Unterlegene Kandidatin Klarsfeld: Die lachende Zweite

Sie hat verloren - und doch gewonnen: Wie erwartet unterlag Beate Klarsfeld deutlich gegen Joachim Gauck, bekam aber Stimmen aus anderen Parteien. Die Nazi-Jägerin hofft, ihrem nächsten Ziel ein Stück näher gekommen zu sein.

Kandidatin Klarsfeld (mit Linke-Chefin Lötzsch, links): "Die Arbeit geht weiter" Zur Großansicht
dapd

Kandidatin Klarsfeld (mit Linke-Chefin Lötzsch, links): "Die Arbeit geht weiter"

Berlin - Es war ein Achtungserfolg: Beate Klarsfeld bekam 126 Stimmen - und damit drei Stimmen jenseits des Lagers der Linken, die sie ins Rennen ums Schloss Bellevue geschickt hatten. Mit viel mehr hatte Klarsfeld auch nicht gerechnet. "Meine Aufstellung ist symbolisch", sagte die zierliche Dame mit einem breiten Lächeln.

Klarsfelds gute Laune wurde an diesem Sonntag durch die Niederlage gegen Gauck nicht getrübt. Sie freute sich darüber, überhaupt für das höchste Staatsamt in ihrem Heimatland im Rennen gewesen zu sein.

"Dass ich heute hier stehe und Kandidatin bin, auch wenn ich nicht gewinnen werde, ist immerhin eine Anerkennung für die viele Arbeit, die ich seit so vielen Jahren leiste", hatte Klarsfeld dem TV-Sender Phoenix gesagt. Sie wäre aber froh, wenn sie Stimmen von anderen Parteien bekäme. Mindestens drei waren es dann.

Und sie verriet ihre Hoffnung, dass ihr Gauck das Bundesverdienstkreuz verleiht. Die 73-jährige Deutsch-Französin hofft nun auf späte Anerkennung für ihren Kampf gegen NS-Verbrecher. Bislang blieb ihr etwa das Bundesverdienstkreuz verwehrt. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi fordert, dass sich das nun ändert. Klarsfeld habe Deutschland viel Ehre bereitet: "Dazu müssen wir uns endlich mal bekennen."

Gauck selbst sagte am Sonntagabend, er wolle prüfen, warum Klarsfeld die Ehrung noch nicht bekommen habe. "Ich bin da nicht ideologisch festgelegt", sagte der neue Bundespräsident.

Alice Schwarzer attackierte Klarsfeld

In anderen Ländern wurde die Journalistin mit Preisen für ihr Engagement bei der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen überhäuft. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy verlieh ihr den französischen Verdienstorden, aus Israel kam gar der Vorschlag für den Friedensnobelpreis. In Deutschland blieben Ehrungen aus.

Und Kritik gab es rund um den Wahltag auch: Frauenrechtlerin Alice Schwarzer monierte, dass Klarsfeld zu wenig Ahnung von deutscher Politik habe, da sie seit Jahrzehnten im Ausland lebe. Piraten-Politikerin Katja Dathe stört dagegen die einseitige Beschäftigung mit der Vergangenheit bei Klarsfeld - und auch bei Gauck: "Ich hätte mir einen Kandidaten gewünscht, der mehr die Probleme der Zukunft für sich behandelt oder einfach versucht, mehr nach vorne zu denken."

Für Klarsfeld allerdings wird die Vergangenheit wohl auch immer die Zukunft bleiben. "Die Arbeit geht weiter", sie will weiter gegen Rechtsextremismus kämpfen. "Ich habe schon Einladungen zu mehreren Demonstrationen - Gegendemonstrationen gegen die NPD in verschiedenen Städten Deutschlands", sagte Klarsfeld am Sonntag im ARD-Interview und fügte hinzu: "Und da werde ich versuchen, so gut ich kann, eben dabei zu sein." Ihr Ziel sei es, die Bundesregierung dazu zu bringen, "die NPD zu verbieten".

