Presseschau zur Kredit-Affäre "Bedenklich war, was Wulff nicht gesagt hat"

Bundespräsident Wulff hat sich rechtlich nichts vorzuwerfen - da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Moralisch dagegen wirft die Kredit-Affäre Fragen auf. Die "SZ" verlangt "mehr als formale Ehrlichkeit", die "FTD" wünscht sich "politische Statur".

Bundespräsident Wulff: "Keine Schande, einmal in Geldnot geraten zu sein"
DPA

Bundespräsident Wulff: "Keine Schande, einmal in Geldnot geraten zu sein"


Hamburg - Der Ton in den deutschen Zeitungen ist eindeutig. Christian Wulff hat nicht gegen geltendes Recht verstoßen, als er im Hannoverschen Landtag einen Privatkredit über 500.000 Euro verschwieg. Trotzdem bemängeln viele Blätter das Verhalten des Bundespräsidenten in der Affäre.

Die "Süddeutsche Zeitung" sieht die Schuld für den aufflammenden Skandal ganz klar bei Wulff selbst:

"Nein, er hat nicht gelogen. Er hat aber dem niedersächsischen Landtag nicht die ganze Wahrheit erzählt, als er kurz vor seiner Wahl zum Staatsoberhaupt zu seinen geschäftlichen Beziehungen befragt wurde. Nicht das, was er da gesagt hat, war bedenklich. Bedenklich war, was er nicht gesagt hat: Er hat geschäftliche Beziehungen zu seinem Freund und Trauzeugen, dem Unternehmer Egon Geerkens, bestritten, aber die finanziellen Beziehungen zu dessen Ehefrau verschwiegen. Streng juristisch ist Wulff da nichts vorzuwerfen. Aber das Amtsethos verlangt mehr als formale Ehrlichkeit. Es verlangt Lauterkeit, Redlichkeit, Achtbarkeit. Es ist ungut, daran mit eigenem Verhalten Zweifel zu schüren. Wulff selber hat das Zündholz, mit dem sich Skandale entfachen lassen, in die Schachtel gelegt."

Die "Financial Times Deutschland" erinnert an frühere Episoden rund um die Urlaubsreisen des heutigen Bundespräsidenten:

"Vielleicht ist auch das wieder nur eine Episode aus seiner niedersächsischen Provinz, der Wulff entflohen ist. Aber - Feriengast des umstrittenen Unternehmers Maschmeyer, kostenloses Businessclass-Upgrade bei Air Berlin - es reiht sich mittlerweile eine Episode an die andere, und man fragt sich nun, ob es wirklich die letzte war. Wulff ist keine Skandalnudel, wie wir sie aus anderer Herren Länder kennen. Doch das kann nicht der Maßstab für ein deutsches Staatsoberhaupt sein. Wäre schön, wenn er mehr durch seine gesellschaftlichen und politischen Impulse auffallen würde als durch andere Schlagzeilen. Politische Statur würde diesem Land mitten in der Euro-Krise jedenfalls nicht schaden."

Auch die "Hannoversche Allgemeine Zeitung" beschäftigt sich mit den möglichen politischen Folgen für das Staatsoberhaupt:

"Fast scheint es, als werde da einer auch durch Schaden partout nicht klug. Immer wieder wurde Wulff geraten, mehr Abstand zu halten zu jenen Freunden, deren gutmeinende Annäherung am Ende wie ein Fluch wirken kann. Eine Mehrheit der Deutschen wird geneigt sein, Wulffs Fehler zu verzeihen. Voraussetzung ist aber, dass die Umrisse dessen, was verziehen werden soll, klar sind - und nicht noch mehr Dinge hinzukommen. Es ist Wulffs Glück, dass er inzwischen einiges auf seinem politischen Habenkonto hat. In Deutschland sind bis heute viele von Wulffs Rede zur Integrationspolitik beeindruckt. Im Ausland haben vor allem Polen und Israel gespürt, dass sie im neuen deutschen Bundespräsidenten einen verlässlichen Freund haben."

