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06. Januar 2012, 09:39 Uhr

Presse-Reaktionen zu Wulff

"Ein Präsident der 'Bild'-Zeitung"

Katastrophal, naiv, getrieben: Das Medienecho auf Christian Wulffs Gerangel mit der "Bild"-Zeitung um die Veröffentlichung des Drohanrufs ist verheerend. Viele Zeitungskommentatoren sehen den Bundespräsidenten am Ende.

Hamburg - Das TV-Interview bei ARD und ZDF hat Christian Wulff keine Luft verschafft. Der Bundespräsident steht weiterhin massiv unter Druck, nachdem die "Bild"-Zeitung seiner Darstellung widersprochen hatte, er habe lediglich den kritischen Bericht über seinen Privatkredit um einen Tag verschieben wollen. Die "Bild" sieht das anders, Wulff wollte den Artikel verhindern. Das Presse-Echo auf die jüngste Debatte fällt erneut negativ aus. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die wichtigsten Kommentare:

Trotz des Bekenntnisses des Bundespräsidenten "lebensklüger" geworden zu sein, finde er nicht aus der selbstverschuldeten Krise heraus, sondern immer noch tiefer in sie hinein, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Diese ist an dem bisher nicht vorstellbaren Punkt angekommen, an dem sich die Deutschen fragen müssen, ob sie einem Boulevardblatt glauben oder dem Staatsoberhaupt. Wulff manövrierte sich durch einen katastrophal schlechten Umgang mit der Affäre in eine Lage, in der sein Wort nicht mehr als ausreichend glaubhaft angesehen wird. Das ist ein verheerender Befund für einen Bundespräsidenten, der noch dadurch verschlimmert wird, dass Wulff nun trotz seines wiederholten Transparenz-Gelöbnisses der Veröffentlichung der Gesprächsabschrift widerspricht."

Die Berliner "Tageszeitung" meint: "So etwas nennt man wohl lernresistent. Wie gehabt versucht Bundespräsident Wulff mit allen Mitteln, die Veröffentlichung von Informationen zu kontrollieren. Waren es vor wenigen Wochen Kreditabsprachen, zu denen das Staatsoberhaupt sich erst bekannte, als es nicht mehr anders ging, geht es jetzt um das wohl berühmteste Telefonat der jüngeren Zeitgeschichte. Zunächst wird 'Bild' die Mitschrift wohl nicht veröffentlichen. Gleichwohl ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand findet, der druckt, was großzügig in Journalistenkreisen gestreut wird. (...) Wie naiv muss man sein, zu glauben, man könne ein Imperium wie die 'Bild'-Zeitung daran hindern, in die Öffentlichkeit zu tragen, was es will?"

Für "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann gibt es keinen Machtkampf zwischen seiner Zeitung und dem Bundespräsidenten: "(...) wer den Fall und die Probleme des Bundespräsidenten jetzt zu einem 'Machtkampf' zwischen dem ersten Mann im Staat und der größten Zeitung im Land aufpumpt, der geht wahrhaft völlig in die Irre. In der Debatte um die politische Zukunft des Bundespräsidenten spielen die Medien eine Rolle. Sie stellen Fragen, decken Fehler auf, legen Widersprüche bloß. Aber sie entscheiden nicht. Das tun die politischen Parteien. Die Bürger, die sich ihr Urteil bilden. Und ganz zuerst Christian Wulff selbst."

Das sieht die "Nordwest-Zeitung" anders: "Schlimmer konnte es wahrlich nicht mehr kommen: Jetzt haben die Zeitungsmacher den Bundespräsidenten in ihrer Hand. Je nach Gefallen können sie nun darüber entscheiden, die auf die Mailbox gesprochenen Worte des Präsidenten doch zu veröffentlichen und damit den obersten Repräsentanten unseres Landes der Lüge zu überführen, oder sie verschonen ihn so lange, wie der Präsident den Wünschen der Redaktion entspricht. Kein Präsident der Bürger, ein Präsident der 'Bild'-Zeitung. Ein wahrer Albtraum. Ein Polit-Krimi ohne Beispiel. Das hat Deutschland nicht verdient. Herr Bundespräsident, erweisen Sie Ihrem Amt eine letzte Ehre: Treten Sie zurück!"