fab/dpa/dapd

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insgesamt 35 Beiträge
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1.
psypunk 18.03.2012
Frau Schwarzer wird auch immer rechtskonservativer, quasi von Paula zur Saula - traurig, was das Alter anrichten kann, da wirkt Gauck geradezu jung.
2. 2012
sir wilfried 18.03.2012
Zitat von sysopSie hat verloren - und doch gewonnen: Wie erwartet unterlag Beate Klarsfeld deutlich gegen Joachim Gauck, bekam aber Stimmen aus anderen Parteien. Die Nazi-Jägerin hofft, ihrem nächsten Ziel ein Stück näher gekommen zu sein. Unterlegene Kandidatin Klarsfeld: Die lachende Zweite - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822087,00.html)
Antifaschisten hatten es schon immer schwer in Deutschland. Daß ein Bundesverdienstkreuz für eine engagierte Frau wie Beate Klarsfeld Anno 2012 noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, sondern für große Diskussionen sorgt, zeigt, welch Geist noch immer in diesem Lande herrscht.
3. Wer sich mit dem DDR-Regiem verbrüdert
spiegledich 19.03.2012
Zitat von sysopSie hat verloren - und doch gewonnen: Wie erwartet unterlag Beate Klarsfeld deutlich gegen Joachim Gauck, bekam aber Stimmen aus anderen Parteien. Die Nazi-Jägerin hofft, ihrem nächsten Ziel ein Stück näher gekommen zu sein. Unterlegene Kandidatin Klarsfeld: Die lachende Zweite - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,822087,00.html)
um nur einen (in diesem Fall) Kiesinger zu "erledigen" und alle gleichfalls Täter in der DDR ungeschoren lässt, ist einfach nur verblendet von der eigenen vermeintlichen Wichtigkeit. Das Bundesverdienstkreuz für sie ist im vereinten D gänzlich unangebracht.
4.
Crom 19.03.2012
Frau Klarsfeld sollte ja eigentlich im rot-grünen Lager wildern. Das ist ihr offenbar nicht gelungen. Sie hat gerade mal drei Stimmen zusätzlich bekommen und die müssen nicht mal aus dem rot-grünen Lager sein, da es mit Piraten, Freien Wählern etc. ja noch einige "Sonstige" in der Bundesversammlung gibt. In meinen Augen ist ihre Kandidatur damit ein ziemlicher reinfall, vor allem wenn es über 100 Enthaltungen gab.
5. Hm
Herr Hold 19.03.2012
Zitat von sir wilfriedAntifaschisten hatten es schon immer schwer in Deutschland. Daß ein Bundesverdienstkreuz für eine engagierte Frau wie Beate Klarsfeld Anno 2012 noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, sondern für große Diskussionen sorgt, zeigt, welch Geist noch immer in diesem Lande herrscht.
Ich finde es seltsam, wenn jemand über sich selbst sagt: " jetzt bekomme ich die Anerkennung, die ich verdiene". Das entscheiden nun mal andere.Und ich gehe, ehrlich gesagt, nicht davon aus dass hier irgendjemand " ein Problem hat, einer Antifaschistin das selbstverständliche Bundesverdienstkreuz zu verleihen". Vielleicht ist es nicht so "selbstverständlich".
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Vom Kandidaten zum Präsidenten
Wer wählt den Bundespräsidenten?
Die Bundesversammlung, die sich aus den Abgeordneten des Bundestages und einer gleichen Zahl von Wahlmännern beziehungsweise -frauen aus den Ländern zusammensetzt. Letztere werden von den Länderparlamenten entsprechend den jeweiligen politischen Stärkeverhältnissen gewählt. Derzeit gehören dem Parlament 620 Abgeordnete an. Die Bundesversammlung umfasst somit 1240 Wahlleute.
Wie wird gewählt?
Das Staatsoberhaupt wird geheim und ohne vorherige Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigt. Die Wiederwahl ist einmal möglich. Wählbar ist jeder Deutsche, sofern er das 40. Lebensjahr vollendet hat. Sollte kein Bewerber im ersten oder zweiten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen, reicht im dritten Wahlgang die relative Mehrheit. Drei Mal waren bislang drei Wahlgänge erforderlich: 1969 bei Gustav Heinemann, 1994 bei Roman Herzog und 2010 bei Christian Wulff.
Wann wird gewählt?
Laut Gesetz muss die Bundesversammlung spätestens 30 Tage vor dem Ende der Amtszeit des Bundespräsidenten zusammentreten. Sollte eine Amtszeit verfrüht enden muss die Bundesversammlung spätestens dreißig Tage später den Nachfolger wählen. Als spätester Termin für die Neuwahl kommt somit der 18. März in Frage. Einberufen wird die Versammlung vom Bundestagspräsidenten.
Wer hat die Mehrheit?
Die parteipolitische Mehrheit der Bundesversammlung muss nicht identisch sein mit den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag. Nach Berechnungen des Portals wahlrecht.de hätte Schwarz-Gelb derzeit nur eine Mehrheit von zwei bis vier Stimmen in der Bundesversammlung. Da SPD und Grüne mit im Boot sind, gilt die Wahl von Joachim Gauck als sicher.
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