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" erinnert an einen früheren Appell Wulffs nach mehr Integrität unter Politikern:

"Millionäre zu duzen, ist nicht verboten. Doch Christian Wulff hat bei anderer Gelegenheit gefordert, ein Politiker müsse auch den 'vagen Verdacht der Annahme eines Vorteils oder gar der Beeinflussung in seiner Amtsführung vermeiden'. Der Bundespräsident mag selbst entscheiden, ob er dem eigenen Anspruch immer gerecht geworden ist. In einem Punkt dürfen alle ehrenwerten Empfänger einschlägiger Freundschaftsdienstleistungen millionenschwerer Kumpels aber sicher sein: Die soziale Distanz zu den vermögenden Herren (und Damen) wird durch die Annahme ihrer netten Gesten nicht aufgehoben, sondern befestigt. Doch das ist ihr Problem. Unser Problem ist, dass ihre Suche nach Nähe zu den Großkopferten die Distanz der anderen Bürgerinnen und Bürger zur Demokratie zu vergrößern droht."

Nach Ansicht der Zeitung "Die Welt" wäre der Skandal für Wulff vermeidbar gewesen:

"Es ist auch für Politiker keine Schande, einmal in Geldnot geraten zu sein. Aber wenn man Ministerpräsident und dann Bundespräsident ist, ist privates Entgegenkommen nur bedingt Privatsache. Als Wulff durch einen Urlaub in Geerkens' Ferienhaus in die Bredouille geriet, weil er für seine Familie ein Angebot des Air-Berlin-Chefs zur kostenlosen Hochstufung in die Businessklasse akzeptiert hatte, wurde er im Landtag nach weiteren Geschäftsbeziehungen zu Air Berlin und Herrn Geerkens gefragt. In dem Moment wäre eine Auskunft über das Privatdarlehen angemessen gewesen. Es war ein geschäftlicher Vertrag. Stattdessen hat Wulff über das private Darlehen geschwiegen. Die Offenlegung des Privatkredits hätte dem Eindruck entgegengewirkt, es gäbe etwas zu verbergen. Dieser Eindruck ist im Begriff zu entstehen."

Auch die "Bild-Zeitung" sieht den CDU-Politiker nun in der Bringschuld - und empfiehlt ihm eine rasche Aufklärung der Vorfälle:

"Politiker stürzen ganz selten 'nur' wegen einer Affäre an sich. In der Regel stürzen sie darüber, wie sie mit der Affäre umgehen. Wenn er so weiter macht, wird Bundespräsident Christian Wulff diese Regel bestätigen. In der unseligen Geschichte um ein privates Darlehen und die Irreführung des niedersächsischen Landtages reicht es ganz und gar nicht, trotzig mit Fuß aufzustampfen, anderswo die Schuldigen zu suchen - und auf einer außerordentlich spitzfindigen Formulierung zu beharren. Nein. Wenn er sein Amt retten will, muss Bundespräsident Wulff es mindestens so machen wie - Ministerpräsident Wulff. Als es 2010 im Kern um ein kostenloses 'upgrade' auf einem privaten Ferienflug ging, räumte Wulff sofort schwere Fehler ein, bedauerte aufrichtig und bat um eine neue Chance. Warum jetzt nicht? Noch liegt der Ausgang der Affäre weitgehend beim Bundespräsidenten selbst. Aber - auch das lehrt die Erfahrung - nicht mehr lange."

