Presseschau zur Bundestagswahl "Halt dich eng an 'Mutti' fest"

Die Zeitungskommentatoren sind sich einig: Der Wahltriumph der Union ist in allererster Linie das Verdienst von Angela Merkel. Rot-Grün habe auf absehbare Zeit nur mit der Linken eine Machtoption. Das Ausland wartet nun gespannt auf die Folgen des Wahlerfolgs für die EU.

Kanzlerin Merkel: "Eine Bestätigung ihres Politikstils"
AP/dpa

Kanzlerin Merkel: "Eine Bestätigung ihres Politikstils"


"Die Welt":

"Angela Merkel hat ohne ihre Partei gewonnen. Sie gefällt den Deutschen so gut, weil sie so unauffällig, scheinbar ganz ohne Narzissmus ihrer Arbeit nachgeht und die Bürger weder nervt noch behelligt. Sie macht das schon. Doch wird das reichen? Ihr Sieg war ein Sieg ohne Klarheit und Richtung, es war ein Sieg des So-Seins. Nun hat Angela Merkel nichts mehr zu verlieren. Sie könnte aus ihrer Deckung kommen. Sie sollte ihre vermutlich letzte Legislaturperiode nutzen, um nicht nur in Europa, sondern auch daheim reformerisch tätig zu werden. Noch einmal vier Jahre wird sie nicht vom Erbe Gerhard Schröders zehren können."

"Süddeutsche Zeitung"

"Mit dieser Wahl wird aus der Regierungszeit Merkel, ganz gleich wie sie nun weitergeht, eine Ära - die des Merkelismus, einer Machtpolitik, der man das Machtvolle nicht anmerkt. Als Kanzlerin des Ungefähren ist sie kritisiert worden. Es heißt, mit ihr sei das Konservative aus der Union verschwunden und das Nebulöse habe Einzug gehalten. Für ihre vielen Wähler ist Merkel nicht die Konturen- und Überzeugungslose. Sie sehen in Merkel die Vertreterin eines aufgeklärten Liberal-Konservativismus, die nicht erschrickt, wenn es gilt, die Homo-Ehe anzuerkennen. Merkel hat in der Euro-Krise, und das war ihre bisher größte Rolle, die schwäbische Hausfrau, die das Geld zusammenhält, meisterlich gespielt. Das gefällt vielen Deutschen."

"Stuttgarter Zeitung":

"Am Ende steht ausgerechnet sie, die einst als marktradikale Reformerin die CDU in Schwingungen versetzte, mit ihrem sozialdemokratischen Kurs so stark da wie noch nie. Offensichtlich ist es genau diese undogmatische Art, Politik zu machen, die viele Bürger wünschen: gewissermaßen eine Große Koalition in sich selbst. Am Sonntag hat sich die politische Tektonik Deutschlands verschoben: weg von ideologischen Auseinandersetzungen, hin zu einer präsidialen Führung, weg von einer rein wirtschaftsliberalen Partei, hin zu einer Politik des sozialen Ausgleichs. Alles strebt in die Mitte, und da steht: Angela Merkel, unangefochten."

"Frankfurter Rundschau":

"Es wird noch nie einem deutschen Kanzler so egal gewesen sein wie Angela Merkel, ob er seinen Koalitionspartner verliert oder nicht. Die erste Frau in diesem Amt hat ja die Erfahrung, dass ihr in einer großen Koalition auch die Verdienste der Sozialdemokraten noch gutgeschrieben werden, schon 2009 gemacht. Damals bezahlte die SPD trotz "sozialdemokratischer" Entscheidungen wie der Verlängerung des Kurzarbeitergeldes mit einer historischen Niederlage, während die CDU die Lorbeeren erntete. Nun ist es eben die FDP, die den schlimmsten Absturz ihrer Geschichte erlebt. Und wieder profitiert die Union, vor allem deren Chefin, die vermeintliche "Kanzlerin für alle". Nur: Es wäre schöner, wenn Angela Merkel das auch wirklich wäre. "

"Badisches Tagblatt":

"Die unaufgeregte Art der Kanzlerin hat viele Deutsche überzeugt. Diese Ruhe strahlte auch ihr Wahlkampf aus: Nüchtern, abwarten, nur keine Fehler machen. Das Argument, dass in Deutschland alles so bleiben soll, wie es ist, hat die Union für sich nutzen können. Wechselstimmung gab es zu keinem Zeitpunkt. Reformen, die man dem Süden Europas zumutet, werden hier nicht als nötig erachtet. Merkel ruht sich auf den Errungenschaften früherer Koalitionen aus. Die Kanzlerin dürfte noch selbstzufriedener in ihre dritte Amtszeit gehen. Was sie in der Republik erreichen will, weiß möglicherweise nicht mal sie selbst. Das hängt wie immer bei ihr von den Umständen ab."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung":

