Predigt gegen PID: Kardinal Meisner vergleicht Embryonentests mit biblischem Kindermord

Der Kölner Kardinal Meisner hat sich mit einem heiklen Vergleich zum Streitthema Präimplantationsdiagnostik zu Wort gemeldet. Er verglich die Tests an Embryonen mit der biblischen Geschichte vom Kindermord in Bethlehem. Es ist nicht die erste Provokation des katholischen Geistlichen.

Kardinal Joachim Meisner (Aufnahme von 2009): Scharfe Attacken gegen PID Zur Großansicht
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Kardinal Joachim Meisner (Aufnahme von 2009): Scharfe Attacken gegen PID

Köln - Kardinal Joachim Meisner ist für deutliche Worte und scharfe Attacken bekannt. Nun hat sich der Kölner Erzbischof in einer Predigt zur umstrittenen Präimplantationsdiagnostik (PID) geäußert und einen zweifelhaften Vergleich gezogen. Er stellte den Gentests an Embryonen den biblischen Kindermord von Bethlehem gegenüber.

König Herodes habe im Matthäus-Evangelium eine Selektion nach ganz bestimmten Kriterien vorgenommen, sagte Meisner am Dienstag in seiner Predigt zum Fest der Unschuldigen Kinder im Kölner Dom. Genau dies täten heute die PID-Befürworter. "Gewiss, es ist politisch unkorrekt, diesen Vergleich zu ziehen, weil die Befürworter von PID um ihre Entscheidung gerungen haben. Aber bei allem Ringen: Diese Entscheidung ist falsch", sagte der Kardinal.

Laut biblischer Überlieferung ließ Herodes alle Jungen aus Bethlehem im Alter von bis zu zwei Jahren töten, weil er den neugeborenen Jesus als Gefahr für seine eigene Macht betrachtete. "Die Kriterien des Herodes waren: Ort, Alter, Geschlecht, Stand der Forschung", sagte Meisner laut dem vorab verbreiteten Predigttext. "Die Befürworter der PID haben auch ihre Kriterien, und sie machen sich auch den Stand der Forschung zunutze."

Meisner verurteilte PID scharf: "Es kann nicht göttlich sein, zu töten. Es kann nicht göttlich sein, zu selektieren. Es kann nicht göttlich sein, Angst triumphieren zu lassen", sagte er. Bei der PID gebe es keinen Mittelweg.

"Der Mensch in seiner Würde ist von dem Moment an da, wo die Eizelle befruchtet ist." Niemand habe das Recht, hier eine Auswahl zu treffen. "PID zieht immer Selektion und Tötung nach sich. Wer PID zulässt, sagt Nein zum Leben und damit Nein zu Gott selbst", erklärte der Kardinal. Auch andere Bischöfe hatten sich in ihren Weihnachtspredigten gegen die Embryonentests ausgesprochen.

Meisner ist für umstrittene Vergleiche berüchtigt

Bei der PID werden im Reagenzglas erzeugte Embryonen außerhalb des Mutterleibs auf Erbkrankheiten untersucht. So sollen Fehl- und Totgeburten oder Geburten kranker oder behinderter Kinder vermieden werden. Nur gesunde Zellen werden in den Mutterleib eingepflanzt. Die nicht verwendeten Embryonen sterben ab.

Eine fraktionsübergreifende Gruppe von Parlamentariern hatte zuletzt einen Gesetzentwurf vorgestellt, der die PID in engen Grenzen erlauben soll. Die Gegner wollen allerdings bald nachziehen. Im deutschen Embryonenschutzgesetz von 1990 wurde die Präimplantationsdiagnostik noch nicht ausdrücklich geregelt und galt daher als strafbar. Mit einem Urteil vom Juli dieses Jahres hat der Bundesgerichtshof (BGH) allerdings die Auswahl künstlich befruchteter Eizellen bei Paaren mit einer Veranlagung zu schweren Genschäden erlaubt. Deswegen steht nun eine gesetzliche Regelung an. Die Abstimmung im Bundestag soll ohne den sogenannten Fraktionszwang stattfinden.