Auch die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" in Kassel findet, dass Wulff nach der erneuten Debatte um den Drohanruf bei der "Bild"-Zeitung schwer angeschlagen ist: "Wer ist glaubwürdiger? Deutschland ist inzwischen soweit, dass es einem Boulevardblatt mehr Glauben schenken mag als dem Bundespräsidenten. Für diesen unerträglichen Zustand hat Wulff selbst gesorgt, von Anfang an - durch Verschweigen, Tricksen, Drohen. Was er am besten kann? Sich entschuldigen, um Nachsicht bitten, sich um Mitleid bemühen. (...) es reicht nicht für ein Amt, für das moralische Autorität und eine Glaubwürdigkeit, auf die keinerlei Schatten fallen darf, existenziell sind. Die Maßstäbe sind nun mal extrem hoch - Christian Wulff genügt ihnen nicht mehr."

Der "Nordbayerische Kurier" aus Bayreuth sieht Wulff am Ende: "Das Staatsoberhaupt in der Hand eines Boulevardblattes. Wohin ist Deutschland gekommen? Dieser Präsident wird nicht zu halten sein. Einige möchten das immer noch nicht wahrhaben. Wulff ist längst zum Mühlstein der schwarz-gelben Koalition geworden. Das lange Schweigen der Kanzlerin kann nur mit absoluter Ratlosigkeit erklärt werden. Immer mehr Bürger hoffen nur noch, dass dieses Drama rasch zu Ende geht."

Zur öffentlichen Auseinandersetzung des Bundespräsidenten mit der Boulevard-Zeitung, schreibt die "Märkische Allgemeine" in Potsdam: "Dass Wulff trotz seines Transparenz-Versprechens eine Veröffentlichung des Gesprächsmitschnitts ablehnt, schwächt seine ohnehin wacklige Position noch mehr. Sollte er die Unwahrheit gesagt haben, liegt sein Schicksal von jetzt an in der Hand des "Bild"- Chefredakteurs. Was für ein Alptraum! Wulff wird diese Debatte nicht mehr los, er bleibt Getriebener, er kommt nicht raus aus dem Selbstrechtfertigungsgebäude, das er sich gebaut hat. Schon aus Selbstachtung sollte er das unwürdige Schauspiel beenden und das Amt zur Verfügung stellen."

Die "Kieler Nachrichten" schauen schon in die Zeit nach Wulff: "Soll man angesichts dieses Schmierentheaters verzweifeln? Zugegeben: Ein Präsident, der auf Gedeih und Verderb von einer großen Boulevardzeitung abhängt - ein solcher Präsident ist eine ganz traurige Gestalt. Aber geht deshalb unser Staat den Bach herunter? Nein, diese Republik hält auch einen Präsidenten aus, der nicht mehr viel für das Land bewirken wird. Und sie hat - zum Glück - viele Politiker, die Amt und Macht nicht für Gratisurlaube und Billigkredite missbrauchen, sondern anstreben, um Verantwortung zu übernehmen. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass einem auf Anhieb fünf bis zehn Persönlichkeiten einfallen, die Wulff von heute auf morgen ersetzen könnten."

Die "Welt" fordert Wulffs Rücktritt: "Es tut in der Tat weh zuzusehen, wie Wulff auseinandergenommen wird, nein, wie er sich selbst zerlegt. Wie jede Erklärung, die er abgibt, neue Unklarheiten offenbart. Das Beste, was man über den Bundespräsidenten derzeit sagen könnte, wäre: Ja, Christian Wulff gehört zu Deutschland, zu dem Deutschland der Partygänger und Schnäppchenjäger, dem Deutschland der Eventmanager und Spesenritter, dem Deutschland der Aufsteiger, die voller Bewunderung zu anderen Aufsteigern hinaufschauen, die es noch weiter gebracht haben. "Durch diesen Umgang mit Dingen hat man dem Amt nicht gedient", sagte er in dem Interview mit der ARD und dem ZDF. Stimmt, hat man nicht. Dafür sollte man gehen und nicht in der dritten Person herumreden."

heb/dpa

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