"CDU und CSU haben in diesem Wahlkampf nicht auf ein Programm gesetzt, sondern auf eine Person: die Kanzlerin. Das Kalkül ist aufgegangen. Die Union wurde, von einem warmen bayerischen Aufwind unterstützt, wieder mit Abstand stärkste politische Kraft. Die Kanzlerin gewann seither so viel an Ansehen, dass sie als klare Siegerin aus dieser Wahl hervorgeht. Das Ergebnis ist eine Bestätigung ihrer Politik wie auch ihres Politikstils."

"Die Tageszeitung":

"Die Basis für den Erfolg der Union ist die Verwandlung einer weltanschaulich verankerten Traditionspartei in eine Organisation, die an nahezu alles anschlussfähig ist. Merkel hat die kulturelle Modernisierung der Union übrigens nicht erfunden, noch nicht mal besonders gefördert. Sie hat nur die Tür offen gehalten für das, was früher oder später sowieso fällig war. Und die politische Linke? Rot-Grün ist endgültig tot. Das einst "Neue Mitte" getaufte Bündnis von Bildungsaufsteigern und Facharbeitern mit dem ex-alternativen Neobürgertum ist im Bund nicht mehrheitsfähig. Das war auch 2005 und 2009 so. Nichts spricht dafür, dass sich dies ändern wird. Rot-Grün wird es in Zukunft, wenn überhaupt, nur mit der Linkspartei geben."

"Zeit Online":

"Der stärkere, aber auch gefährlichere Partner (der CDU) wären die Sozialdemokraten. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen mit Merkel gemacht. Die Große Koalition von 2005 bis 2009 ist ihnen nicht gut bekommen. Doch sie sind regierungserfahren, im Bundesrat können sie reichlichen Einfluss entfalten und sie könnten sich darauf stützen, dass die Bürger sich nichts so sehr wünschen wie ein neues schwarz-rotes Bündnis. Auch für die Verhandlung der wichtigsten politischen Frage der kommenden Jahre wäre die SPD der richtige Partner: Wie halten wir's mit Europa? Traditionell sind die Sozialdemokraten internationalistischer gesinnt als die Union. Würden sie an der Regierung beteiligt, wäre der merkelsche Austeritätskurs beendet."

"Kölner Stadt-Anzeiger":

"Steht die SPD bereit, Merkel zu wählen? Im Prinzip ja - denn diese große Koalition ist ja die Regierung, die eine Mehrheit der Bürger nach allen Umfragen will. Aber wird die SPD das auch tun? Mögen die Genossen Steinbrück, Steinmeier und Gabriel noch so oft einer rot-rot-grünen Koalition abgeschworen haben - die eigenen Anhänger werden Druck auf die SPD-Spitze machen, eine linke Mehrheit zu nutzen, wenn es sie gibt. Und sei es als Mittel zum Zweck in Koalitionsverhandlungen."

"Neue Presse":

"Der SPD wiederum würde die Neuauflage eines Bündnisses mit der noch populäreren Merkel ein hohes Maß an staatstragender Überwindung abfordern. Ist doch bei den Sozialdemokraten die Juniorpartnerschaft von 2005 bis 2009 in geradezu traumatischer Erinnerung. Folglich stellt eine künftige Große Koalition die SPD vor ein massives Profilierungsproblem, mit programmiertem Koalitionskrach bei Themen wie Mindestlohn, Steuerpolitik oder Euro-Rettung. Sie könnten zu Sollbruchstellen umfunktioniert werden."

"Westdeutsche Zeitung":

"Die Union erreicht im Bund mit ihrem hohen Wahlergebnis fast bayerische Verhältnisse. Das ist vor allem das Verdienst Angela Merkels, die allerbeste Chancen hat, Kanzlerin zu bleiben. Mit welchem Koalitionspartner auch immer. Extrem bitter ist das Abschneiden für die FDP. Die Liberalen werden sich neu erfinden müssen. Wenn sie klug sind, ist die große Stunde ihres Hoffnungsträgers aus NRW, Christian Lindner, angebrochen."

"Südwest Presse":

"Die Geschichte der FDP ist im Bund - vorerst - beendet. Zum ersten Mal seit 1949 sind die Liberalen nicht mehr im Bundestag vertreten. Ein kaum abschätzbarer Verlust für die politische Kultur. Der Auftritt der Partei in diesem Wahlkampf jedoch hat kein anderes Ergebnis verdient. Vom Zufallserfolg der Niedersachsen-Wahl benebelt, wähnte sich das blasse Team um Rösler und Brüderle in Sicherheit. Eine trügerische Einschätzung."

