PR-Offensive bei der Luftwaffe Wie sich Guttenberg aus dem Schlamassel robbt

Käßmann-Kritik, Kunduz-Affäre, CSU-Niedergang: Noch nicht einmal hundert Tage im Amt, hat Verteidigungsminister Guttenberg mit Problemen zu ringen. Sein Antrittsbesuch bei der Luftwaffe illustriert, wie er sich vom Polit-Ballast zu befreien versucht.

Aus Neuburg an der Donau berichtet


Karl-Theodor zu Guttenberg gibt jetzt wieder die Lichtgestalt. Aus der gleißenden Weiße des verschneiten Berliner Militärflughafens rein ins Transall-Transportflugzeug; drinnen in der dunklen Maschine setzt prompt das Blitzlichtgewitter ein. Guttenberg leuchtet. Sogar den gleichen dunkelblauen Anzug trägt er, die gleiche hellblaue Krawatte.

Man kennt diese Fotos aus der Transall bereits. Als frisch vereidigter Verteidigungsminister flog er nach Afghanistan: der zivile Minister, die Hände in die Hüften gestemmt, der passende Lichteinfall. Und um ihn herum die Soldaten.

So hatte es angefangen. Polit-Pop mit Guttenberg. Lobhudeleien, wo er auch auftauchte. Dann, plötzlich, war die Party zu Ende.

Es kam die Kunduz-Affäre. Guttenberg musste seine Einschätzung des anfangs als angemessen eingestuften Tanklaster-Bombardements am afghanischen Kunduz-Fluss revidieren. Eine detaillierte Begründung dafür ist er bis heute schuldig geblieben. Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss eingesetzt. Mit FDP-Außenminister Guido Westerwelle streitet der Freiherr intern über die zukünftige Afghanistan-Strategie: Will Deutschland noch mehr Soldaten an den Hindukusch schicken? Westerwelle stellt sich quer, Guttenberg kalkuliert wohl zusätzliche Truppen ein.

Guttenberg macht einen Punkt

Nun ist es auch noch Margot Käßmann, die Guttenberg zu schaffen macht. Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat den Bundeswehr-Einsatz verdammt, hat in einer Neujahrspredigt "das, was in Afghanistan geschieht" als "in keiner Weise zu rechtfertigen" genannt.

Und Guttenberg? Der bat die Bischöfin am Montag zum 40-Minuten-"Dialog" in den Bendlerblock, man vereinbarte für die Kirchenfrau einen Besuch bei der Führungsakademie der Bundeswehr, für den Minister einen bei einer Evangelischen Akademie. Und Käßmann ist eingeladen, nach Afghanistan zu reisen. Zwar beteuerte sie im "ZDF", ihre Einstellung habe sich auch nach dem Ministergespräch nicht geändert, weil es nicht um einen "gerechten Krieg" gehen könne, "sondern um einen gerechten Frieden".

Doch Guttenberg, trotz des ganzen Ärgers nach Umfragen Deutschlands populärster Politiker, hat einen Punkt gemacht. Wo es seit Einsatzbeginn 2001 nie eine wirkliche Debatte über die Aufgaben der deutschen Soldaten am Hindukusch gab, soll nun Dialog herrschen: "Dialog über die Armee im Einsatz, über die Anerkennung der Bundeswehr in der Gesellschaft", sagt Guttenberg. Und über eine Abzugsperspektive.

Die alternative "taz" spottet in Reimform: "Stumm hängt die Lutheranerin am glattrasierten Ritterkinn." Die bürgerliche "FAZ" kommentiert beglückt den "sinnstiftenden Dialog". Guttenberg werde "nicht (mehr) zum Buhmann einer neuen Friedensbewegung werden - und trotzdem von den Soldaten anerkannt sein: Nach dem Friedensgespräch mit Frau Käßmann machte er der Luftwaffe seine Aufwartung."

Von der Bischöfin in die Transall, zum Antrittsbesuch auf dem Fliegerhorst im oberbayerischen Neuburg an der Donau - so robbt sich der 38-Jährige aus dem Schlamassel der vergangenen Wochen heraus. Guttenberg sucht jetzt seine Rolle und die Balance zwischen dem schneidigen Soldatenminister, der sich anfangs nahezu vorbehaltlos hinter die todbringendste Aktion in der Geschichte der Bundeswehr stellte und dem Politiker, der die Frage nach Sinn und Zweck des Einsatzes zu beantworten sucht.

Wartende Teletubbies

So erleben die Luftwaffen-Soldaten in Neuburg einen sich betont souverän gebenden Minister. Während draußen die wartende Transall, Baujahr 1971, zusehends einschneit und die Presseoffiziere auf Uhr und Witterung schauen, besichtigt Guttenberg in einer Halle das "Fluggerät" der Bundeswehr: Tornado, Eurofighter, Phantom. Die nebenstehenden Mannschaften verwickelt er in derart lange Gespräche, dass die erst ganz am Ende der Reihe in voller Kampfmontur wie Teletubbies aufmarschierten Soldaten des Jagdgeschwaders 74 unter ihren Helmen schwitzen. Der Minister zeige sich "von seiner menschlichen Seite", sagt ein Pilot nach dem Guttenberg-Dialog. Und sei "sehr locker im Umgang".

