Prekariat-Studie Fatale Furcht ergreift die ewigen Verlierer

Wut und Frustration wachsen im unteren Drittel der deutschen Gesellschaft - die sogenannten kleinen Leute verlieren jede Zukunftszuversicht: Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Mit Begriffen wie Chance können die Abgehängten nichts anfangen, ihre Verbitterung über die Parteien wächst.

Von Franz Walter


Im Herbst 2006 machte ein Begriff aus der Soziologie jäh Karriere: Prekariat. Durch eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung geriet für einige Wochen die Schicht ganz unten in der sozialen Hierarchie ins Visier der Öffentlichkeit. Aber die Debatte verebbte so schnell wie sie zuvor aufgekommen war. Hernach war vorwiegend die Abstiegsangst der gesellschaftlichen Mitte ein Thema von Politik und Publizistik. So ist es auch und gerade in der Krise des Finanzkapitalismus geblieben.

Agentur für Arbeit in Ludwigsburg: Fortschrittsangst dominiert
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Agentur für Arbeit in Ludwigsburg: Fortschrittsangst dominiert

Nun haben sich Heidelberger Lebensweltforscher und Göttinger Politologen vor einigen Wochen wieder in die Milieus des unteren Drittels der deutschen Gesellschaft begeben. Erfreuliche Nachrichten sind von dort - natürlich - nicht zu vermelden. Die Wut, aber mehr noch: Frustration und Resignation sind in den vergangenen drei Jahren weiter gewachsen.

Die Zeiten eines hochqualifizierten, selbstbewussten, gar klassenkämpferischen "Proletariats" sind offensichtlich auf immer vorbei. Die Menschen im unteren Drittel sind mutlos, keineswegs zukunftsgewiss, sondern voller Furcht vor dem, was noch kommen mag.

Die "kleinen Leute" im mittleren oder höheren Alter sind konservativ in dem Sinne, dass ihr Fluchtpunkt stets die Verhältnisse von "früher" sind. "Früher" - da galten sie und ihre Fähigkeiten noch was. Früher, da kam man auch mit einem ordentlichen Volksschul- oder Realschulabschluss weiter. "Heute muss man doch mindestens Abitur haben, sonst brauchst Du Dich gar nicht erst vorzustellen" - lautete die immerwährende Klage der Menschen in prekären Lebensverhältnissen.

Mit dem Begriff der "Chance" können sie nichts anfangen. Auf die Formel "Chance durch Bildung" reagieren sie gar wütend. Jeder oder jede von ihnen, der/die - sagen wir - über 16 Jahre ist, erfasst ganz realistisch, dass die Chancen-Bildungs-Gesellschaft für ihn oder sie bedeutet, in den nächsten Jahrzehnten ohne Aussichten, ohne Ansehen, erst recht ohne Möglichkeiten des Weiterkommens zu bleiben. Denn Bildung war ja der Selektionshebel, der sie in die Chancenlosigkeit hineinsortiert hatte. Bildung bedeutet für sie infolgedessen das Erlebnis des Scheiterns, des Nicht-Mithalten-Könnens, der Fremdbestimmung durch andere, die mehr gelesen haben, besser reden können, gebildeter aufzutreten vermögen.

Signifikant ist die dominante Fortschrittsangst

Mehr Bildungschancen mag ein Rezept für ihre ganz kleinen oder noch nicht geborenen Kinder sein - aber selbst daran glauben sie nicht. Für sie selbst heißt die Konzentration staatlicher Anstrengungen auf Bildung statt sozialer Transfers die Verfestigung von sozialer Labilität, ja Marginalität. Ganz illusionslos sehen sie, dass es für sie nicht eine einzige plausible Idee für ein sozial gesichertes und respektables Leben in den nächsten Jahrzehnten gibt. Daher klammern sie sich stärker als alle anderen Gruppen an den Staat. Zugleich aber beschweren sie sich bitter über die Bürokratie, mit der sie bei ihren täglichen Behördengängen zu tun bekommen, von der sie sich gegängelt, überwacht, schikaniert fühlen.

