Porträt Rainer Ortleb (FDP): Dünnhäutiger Liberaler


Obwohl er im Kabinett von Helmut Kohl Minister war, dürfte der FDP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Sachsen nicht vielen in Erinnerung geblieben sein. Rainer Ortleb, 55, stand in seiner Bonner Zeit nur selten im Rampenlicht der Öffentlichkeit.

Ortleb

Ortleb

1944 in Gera geboren, studierte Ortleb in den sechziger Jahren in Dresden Mathematik. Nach seiner Promotion 1971 war er als Hochschullehrer tätig, zunächst noch in Dresden, seit 1982 dann in Rostock, wo er 1989 eine Professur für Informatik erhielt. Bereits 1968 hatte sich Ortleb der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDPD) angeschlossen, der er bis zur Auflösung der DDR treu blieb. Während der achtziger Jahre war er in Rostock Kreisvorsitzender der Blockpartei sowie Mitglied im Bezirksvorstand.

In der Zeit der Wende trat Ortleb als Übergangschef der LDPD in Erscheinung, die 1990 in der bundesdeutschen FPD aufging. Ortleb wurde daraufhin einer der beiden Stellvertreter des Parteivorsitzenden Otto Graf Lambsdorff. Im Oktober 1990 holte ihn der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl ins Kabinett - zunächst als Minister ohne Amtsbereich. Von Januar 1991 bis Februar 1994 war Ortleb Bundesminister für Bildung und Wissenschaft. Dann trat er überraschend zurück - offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Mit dem harten Tagesgeschäft der Bonner Politik hatte sich der dünnhäutige Mann nie anfreunden können. Im gleichen Jahr legte er auch sein Amt als FDP-Landesvorsitzender Mecklenburg-Vorpommerns nieder.

Ortleb verschwand zunächst von der Bildoberfläche und widmete sich als Abgeordneter der Aufarbeitung der SED-Diktatur, der Umwelt- und der Verteidigungspolitik. Seit 1992 engagiert sich Ortleb als Reservist aktiv in der Bundeswehr.

1997 trat Ortleb in Sachsen wieder verstärkt in Erscheinung. Auf Drängen von Parteifreunden in Dresden übernahm er den Vorsitz des sächsischen Landesverbandes. Zwei Monate nach seiner Wahl gingen für einen kurzen Moment wieder die Nerven mit ihm durch: Aus Verärgerung über die Jungliberalen trat er aus der FDP aus - allerdings nur für wenige Stunden.

Der Bundesvorstand intervenierte und Ortleb trat vom Rücktritt zurück. Hintergrund des Konflikts waren kritische Äußerungen des Jugendverbandes über die schwindende Bedeutung der FDP auf Landesebene. Bei der Landtagswahl in Sachsen wird Ortleb beweisen können, ob er diesmal bessere Nerven hat: Umfragen zufolge muss die FDP um den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde zittern.



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