Meisner betonte, dass die menschliche Würde unabhängig von Krankheiten und Behinderungen sei und auch unabhängig vom Alter. Der Mensch unterscheide sich vom Tier dadurch, dass er Person sei. Diese Personalität gelte zum Beispiel auch für schwer geistig Behinderte. Eine Zulassung von PID würde "lawinenartig eine weitere Lockerung des Lebensschutzes" verursachen, warnte der 77-jährige Priester.

Die Errungenschaften des medizinischen und biotechnischen Fortschritts könnten auch vom Heil ins Unheil kippen, sagte Meisner. "Gesundheit ist gewiss ein hohes Gut, das höchste Gut des Menschen ist sie nicht", hieß es in seiner Predigt. Das höchste Gut sei die Beziehung zu Gott.

Meisner provozierte bereits in der Vergangenheit mit umstrittenen Vergleichen Kritik. So zog er Parallelen zwischen Abtreibungen und dem Holocaust. Im vergangenen Jahr hatte der Kölner Erzbischof in seiner Allerheiligen-Predigt das Weltbild des Evolutionsbiologen Richard Dawkins mit dem der Nazis verglichen.

mmq/dpa/dapd

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 174 Beiträge
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1. die mal wieder
fredvonmars 28.12.2010
Warum muss ich mich eigentlich immer übergeben wenn sich katholische Priester zu Familie, Kindern oder ähnlichem äussern ? Ich verstehe die gesamte Diskussion um die PID sowieso nicht. Was spricht dagegen, eine Zelle auf genetische Defekte zu untersuchen, bevor sie in die Mutter eingepflanzt wird ? Wir bewegen uns schon im Bereich der Hochtechnologie-Medizin, es geht um Eltern, die einen intensiven Kinderwunsch haben, teilweise schon behinderte Kinder aufziehen. Ein Verbot der PID wird nur die Anzahl der Abtreibungen in die Höhe treiben. Toll Hr. Meisner...
2.
inci 28.12.2010
Zitat von sysopDer Kölner Kardinal Meisner hat sich mit einem heiklen Vergleich zum Streitthema*Präimplantationsdiagnostik zu Wort gemeldet. Er verglich die Test an Embryonen mit der biblischen Geschichte vom Kindermord in Bethlehem. Es ist nicht die erste Provokation des*katholischen Geistlichen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736904,00.html
dann sollte kardinal meixner das doch noch einmal nachlesen, und sich notfalls nachhilfe holen, damit ihm jemand mal den unterschied zwischen dem biblischen kindermord (tötung aller männlichen neugeborenen und leid der betroffenen eltern um eine königliche herrschaftslinie aufrecht zu erhalten) und PID (verhinderung von abtreibung und evtl. vorzeitigem kindstod und leid der betroffenen eltern) einziger unterschied - es geht nicht im eine königliche herrschaftslinie, sondern um menschen wie sie und ich. auch wie sie verehrter kardinal meixner.
3. ...
jubelbube 28.12.2010
Ist schon bezeichnend, dass Herr Meisner eine Lügengeschichte für seine Argumentation heranziehen muss ...
4. Fragen
snibchi 28.12.2010
Die Frage ist, wann beginnt Leben? Der Zeitpunkt der Vereinigung von Ei- und Samenzelle ist willkürlich gesetzt. Es gibt keinen Beweis dafür oder dagegen, dass zu diesem Zeitpunkt das Leben seinen Anfang nimmt. Man könnte auch behaupten, dass Ei- und Samenzelle schon etwas Lebendiges sind. So gesehen wäre jeder von uns ein Massenmörder. Ein Bewußtsein und/oder eine Seele kann eine mit einer Samenzelle vereinigte Eizelle wohl kaum haben in Ermangelung eines neuronalen Netzwerkes bzw. Gehirns. Wann ist der Zeitpunkt, in dem das Bewußtsein und/oder die Seele Einzug hält in den Körper bzw. wann geht jenes daraus hervor? Man könnte rein theoretisch diesen Zeitpunkt auch weit vor der Zellvereinigung setzen. Dann wäre schon der Gedanke, keine Kinder haben zu wollen, Mord.
5. Alte Männer ohne Bezug zur Gegenwart
robert1000 28.12.2010
Zitat von sysopDer Kölner Kardinal Meisner hat sich mit einem heiklen Vergleich zum Streitthema*Präimplantationsdiagnostik zu Wort gemeldet. Er verglich die Test an Embryonen mit der biblischen Geschichte vom Kindermord in Bethlehem. Es ist nicht die erste Provokation des*katholischen Geistlichen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736904,00.html
Die alten Männer der Katholischen Kirche haben wohl jeden Bezug zur Gegenwart des heutigen Lebens verloren. Gegen nahezu alles kann man sich heute ab- bzw. versichern. Jedoch um das elementares Recht auf ein gesundes Kind mittels PID muß ein Katholik um den Preis des Glaubens kämpfen. Muß erst der letzte Gläubige die offizielle Verbindung zur Kirche aufkündigen? Da hilft wohl nur das Zölibat aufheben und das Alter der Kirchenoberen auf max. 60 Jahre begrenzen.
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.