Signifikant ist die dominante Fortschrittsangst. Der Fortschritt bedeutet Bedrohung, übt einen permanenten Druck aus, den man nicht zu bewältigen vermag, der hilflos und klein macht, der die eigene Entbehrlichkeit und Nutzlosigkeit grell ausleuchtet. Auch hier ist der pessimistische Fatalismus spürbar, das allgegenwärtige Gefühl, die Dinge nicht mehr in der Hand zu haben, erst recht nicht steuern zu können, weshalb sich gerade die überforderten Unterschichten in ihre Refugien von Couch und Fernsehzimmer zurückziehen, um ihre Hilflosigkeit nicht noch öffentlich preisgeben und sich der Lächerlichkeit aussetzen zu müssen.

Bezeichnend an der Selbstinterpretation der unteren Schichten ist, dass sie die schlimmste Zeit, die fatalsten Brüche in ihrer Lebensgeschichte, in den achtziger und neunziger Jahren verorten, als nicht nur die schon zuvor existente Arbeitslosigkeit drückte, sondern als überdies die neuen Medien, die neuen Technologien, die deutsche Einheit, die neue Währung, die neuen Ansprüche im Geschlechter- und Familienverhältnis, die Appelle zur fortwährenden Bildung ihnen auf den verschiedensten Ebenen zusetzten. Mit einem Problem fertig zu werden, hätte ihnen noch gelingen mögen. Doch nun bündelten sich die Wandlungen und Zumutungen auf allen Seiten der Alltagsbewältigung.

Auch der Staat besitzt eine beschränkte Leistungsfähigkeit

Der Soziologe Rainer M. Lepsius hat in anderer Angelegenheit darauf hingewiesen, dass Nationen kaum dazu in der Lage sind, mit sich überlappenden Basisproblemen, die sämtlich zeitgleich auftreten, auf zivile Weise fertig zu werden.

