Pressestimmen zu Wulffs Nominierung "Der Kandidat offenbart Merkels Schwäche"

"Berufspolitiker West", "Notbehelf", "nicht qualifiziert": Der Bundespräsidenten-Anwärter Wulff begeistert die Kommentatoren der Zeitungen nicht. Seine Nominierung wird vor allem als Niederlage für die Kanzlerin gewertet. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die Pressestimmen.

Kanzlerin Merkel mit Kandidat Wulff: "Christian Wer?"
ddp

Kanzlerin Merkel mit Kandidat Wulff: "Christian Wer?"


"Süddeutsche Zeitung": "Angesichts der allerjüngsten Erfahrungen mit Horst Köhler war es klar, dass Merkel und die Ihren keinen Außenseiter für das Amt benennen würden. Als Außenseiter wurde in dieser Situation jeder empfunden, von dem die schwarz-gelbe Koalition Unbill oder später gar Widerrede hätte befürchten müssen. Bei Wulff ist dies wohl nicht der Fall. Er wird nach seiner Wahl genug damit zu tun haben, sich jene gravitas, eine Ernsthaftigkeit, die Würde ermöglicht, zu erarbeiten, die man vom Bundespräsidenten erwartet. Wolfgang Schäuble, notabene, hätte die gehabt."

"Financial Times Deutschland": "Christian Wer? - Dass Wulff ins Schloss Bellevue einzieht, ist ein trauriger Beleg dafür, wie wenig Spielraum die CDU-Vorsitzende Angela Merkel in ihrer eigenen Partei hat. Schon kurz nach Köhlers Rücktritt hatte sie sich auf von der Leyen festgelegt, ohne sich mit den CDU-Ministerpräsidenten abzusprechen. Merkels Niederlage wiegt umso schwerer, wenn man sich anschaut, wer sie ihr beigebracht hat: Das waren nicht mehr die mächtigen Landesfürsten, die sich einst im Andenpakt verschworen hatten. Merkel wurde düpiert von Landespolitikern, die entweder gerade erst ins Amt kamen oder schon politisch abgeschrieben sind, wie Roland Koch und Jürgen Rüttgers."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Dass die Parteivorsitzende Merkel ihre Favoritin nicht durchsetzen konnte, offenbart die akute Schwäche, die auch die Kanzlerin berührt. (...) So gerne Bürger und auch Parteimitglieder nach einer 'starken Führung' rufen, so sehr ist ihnen diese zuwider, wenn die erzielten Erfolge dann nicht von Dauer sind. Und nicht nur bei der Kanzlerin, sondern auch bei der CDU-Vorsitzenden Merkel bleiben seit längerem die überzeugenden Erfolge aus."

"Welt": "Angela Merkel und Guido Westerwelle haben den Fehler wiederholt, den sie mit der Küchennominierung Horst Köhlers vor sechs Jahren schon einmal begangen haben: den Bundespräsidenten nach Maßgabe ihrer aktuellen Interessen auszuwählen. (...) Nicht konfliktleugnender Allparteien-Konsens ist gefragt, wohl aber der Versuch, das Amt des Bundespräsidenten auf einer Art neu zu besetzen, die mit der Würde dieses Amtes gut vereinbar ist. Da dies nicht geschehen ist, da das Regierungslager auf rohe Weise parteipolitisch durchmarschiert ist, würde dem Bundespräsidenten Wulff der Makel anhaften, ein Notbehelf zu sein."

"tageszeitung": "Wulff ist der einzige Kandidat, den gar nichts für dieses Amt qualifiziert. Er ist ein farbloser Landespolitiker, der im Fernsehen immer ganz nett wirkt. Dass er mal eine Debatte angestoßen hätte, ist nicht bekannt. Politisch ist Wulff nicht so liberal wie Ole von Beust, nicht so konservativ wie Roland Koch. Wulff ist immer irgendwie dazwischen. Das scheint bei dieser konfusen schwarz-gelben Regierung für das höchste Staatsamt zu reichen."

"Stuttgarter Nachrichen": "In der Not erinnert sich Angela Merkel gerne des christdemokratischen Übervaters Konrad Adenauer. Mit dem Slogan 'Keine Experimente' war der 1957 höchst erfolgreich in die Bundestagswahl gezogen. Keine Experimente, das war nun auch Merkels Motto bei der Kür ihres Kandidaten für die Köhler-Nachfolge im höchsten Staatsamt. Die Entscheidung zugunsten des Niedersachsen Christian Wulff folgt nüchternem Machtkalkül und pragmatischem Zweckdenken."

"Bild": "Berufspolitiker West gegen Pfarrer Ost - vier Tage nach der Amtsflucht von Horst Köhler entwickelt sich das Rennen ums höchste Amt im Staate zum Polit-Knüller. Denn mit Joachim Gauck schicken SPD und Grüne nicht nur einen in Ost und West hoch angesehenen und klugen Zeitgenossen ins Rennen Richtung Schloss Bellevue. Der renommierte Stasi-Jäger ist ein Kandidat, der für Favorit Christian Wulff gefährlich werden könnte. Weil auch konservative Delegierte aus CDU und CSU den parteilosen Gottesmann problemlos wählen können. Weil es in Union und FDP genügend Unzufriedene gibt, die der Kanzlerin eins auswischen wollen. Und weil Kandidat Gauck keiner aus dem politischen Establishment ist, der sich durch das Stahlbad einer Politkarriere gekämpft hat."

mmq

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Seite 1
unelcoendesa 03.06.2010
1.
Wenn schon zwischen den beiden gewählt werden soll, dann bitte Gauck.
oliver twist aka maga 03.06.2010
2.
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
Gauck.
Izmir.Übül 03.06.2010
3.
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
Gauck natürlich! Deshalb wird's wohl auch Wulff werden.
eikfier 03.06.2010
4. Monnometer
Zitat von sysopGauck gegen Wulff: So könnte das Duell am 30. Juni aussehen. Die Kanzlerin hat sich auf Niedersachsens Ministerpräsident als Köhler-Nachfolger festgelegt,SPD und Grüne wollen nach Informationen von SPIEGEL ONLINE den ehemaligen Chef der Stasiunterlagen-Behörde als Kandidat für die Präsidentschaft nominieren. Wer wäre Ihrer Meinung nach die richtige Wahl?
....Mann Gottes, ist das ein Durchgang hier, diesen Streß halte ich nicht mehr lange durch, muß erst mal austreten...
lulaga 03.06.2010
5. Beine hochlegen
Denkt eigentlich jemand auch daran wie lange wir Steuerzahler für Wulff zahlen müssen, wenn dieser Präsident wird? Läuft es so wie bei Köhler, dann kann er mit 56 Jahren die Beine hochlegen. Im Übrigen ist es mir ein Rätsel was den guten Mann aus Niedersachsen, der außer Osnabrück und Hannover noch nichts gesehen hat, auszeichnet solch ein repräsentatives Amt zu bekleiden. Weltmännisch ist anders!
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