Presseschau "Neonazis stahlen Dresden den Tag ihrer Tragik"

Während deutsche Zeitungen anlässlich der Gedenkfeiern in Dresden eher die Demonstration der Demokraten hervorhoben, richtete die ausländische Presse ihr Hauptaugenmerk auf die Neonazis. Der Tenor: Ihr gespenstischer Aufmarsch habe die Kriegsopfer verhöhnt.


"The Times" (London)

"Es war vielleicht die größte Zurschaustellung der Stärke der Neonazis seit dem Krieg - auch wenn die 6000 Marschierer sich diszipliniert verhielten - und sie verhöhnte die Botschaft des Vergebens und der Aussöhnung, die von den Kanzeln der Dresdner Kirchen zu hören war. (...) Als es dunkel wurde, begannen die Einwohner Dresdens zu realisieren, dass die Neonazis ihnen den Tag ihrer Tragik gestohlen haben."

"El País" (Madrid)

"Der Aufmarsch von Neonazis in Dresden ist eine Verhöhnung der Kriegsopfer. Für Europa ist es eine Qual, mitansehen zu müssen, wie 5000 Rechtsradikale durch die Stadt marschieren und die Geschichte manipulieren wollen. Deutschland und Europa insgesamt müssen der Dreistigkeit der Neonazis entschlossen entgegentreten und klarmachen, wer die Schuldigen für die tragischen Ereignisse vor 60 Jahren waren. Das Aufkommen des Neonazismus bedeutet, dass die demokratische Politik versagt hat. Nun ist es die Aufgabe der Demokraten, diesem Phänomen zu begegnen und dafür zu sorgen, dass so gespenstische Aufmärsche wie der in Dresden sich nicht wiederholen."

"Die Welt" (Berlin)

"Wie dummdreist die Parolen der NPD auch sein mögen und wie groß die Gefahr gewalttätiger Auseinandersetzungen auch war, für die Rechtsradikalen war dieser 13. Februar eine totale Pleite: Es sollte ihr großer Tag werden, doch demonstriert haben sie nur, dass sie nichts als eine Randgruppe sind. Damit ist ihr Pulver verschossen: Eine Partei, der vom historischen Zufall die Gelegenheit geboten wurde, die Erinnerung an die Bombardierung Dresdens zur Selbstvermarktung zu nutzen, konnte mit dieser 'Chance' letztlich nichts, natürlich nichts anfangen. Auf Dauer taugen die Rechtsradikalen mithin nicht einmal als geschichtspolitische Marodeure. Den Demokraten sollte das Grund zur Gelassenheit sein."

"General-Anzeiger" (Bonn)

"Was gestern die aus ganz Deutschland angereisten Rechtsextremen, die sich an der Elbe zusammengerottet hatten, den Dresdnern zumuteten, war eine unverschämte Störung der Trauer um die Opfer, ein schändlicher Missbrauch der Erinnerung an unermessliches Leid. So gerechtfertigt friedlicher Protest dagegen auch erscheint, war doch das stille Gedenken Abertausender eindrucksvoller. Sie haben sich ihr Handeln von den braunen Rabauken nicht aufzwingen lassen, sondern sich selbstbewusst und unbeirrt zur Versöhnung bekannt. Ihnen ist ein Zeichen des Friedens zu danken, das der deutschen Gegenwart angemessen ist."



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