Auch ein gut funktionierendes System kann in der Regel jeweils nur ein Großproblem konstruktiv lösen, denn jede Organisation - eben auch der Staat - besitzt eine beschränkte Leistungsfähigkeit. Für die mit kulturellen Ressourcen minderausgestatteten Unten-Milieus gilt das erst recht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Katalysatorius 02.04.2009
1. Spricht mir aus dem Herzen
Eine gute Analyse des sogenannten Prekariats. Aber: Das Prekariat ist viel vielschichtiger. Es sind nicht nur Handwerker oder Näherinnen, die so denken (müssen). Ich persönlich habe eine gute Ausbildung, viel gearbeitet und geleistet, war ausgestattet mit Personal- und Finanzverantwortung. Nun habe ich mit 58 Jahren meinen Job verloren. Ein Einstieg ins Berufsleben ist wohl nicht mehr möglich; das sagt mir zumindest die Analyse meiner Vorstellungsgespräche. Wie es weiter geht? Nun, ich finde mich mittlerweile zumindest gedanklich beim sog. Prekariat. Über kurz oder lang werde ich auch bezüglich der finanziellen Ausstattung zum Prekariat gehören. Es ist leider so, dass die Mehrzahl der Politiker nur ihre eigenen Interessen verfolgen. Sie sind lieb und nett zu ihren Wählern, solange diese sie anschauen. Kaum dreht der Wähler aber den Rücken, ergießt sich die Verachtung der Politiker auf diese, na ja, menschliche Verfügungsmasse zwecks Sicherung eines bequemen, hochdotierten Arbeitsplatzes.
anderton 02.04.2009
2.
Ich kenne einen Mann, der ist 59 Jahre alt. Mit 53 wurde er - nach über 37 jahren Arbeit - aus seinem gelernten Beruf "ausgemustert". Dannach musste er sich mit einem Fahrerjob für weniger als 400 Euro im Monat begnügen. Auf dem Weg zur Arbeit hatte er nun einen Unfall und kann diesen Job ebenfalls nicht mehr ausüben. Er bekommt jetzt ca. 200 Euro im Monat aufgrund des Unfalls (Überbrückungsgeld oder ähnliches). Der Führentenantrag wurde abgelehnt. HARTZ IV ist nicht möglich, da seine Frau für 7 Euro die Stunde an der Tankstelle arbeitet und vom Arbeitsamt subventioniert wird. Da beide verheiratet sind und gemeinsam in einer Wohnung leben, "verdient die Frau genug für beide". Wenn wir mit den Menschen so umgehen, braucht sich keiner zu Wundern... Das dieser Mann jegliches Vertrauen in das System und die Gesselschaft verloren hat, braucht hier nicht erwähnt zu werden... Die im Beitrag angesprochene Wut, kann ich nur zugut nachvollziehen. Selbst als nicht direkt betroffener, werde ich bei solchen Fällen mehr als Wütend und hoffe das dieses System endlich den Bach runter geht... Armes Deutschland... anderton
DonLucio 02.04.2009
3. Leider wahr
Eine brilliante Analyse, volle Zustimmung. Das abgehängte (Un-)bildungs-Prekariat ein Drittel der Gesellschaft? Wehe, wenn dort mal ein revolutionärer Funke zündet! Mir gibt dieser Bericht die schöne Gelegenheit, mal wieder mein Lieblings-Mantra anzubringen: Die Medien sind schuld! So abgegriffen, so klischeehaft: so wahr! Eine Mittelstandsschicht, die täglich eingehämmert bekommt, wie "man" heute so lebt: jung, schön, erfolgreich, und wenn's da mal ein Problem gibt, kaufst du nur dieses oder jenes Produkt und schon biste wieder glücklich: Diese Mittelstandsschicht kann nicht anders als sich als Unterschicht begreifen, weil eben nur die wenigsten jung, schön und vor allem "erfolgreich" sind. Aber was folgt daraus? Medien verbieten ? Nee, dann gibt es noch mehr Millionen Prekarier (aka Arbeitslose) Vielleicht brauchen wir wirklich mal eine echte Revolution ...
Janu, 02.04.2009
4. Die Macht des Unsichtbaren
Zitat von sysopWut und Frustration wachsen im unteren Drittel der deutschen Gesellschaft - die sogenannten kleinen Leute verlieren jede Zukunftszuversicht: Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie. Mit Begriffen wie Chance können die Abgehängten nichts anfangen, ihre Verbitterung über die Parteien wächst. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,616392,00.html
Ein lesenswerter Artikel, der plausibel argumentiert. Verständlich, dass eine offenbar durch eine niedrige Zukunftserwartung definierbare Gruppe sich nicht auf eine, aus Ihrer Sicht offenbar berechenbare, Politik einlassen möchte, die sich aus ihrer Sicht eher dem politisch Durchsetzbaren und dem Beachten der Positionen von nicht ihre Interessen dienenden Lobbyisten verschrieben hat. Man könnte auch sagen: Ein Problem der Nichtbeachtung, wie auch der Sprachlosigkeit. Dabei sollte es nicht bleiben, waren es denn nicht die gesellschaftlichen Gruppen der 'Chancenlosen', die zu den loyalsten Anhängern der NSDAP wurden?
Capitan 02.04.2009
5. Bildung ist Makulatur
Das mit der Bildung ist in vielen Berufsfeldern "Makulatur". Ich habe über die letzten 10 Jahre die Erfahrung gemacht, daß es viel vorteilhafter ist, eine große Klappe zu haben und das möglichst auf Englisch und in Powerpoint. Es gibt immer mehr Unternehmen, die auf Kommunikation, Networking und Selbstdarstellung setzen, wie auf Können und Wissen. Früher war es ist wichtig, daß man was konnte und wußte, heute ist es wichtig, daß man darüber plappern kann. Möglichst auf Englisch, versteht sich.
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