechte Hand bei allen wichtigen Wirtschafts- und Finanzentscheidungen. Er bereitete die G-7-Konferenzen der führenden Industriestaaten vor und handelte während dieser Konferenzen das so genannte Kleingedruckte aus. Von 1993 bis 1998 war er Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Dabei machte sich Köhler in der EU gegen Zweifel der Kommission an der Existenzberechtigung der öffentlich-rechtlichen Sparkasseninstitute stark.

In der Reformdiskussion plädiert Köhler für eine "neue Balance zwischen Selbstverantwortung und staatlicher Absicherung". Von den Menschen fordert er lebenslanges Lernen. "Wir brauchen eine neue Aufbruchstimmung", beschwört er die Deutschen zu Veränderungen und mehr Reformen. Zugleich beklagt er Verunsicherung, Spaltungstendenzen und Zerfallserscheinungen in großen Teilen der Gesellschaft.

Soziale Gerechtigkeit sei für ihn "eine unverzichtbarer Grundwert", betont Köhler. Er plädiert für einen "gesunden, aufgeklärten Patriotismus". Das Christentum müsse Grundlage der europäischen Einigung sein. Es sei wünschenswert, den Gottesbezug in die EU-Verfassung aufzunehmen. Den Politikern fordert er ab, den Menschen die Wahrheit zu sagen. In der Außenpolitik hielt sich Köhler bedeckt. Zum Irak-Krieg merkte er an, da hätten sowohl die USA als auch die Europäer Fehler gemacht.

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