Fotostrecke
Babys aus dem Reagenzglas: Wie aus Zellen Menschen werden
Künstliche Befruchtung
In-vitro-Fertilisation
SPIEGEL TV
Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF), lateinisch für "Befruchtung im Glas", vereinigen sich weibliche Eizellen mit männlichen Spermien im Reagenzglas. Je nachdem, welche Methode angewandt wird, kommt es in 50 bis 70 Prozent der Versuche zur Befruchtung. Zwei bis fünf Tage später werden üblicherweise zwei Embryonen in die Gebärmutter eingepflanzt. Etwa 14 Tage danach verrät ein Schwangerschaftstest, ob die Prozedur erfolgreich war. Unter dem Strich führt die künstliche Befruchtung in 20 bis 40 Prozent der Fälle zu einer Geburt. Mehr auf der Themenseite...
Die Methoden
Die künstliche Befruchtung kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden:

Klassische In-vitro-Fertilisation (IVF): Zunächst werden durch eine Hormonbehandlung Eizellen im Körper der Frau zum Reifen gebracht und später entnommen. Sie kommen zusammen mit den männlichen Spermien in ein Reagenzglas, wo im Idealfall eine spontane Befruchtung stattfindet.

Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI): Sind die Spermien in ihrer Beweglichkeit gestört oder nur in geringer Zahl in der Samenflüssigkeit enthalten, kommt die ICSI-Methode zum Einsatz: Ein einzelnes Spermium wird unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert.

Sonderformen der Injektion werden angewandt, wenn es weitere Probleme mit der Spermiengewinnung gibt. Bei einer wird das zu injizierende Spermium zusätzlich anhand seiner äußeren Merkmale ausgesucht. Sind die Samenwege des Mannes verstopft, können Mediziner die Spermien auch direkt aus Hoden oder Nebenhoden gewinnen.
Rechtliche Lage
In Deutschland ist die künstliche Befruchtung rechtlich gestattet, wenn es bei einem Paar ein Jahr lang trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs nicht zu einer Zeugung gekommen ist. Die In-vitro-Fertilisation macht es auch möglich, befruchtete Eizellen zu spenden oder ein Kind durch eine Leihmutter austragen zu lassen. Beides ist in Deutschland jedoch durch das Embryonenschutzgesetz verboten, während die Samenspende erlaubt ist.
Geschichte
1968 gelang es dem englischen Forscher Robert Geoffrey Edwards zum ersten Mal, im Labor eine menschliche Eizelle zu befruchten. Zehn Jahre später, am 25. Juli 1978, wurde Louise Brown im Oldham General Hospital in Manchester geboren. Sie war das erste Kind, das aus einer künstlichen Befruchtung hervorging. Inzwischen ist das Verfahren medizinischer Standard: 2004 kamen weltweit geschätzte 1,5 Millionen Kinder dank künstlicher Befruchtung zur Welt. Eine "monumentale" Veränderung, fand das schwedische Karolinska-Institut, das Edwards 2010 mit dem Medizin-Nobelpreis auszeichnete.