"Berliner Zeitung":

"Die Tatsache, dass die FDP dem Parlament nicht mehr angehören wird, dass sie auch aus fast allen Landtagen hinausgewählt wurden, ist eine echte Zäsur. Eine allerdings, an der die Liberalen in den vergangenen Jahren tatkräftig mitgearbeitet haben. Führungsstreit und eine Politik für Lobbygruppen haben dafür gesorgt, dass die Partei sich selbst ihres liberalen Kerns beraubt hat. Sie hat ihr Erbe mutwillig verspielt. Eine Partei aber, die nur noch sagen kann, dass sie regieren will, aber nicht, warum, ist richtigerweise nicht mehr wählbar."

"Neue Zürcher Zeitung":

"Merkel hat sich in der deutschen Politik eine Ausnahmestellung erarbeitet, die selbst ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl nicht erreichte. Denn der "ewige Kanzler" war in seiner langen Amtszeit stets angefeindet. Merkel hingegen sorgt mit ihrer Art der leisen Töne und vielen kleinen Kompromisse dafür, dass niemand ihre Dominanz als bedrohlich empfindet. Dank ihrem Understatement fallen auch die Niederlagen, von denen es in den letzten Jahren einige gab, nicht sonderlich auf. So herrscht am Ende meist der Eindruck vor, hier regiere eine Frau mit gesundem Menschenverstand und Augenmaß. Mehr will die Kanzlerin nicht, und in dieser Selbstbescheidung liegt ihre große Stärke."

"Der Standard":

"Merkels Mäanderkurs hat der CDU neue Wähler zugeführt - die Konservativen sind zwar verärgert, haben aber keine andere Option, als zähneknirschend doch für die Kanzlerin zu stimmen. Mit Merkels Mittekurs triumphiert das Mittelmaß. Sie vermittelt den Deutschen Solidität und Stabilität - das scheinen viele zu schätzen. Auch auf europäischer Ebene versucht die deutsche Kanzlerin genau das zu vermitteln."

"The Guardian":

"Halt dich eng an 'Mutti' fest. Das ist die Botschaft der deutschen Wähler vom Sonntag, als sich Angela Merkel - die Mutter der Nation für ihre Imagemacher - einen überraschenden persönlichen Triumph sichert, der ihren unangetasteten Ruf als politische Führerin im krisengeschüttelten Europa festigt. Die Deutschen haben Frau Merkel ein starkes Mandat gegeben, um Deutschland zu regieren. Aber die Art, wie sie ihre Macht nutzt, wird nicht nur Deutschland beeinflussen, sondern ganz Europa - auch uns in Großbritannien. Das ist das Merkel-Zeitalter."

"The Daily Telegraph":

"Zu Hause hat Merkel Steuererhöhungen und einen Mindestlohn abgelehnt. Stattdessen verspricht sie, Ausgaben für Bildung und Infrastruktur mit den Einkünften aus dem Wirtschaftswachstum zu finanzieren. Im Ausland wird sie Maßnahmen für eine weitere europäische Integration vermutlich verhindern. Wie entgegenkommend sie sein wird, hängt zum Teil von ihrem Koalitionspartner ab. Sie wird eine Koalition mit den Sozialdemokraten anstreben, die viel europafreundlicher sind. Ihr politische Richtung wird jedoch von dem Koalitionspartner bestimmt, auf den es am meisten ankommt: die deutsche Öffentlichkeit."

"Le Monde":

"Keiner ihrer Amtskollegen in Spanien, Frankreich, Italien oder Großbritannien wurde seit Beginn der Finanzkrise wiedergewählt. In Deutschland haben es nach dem Krieg nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl geschafft, zweimal wiedergewählt zu werden. Doch trotz schmeichelhafter Wirtschaftsindikatoren steht Deutschland vor vielen Herausforderungen. Das Land hat europaweit mit die meisten Niedriglohn-Jobs - eine sich verschlechternde soziale Situation, die die Renten von Millionen Deutschen bedroht. Das Land hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt, eine wirkliche Zeitbombe für die Wirtschaft. Außerdem könnte die Euro-Krise, die noch nicht vorbei ist, die Wirtschaft weiter unter Druck setzen und die öffentlichen Haushalte untergraben."