Eigentlich hatten sie für den CSU-Star hier das ganz große technische Dschingderassabum vorbereitet: einen Eurofighter-Alarmstart. Welch wunderbares Bild: Vorne der Minister, hinten die abhebende Superwaffe. Doch daraus wird nichts. Stattdessen arbeiten sich nur drei blinkende Räumfahrzeuge über das Flugfeld. Und dann verkündet ein Soldat: "Wir lassen das Fluggerät jetzt vorbeirollen." So steht Guttenberg im Schnee, während zwei der modernsten Militärjets der Welt im Kriechgang an ihm vorbeiziehen - und dann wieder im Hangar verschwinden.

Was dem unglücklichen Vorgänger Franz Josef Jung (CDU) wohl noch als persönliche Panne angeheftet worden wäre, prallt an Guttenberg ab. Der sagt, es sei ja kein Notfall, also gehe Sicherheit vor. Und lobt sodann auch noch die "Leistungsfähigkeit der Luftwaffe" und die "exzellenten Abläufe".

Guttenberg, dem die Junge Union in Anlehnung an seine Initialen "KT" im Wahlkampf den etwas holprigen Titel "KrisenbewälTiger" verliehen hat, koppelt sich vom miesen Wetter genauso ab wie von seiner schlingernden Partei. Das war vergangene Woche bei der Tagung der CSU-Bundestagsabgeordneten in Wildbad Kreuth zu beobachten.

Während sich die Truppe um Parteichef Horst Seehofer im ehemaligen Sanatorium für Schwindsüchtige hoch oben überm Tegernsee in Klausur begab, reiste Guttenberg zwischenzeitlich wegen verschiedener Termine ab, um dann wieder vorzufahren. Der große Bahnhof war ihm sicher, die Krise der Partei nicht seine. Und als er - auch dort draußen im Schnee - nach Seehofers Ankündigung einer "Dekade der Erneuerung" fürs Land gefragt wurde, bezog das der ganz offenbar nicht Eingeweihte wohl auf die CSU: Das habe der Vorsitzende gesagt? "Ist doch schön, dann erneuern wir mal."

Das klingt sehr lässig - und irgendwie nach Nichtbeteiligung. Karl-Theodor zu Guttenberg jedenfalls erneuert sich gerade lieber selbst.

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Seite 1
lebenslang 04.12.2009
1.
vom militärischen standpunkt her ist es egal, die bundeswehr wurde von der regierung und der deutschen öffentlichkeit soweit in ihrer militärischen funktionstüchtigkeit herabgedrückt, dass sie mit 4500 oder 6500 mann eh kaum etwas gescheites auf die beine stellen wird. wichtig sind diese 2000 man eher als symbolische geste den kampf der amerikaner und briten sichtbar unterstützen zu wollen.
reinhard_m, 04.12.2009
2.
Zitat von lebenslangvom militärischen standpunkt her ist es egal, die bundeswehr wurde von der regierung und der deutschen öffentlichkeit soweit in ihrer militärischen funktionstüchtigkeit herabgedrückt, dass sie mit 4500 oder 6500 mann eh kaum etwas gescheites auf die beine stellen wird. wichtig sind diese 2000 man eher als symbolische geste den kampf der amerikaner und briten sichtbar unterstützen zu wollen.
Aber es kostet wieder eine Menge Geld für nichts.
sagichned 04.12.2009
3.
Zitat von lebenslangvom militärischen standpunkt her ist es egal, die bundeswehr wurde von der regierung und der deutschen öffentlichkeit soweit in ihrer militärischen funktionstüchtigkeit herabgedrückt, dass sie mit 4500 oder 6500 mann eh kaum etwas gescheites auf die beine stellen wird. wichtig sind diese 2000 man eher als symbolische geste den kampf der amerikaner und briten sichtbar unterstützen zu wollen.
Ja, jetzt ist die öffentlichkeit schuld für das von anfang an zum scheitern verdammte abenteuer.
lebenslang 04.12.2009
4.
Zitat von reinhard_mAber es kostet wieder eine Menge Geld für nichts.
abgerechnet wird wie im zum schluss.
lebenslang 04.12.2009
5.
Zitat von sagichnedJa, jetzt ist die öffentlichkeit schuld für das von anfang an zum scheitern verdammte abenteuer.
zumindest ist sie dafür mitverantwortlich wenn es scheitern sollte. allerdings ist dies dann nicht auf deren eigenem mist gewachsen sondern ergebnis einer völlig verfehlten informationspolitik der bundesregierung.
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