Frischlinge im Bundestag Hallo, wir sind die Neuen

Sie wissen noch nicht, wo die Toiletten sind, und haben Angst, sich zu verlaufen: 229 neue Abgeordnete ziehen zum ersten Mal in den Bundestag ein. Zehn Frischlinge erzählen, worauf sie sich freuen und was sie erreichen wollen - darunter ein Graf, ein Schauspieler und eine Studentin.

Europäisches Parlament

Von , und


Berlin - Ist das aufregend! Dieser Satz geistert durch die Köpfe von 229 neuen Abgeordneten. Sie haben den Einzug in den Bundestag zum ersten Mal geschafft, für sie ist das Mandat eine Premiere. Der Bundestag wird ordentlich durchgemischt: Fast ein Drittel der insgesamt 630 Abgeordneten muss sich im Turbogang im Parlament zurechtfinden, sich auf Gremien verteilen, Büros beziehen und Mitarbeiter einarbeiten.

In der Unionsfraktion gibt es 114 neue Gesichter, bei der SPD 86, bei den Grünen sitzen bald 18 Neulinge, bei der Linken elf. Und da bis zum 22. Oktober, wenn der neue Bundestag voraussichtlich zum ersten Mal zusammenkommt, eine Menge organisiert werden muss, gleicht das Reichstagsgebäude dieser Tage einem Taubenschlag.

Da fragen neue Abgeordnete nach Toiletten, nach der Kantine oder dem Raum, in dem Laptops verliehen werden. Einen endgültigen Ausweis für den Bundestag hat noch keiner. Zur Begrüßung gibt es graue Jutebeutel, darin ein Schreiben von Bundespräsident Joachim Gauck, eine BahnCard und einen Lageplan.

Auf den Fluren wird schnell klar, wer schon seit Jahren dabei ist - und wer nicht. Um die alten Hasen scharen sich die Fotografen und Kamerateams, die Polit-Promis schütteln Hände, umarmen Parteifreunde, stehen in großen Trauben beieinander. Die Neuen stehen abseits vom Trubel, aufgeregt, auf der Suche nach ihrem Platz, ihrer neuen Rolle.

Wer sind die neuen Gesichter im Bundestag? SPIEGEL ONLINE hat zehn Frischlinge im Parlament getroffen.


1. Parteilos: Azize Tank, 63 - "Alt kann sexy sein"

imago

Azize Tank trat als parteilose Kandidatin für die Linkspartei an. Geboren wurde Tank in der Türkei, sie lebt seit 40 Jahren in Berlin. Sie arbeitete als Migrantenbeauftragte, 2009 ging sie in den Ruhestand.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Meinem Mann. Ich hab ihn geweckt und gesagt: 'Wach auf! Weißt du, wer neben dir liegt? Eine zukünftige Bundestagsabgeordnete.' Wir haben uns umarmt und geküsst, dann habe ich meine Töchter angerufen."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Ich weiß noch nicht, wo mein Büro sein wird oder welche Ausschüsse es eigentlich gibt. Aber ich lasse einfach alles in Ruhe auf mich zukommen."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Die Themen Migration und Rassismus starkmachen. Außerdem will ich mich für die Bereiche Alter und Frauen einsetzen. Ich selbst genieße mein Alter sehr und will zeigen: Alt kann sexy und liebenswert sein."


2. Grüne: Franziska Brantner, 34 - "Ich bringe Europa nach Berlin"

Europäisches Parlament

Franziska Brantner ist seit 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments. Sie hat Politik in Paris und New York studiert, 2010 promovierte sie. Gemeinsam mit Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat sie eine Tochter.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Fast alle wichtigen Menschen in meinem Umfeld waren am Wahlabend dabei, Parteikollegen, meine Familie. Nur eine gute Freundin musste ich anrufen, um ihr zu sagen: 'Es hat geklappt!'"

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Es ist schön, viele bekannte Gesichter zu sehen, und ich freue mich auf die Debatten und Gespräche."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich bringe Europa nach Berlin. Die Grünen müssen zur Europapolitik eine eigene Meinung entwickeln und sie nach außen tragen."