"New York Times":

"Ihre Kritiker werfen ihr vor, dass ihr eine strategische Vision fehle und sie sich zum Überleben auf taktische Fähigkeiten verlasse; sie fragen, weshalb sie ihre Macht nicht genutzt hat, um mehr Geschichte zu schreiben, sowohl innenpolitisch wie auch im vereinten Europa, das die Quelle von Deutschlands politischer und wirtschaftlicher Stärke ist. 'Sie hat ein technokratisches Verständnis von Europa', sagte Joschka Fischer, die frühere Grünen-Ikone und Außenminister von 1998 bis 2005. Aber, fügte er hinzu, 'Europa ist kein wissenschaftliches Projekt.'"

El País:

"Die Partei der Kanzlerin hat ein zutiefst konservatives Deutschland geschaffen, sie erreichte nach der langweiligsten Wahl seit Jahrzehnten ihre besten Ergebnisse seit 25 Jahren. Nicht nur wegen Merkels persönlicher Beliebtheit, sondern auch, weil viele Landsleute ihre mitte-rechts-politischen Leitlinien als Freibrief empfinden, ein Europa in der Krise zu lenken. Merkel könnte sich nun für eine große Koalition mit den Soziamdemokraten entscheiden, wie sie auch in ihrer ersten Amtszeit von 2005 bis 2009 funktionierte. Auch könnte sie aber an der Tür der zunehmend diskreditierten Grünen anklopfen, die bereits einige Andeutungen gemacht haben. Mit beiden wäre es unbequem, das Bett zu teilen. Eine große Koalition würde in einem politisch so geerdeten Land wie Deutschland weder wesentlich die Regierungsrichtung ändern, noch die europäische oder transatlantische Haltung. Sie hätte lediglich einige kleine Annäherungen und unvermeidliche parlamentarische Handgemenge zur Folge. Am Ende haben die Sozialdemokraten Merkels rigide Euro-Politik immer unterstützt und wenn sie sich nicht widersetzen, wird Merkel weiterhin die entscheidende Rolle in internationalen Angelegenheiten spielen. "

syd/hmo/asp/kbl



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skorpianne 23.09.2013
1. Rente bedroht
"eine sich verschlechternde soziale Situation, die die Renten von Millionen Deutschen bedroht". Ja, dafür können wir uns aber auch bei der Niedrigzinspolitik der EZB bedanken.
sipsy82 23.09.2013
2. Ein Sieg ohne Klarheit und Richtung?
...das antliche Endergebnis liegt dem Redakteur doch aber hoffentlich vor?
Hilfskraft 23.09.2013
3. Ödipussys
was die Presse-Ödipussys meinen, ist hinlänglich bekannt. Ich will wieder richtige Politik und kein freud´sches Couchliegen mit dieser Götzenfigur.
1manfred 23.09.2013
4. Erschütternde Berichterstattung
Da ist sie wieder, die Medienkoalition, die Frau Merkel immer hochjubelt und uns erzählen möchte, dass es noch nie so einen guten Kanzler gegeben hätte. Wollen wir mal Merkel mit Adenauer, Brandt, Schmidt vergleichen? Und was ist wirklich geschehen? Eine Partei (FDP) ist implodiert und deren Stimmen haben sich zumeist in Richtung der Union ihren Weg gesucht. Ein großer Restanteil ist zur AfD gewechselt und hat diese aufgepeppt. Was wäre wirklich berichtenswert? Die Wahlbeteiligung 2013 ist die Zweitschlechteste seit 1949. Man wohl wohl (wieder) vergessen, dass die Wahlbeteiligung z.B. 1972 mit 91,1% Spitze war, 1976 waren es immerhin noch 90,7%! Warten wir mal ab, welche Koalition sich bilden wird. Sollte Merkel alleine regieren müssen, kann sie endlich zeigen, ob sie wirklich "sensationell,phantastisch etc." ist!
soppo50 23.09.2013
5. Angela Merkel hat gewonnen...nicht die CDU..Aber..Aber
Die Stunde der Wahrheit: Nach der Wahl kommt die große Enteignung Die europäische Schulden-Krise wird ab Montag im Zentrum der Politik der neuen Bundesregierung stehen. Schuldenschnitte und Banken-Rettungen werden schwere Verluste für die deutschen Steuerzahler und Sparer bringen. Eine große Koalition aus Boston Consulting und Goldman Sachs wird den Deutschen sagen, wo es lang geht. Die Pläne sind weit gediehen. In der Abteilung VII des Finanzministeriums wirkt bereits seit geraumer Zeit ein hochrangiger Experte, der die Enteignung kontrolliert durchführen soll. Quelle: Deutsche Wirtschafts Nachrichten | Veröffentlicht: 22.09.13, 04:11 |
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