jok



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Seite 1
KADISO 14.12.2011
1. Trau, Schau, wem?
Zitat von sysopBundespräsident Wulff hat sich rechtlich nichts vorzuwerfen - da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Moralisch dagegen, wirft die Kredit-Affäre Fragen auf. Die "SZ" verlangt "mehr als formale Ehrlichkeit", die "FTD" wünscht sich "politische Statur". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803659,00.html
Einfach nur peinlich, dieser Präsident. Spontan fallen mir dazu zwei Sprichworte ein: - Sage mir mit wem du umgehst und ich sage dir was du bist - Cherchez la femme. Unglaublich!
recommentor 14.12.2011
2. positive, übereinstimmende Tenorierungen in den Printmedien!
Zitat von sysopBundespräsident Wulff hat sich rechtlich nichts vorzuwerfen - da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Moralisch dagegen, wirft die Kredit-Affäre Fragen auf. Die "SZ" verlangt "mehr als formale Ehrlichkeit", die "FTD" wünscht sich "politische Statur". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803659,00.html
Bei der unsachlichen Kritik Vieler, ein 'minimalistischer' Anlass des BP werde boulevardmäßig genutzt, eine weitere Sau durch's Dorf zu treiben, ist die Zusammenstellung einiger Bewertungen der Printmedien angenehm versachlichend! Nicht der Anlass selbst ist der eigentliche 'Aufreger', sondern die Frage nach Maß und Verpflichtung einer Person im höchsten öffentlichen Amt zu Offen-, Ehrlich- und namentlich Lauterkeit! Einmal mehr sei an das rheinische Schlitzohr Konrad Adenauer erinnert, der im Bewußtsein derartiger Maßstäbe an höchste, öffentliche Amtsinhaber die sehr menschliche, quasi von rheinisch-katholischer Nächstenliebe geprägte Erkenntnis hinterließ: Et jitt eben ne "einfache, mittlere und lautere Wahrheit". Nun, ein jeder muß sich im Ergebnis bekennen; und ein Bundespräsident allemal zur *lauteren Wahrheit*!
Gerdtrader50 14.12.2011
3. Wer hat hier was verbrochen, Wulff oder die Informationsverbreiten ?????
Zitat von sysopBundespräsident Wulff hat sich rechtlich nichts vorzuwerfen - da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Moralisch dagegen, wirft die Kredit-Affäre Fragen auf. Die "SZ" verlangt "mehr als formale Ehrlichkeit", die "FTD" wünscht sich "politische Statur". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803659,00.html
Eigentlich wäre nur zu klären: Hat Wulff im Gegenzug zum Erhalt eines zinsgünstigen Privatdarlehens von einem Freund dem irgendwelche angreifbaren Gegenleistungen erbracht ? Das wären die Kriterien, die zu prüfen und zu beurteilen wären. Nicht die Tatsache eines privaten Darlehens an sich. Interessant ist, wer wieder wie über welche illegalen Kanäle, Geschwätz, Datenschutzverstösse, u.s.w., an diese Infos gekommen ist, die der Landtag mit den Grünen zu ihren Fragen veranlasste. Diese Vorgänge sind zumindest genauso prüfwürdig wie das Geforderte von Wulff, ob sie nicht ggflls eventuell gegen das BDSG verstossen haben könnten ? Das wäre dann nämlich eine strafbare Handlung. Solange Wulff keine Vorteilnahme im Amt klar nachzuweisen ist, ist der Vorgang wieder unter dem Ordner Rufmordkampagnen abzulegen.
Satisfier 14.12.2011
4. Warum glaubt man den nachträglich erstellten Papieren des Herrn Wulff?
Warum glaubt man den nachträglich erstellten Papieren des Herrn Wulff? Ganz und garnicht hat er die Wahrheit gesagt. Wer glaubt den wirklich dass das Geld von Frau geerkens kam? Wie naiv muß man denn da sein?
islandfool 14.12.2011
5. Scheinheilige Kommentare
Zitat von sysopBundespräsident Wulff hat sich rechtlich nichts vorzuwerfen - da sind sich die deutschen Zeitungen einig. Moralisch dagegen, wirft die Kredit-Affäre Fragen auf. Die "SZ" verlangt "mehr als formale Ehrlichkeit", die "FTD" wünscht sich "politische Statur". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,803659,00.html
Solange wir nicht endlich beginnen, unsere Politiker wie an der Wirtschaft teilnehmende Akteure zu bezahlen, können wir uns nicht wundern, wenn sie in Versuchung geraten. Wir verlangen von unseren Politikern Leistung und Moral, die wir selber nicht bereit sind zu leisten und das zu einem Kurs, der für alle in Führungspositionen einfach lächerlich ist. Auch erscheint mir der Kommentar "Cherchez la Femme" ein wenig an der Wirklichkeit vorbei. Klar, als wir alle nur 30 Jahre alt wurden, war eine einzige Liebe und der Schwur "bis ans Ende aller Tage" eine ganze Portion einfacher. Heute haben wir zum Teil zwei bis drei unterschiedliche Karrieren und ja, wir schaffen es auch noch im Verlauf von 70 Jahren, mehr als einen Menschen zu lieben. Willkommen im Heute!
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