3. SPD: Karamba Diaby, 52 - "Mindestlohn ist mir wichtig"

REUTERS

"Erster Afrikaner im Bundestag" - Karamba Diabys Einzug ins Parlament sorgte für Schlagzeilen. Er ist im Senegal geboren, kam vor 28 Jahren als Student in die DDR und lebt seit 1986 in Halle, heute als promovierter Chemiker.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Meine Frau und meine Kinder waren auf meiner Wahlparty, aber irgendwann mussten die Kinder ins Bett. Spätabends konnte ich dann anrufen und verkünden: Ich fahre nach Berlin."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "In einer netten Runde mit meinen Kollegen sitzen und mich austauschen."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Der Mindestlohn ist mir wichtig. Ich komme aus dem Osten, da arbeiten viele für weniger als 8,50 Euro."


4. SPD: Michelle Müntefering, 33 - "Eine echt große Party"

DPA

Michelle Müntefering ist die Frau von Franz Müntefering, dem ehemaligen SPD-Chef und Partei-Urgestein. In ihrem Wahlkreis Herne/Bochum II gewann die Journalistin gleich das Direktmandat. Bei ihrer ersten Fraktionssitzung waren die Plätze in den vorderen Reihen schon besetzt: "Na, dann setze ich mich an meinem ersten Tag mal noch nach hinten", sagte Müntefering. Das lässt auf Ambitionen schließen.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Wir haben mit der ganzen Partei in Herne in einer alten Industriehalle gefeiert. Eine echt große Party. Alle waren da, auch mein Mann. Deshalb musste ich gar nicht telefonieren."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Die vielen neuen Gesichter kennenlernen. Das wird spannend."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich möchte Verbraucherschutz und Infrastruktur machen. Da unterzukommen, das ist mein erstes Projekt."


5. CSU: Emmi Zeulner, 26 - "Gucken, ob die Technik funktioniert"

DPA

Sie beerbte Karl-Theodor zu Guttenberg in seinem Wahlkreis: Emmi Zeulner hat Kulmbach auf Anhieb gewonnen. Die Studentin und ehemalige "Korbstadtkönigin" sieht Gesundheitspolitik und die Entwicklung des ländlichen Raums als ihre Schwerpunkte.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Mitbekommen hat es zuerst mein kleiner Bruder. Der saß neben mir, als ich erfahren habe, dass ich das Direktmandat geholt habe."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Ich werde erst einmal probieren, ob mit der Technik und der EDV alles funktioniert. Ohne E-Mail wäre mein Büro nicht arbeitsfähig."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich möchte sagen können, dass ich gute Arbeit gemacht habe. Und ich würde mich gern im Gesundheitsausschuss einbringen."


6. CSU: Graf von und zu Lerchenfeld, 61 - "Vertrauen bestätigen"

Graf Lerchenfeld / Julia Gröschl

Philipp Graf von und zu Lerchenfeld saß bislang im Landtag in Bayern. Sein langer Name mag einschüchternd wirken, in der Öffentlichkeit bemüht er sich aber um Lockerheit. An seinem ersten Tag als Abgeordneter in Berlin trug er eine Krawatte, bedruckt mit vielen Tiermotiven: kleine Schnecken.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Meiner Frau. Wir haben uns sehr gefreut. Ich hatte aber schon damit gerechnet, dass ich es schaffe."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Ich übernehme alle Mitarbeiter von meinem Vorgänger, also geht es erst einmal darum, jeden persönlich kennenzulernen."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich möchte das Vertrauen bestätigen, das mir entgegengebracht wurde. Und gern im Finanzausschuss Platz finden."


7. Charles M. Huber, 56 - "Ziemlich unübersichtlich hier"

REUTERS

Charles M. Huber wurde als Ermittler in der Krimi-Serie "Der Alte" bekannt, nun ist er Berufspolitiker. Bei seinem ersten Besuch im Reichstag schaute er sich in Ruhe um, fragte sich durch das Gebäude. Huber ist Sohn eines senegalesischen Diplomaten und einer Deutschen. Ursprünglich war er SPD-Mitglied, dann bei der CSU, nun sitzt er für die CDU im Bundestag.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Ich habe die gute Nachricht erst am nächsten Morgen beim Frühstück erfahren. Dann habe ich meine Kinder durchtelefoniert."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Ich hoffe, dass ich mich zurechtfinde und mich nicht verlaufe. Es ist ja schon alles sehr unübersichtlich und riesig hier."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Mehr als die Vorgänger, die bislang für meinen Wahlkreis Darmstadt im Bundestag saßen."


8. SPD: Mahmut Özdemir, 26 - "Schluss mit Kettenverträgen"

Mahmut Özdemir

Mahmut Özdemir ist der jüngste Bundestagsabgeordnete, bereits mit 14 trat er in die SPD ein. Erfahrung mit Parlamenten hat er schon, in seinem Wahlkreis in Duisburg saß er in einer Bezirksvertretung.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Ich hatte gar keine Zeit zum Telefonieren, so beschäftigt war ich, Glückwünsche entgegenzunehmen. Ich habe mit Genossen im traditionellen SPD-Café in Duisburg gefeiert."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Den parlamentarischen Betrieb kenne ich ja schon etwas. Ich freue mich jetzt vor allem auf die neue Herausforderung auf Bundesebene."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich will die junge Generation aus befristeten Kettenverträgen rausholen. Die Generation Praktikum muss endlich ein Ende haben."


9. Linke: André Hahn, 40 - "Erst mal eine Wohnung finden"

DPA

André Hahn war Landtagsabgeordneter in Sachsen, wurde als Fraktionschef 2012 abgelöst. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen ihn als führenden Kopf einer Nazi-Blockade-Demonstration ermittelt. Das Verfahren wurde eingestellt.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Alle waren bei mir, meine Frau und die Parteifreunde, das Telefon konnte deshalb aus bleiben. Wir haben in einer Gaststätte in meinem Landkreis in der Sächsischen Schweiz gefeiert, dem Goldenen Löwen."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Erst mal muss ich eine neue Wohnung finden, in meinem alten Kiez in Prenzlauer Berg. Ich bin ja ein Ur-Berliner."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Ich möchte helfen, die Geheimdienste zu reformieren. Aber jetzt vergibt die Fraktion erst mal die Aufgaben, mal sehen, ob ich überhaupt in diesem Bereich eingeteilt werde."


10. Grüne: Dieter Janecek, 37 - "Gar nicht so gefreut"

DPA

Dieter Janecek ist Landeschef der bayerischen Grünen. Er studierte Politik, arbeitete anschließend in einer PR-Agentur. Als Interessen nennt er auf seiner Homepage "Fußball, Schafkopf, Biergärten, Radl fahren". In der Partei zählt er zum Realo-Flügel.

Wem haben Sie zuerst von Ihrem Mandat erzählt? "Meiner Freundin. Aber für mich selbst habe ich mich am Wahlabend gar nicht so sehr gefreut. Die Enttäuschung über das Gesamtergebnis hat klar überwogen."

Was machen Sie an Ihrem ersten Arbeitstag? "Ich freue mich auf die vielen Gespräche. Jetzt, als Abgeordneter mit Büro und Mitarbeitern, ist es ja ein ganz anderes Arbeitsniveau."

Was wollen Sie in den kommenden vier Jahren schaffen? "Klimaschutz ist ein wichtiges Thema, außerdem will ich das positive Bild einer ökologischen Wohlstandsgesellschaft vermitteln."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Trollvottel 25.09.2013
1.
Viel Spass im Lala Land und verlauft Euch nicht aufm Weg zum Klo. Ihr seid wichtig und das Land braucht Euch. Parlamentarische Demokratie ist toll. Die großen Wildsäue werden Euch Frischlingen schon zeigen wie man das Volk richtig absaut.
thomas_gr 25.09.2013
2. optional
Da kommt die Reserve der Claquere, die die Entscheidungen der Parteien Führungsriegen durchwinkt und nach 5 Jahren, wenn die Pension gesichert ist durch neue ausgetauscht wird.
Kauzboi 25.09.2013
3. Wo bitte gehts hier...
... zu den Fleischtrögen und zum Gabentisch?
Hilfskraft 25.09.2013
4. nett
aber, warum sollte uns das interessieren? Ein hübsches Gesicht, mehr nicht.
crimesceneunit 25.09.2013
5. was sie erreichen wollen...
ist ja niedlich! ich denke mal in erster linie sich die eigenen Taschen vollstopfen mit unserer Steuerkohle. das kennen sie ja bereits von ihren Vorgängern. danach gleich mal die 12000 Euro pauschale für technischen schnickschnack ala ipad von apfel sichern. der eine oder andere kauft sich vielleicht auch für 6000 euronen ne digicam. hab ich noch was vergessen? ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.