Pressestimmen zu NRW-Wahl "Kommt bei Schulz noch was?"

"Merkel wird für immer Kanzlerin bleiben": Das Wahldebakel der SPD in NRW deuten europäische Medien schon als Entscheidung für die anstehende Bundestagswahl. Über Schulz verlieren sie kaum noch ein Wort.

Schulz, Kraft in Berlin
REUTERS

Schulz, Kraft in Berlin


Diese SPD-Pleite beim Heimspiel schmerzt - und sie wird in Deutschland wie auch international mit großem Interesse registriert. Die bisherige rot-grüne Landesregierung wurde am Sonntag in NRW überraschend deutlich abgestraft. Wahlsieger wurde die CDU mit Spitzenkandidat Armin Laschet, ausgerechnet im einstigen Stammland der SPD.

Hier sind Pressereaktionen aus dem In- und dem europäischen Ausland:

"Wenn Martin Schulz irgendwo die SPD zum Sieg führen würde, dann doch wohl in Groß-Würselen, in Nordrhein-Westfalen!", schreibt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). Jetzt zeige sich, "dass ausgerechnet hier die Wirkung seines Aufstiegs an die SPD-Spitze verpufft ist." Wenn die SPD weiter allein auf die soziale Frage setze, werde sie dort landen, "wo schon Sigmar Gabriel stand: in den Trümmern, die am Sonntag schon wieder zum Vorschein kamen."

Die Wirkung - der vielbeschriebene Schulz-Effekt - kam für NRW schlicht zu früh, schreibt Heribert Prantl in seinem Leitartikel für die "Süddeutsche Zeitung". Er konstatiert: "Der Hype, den seine Kür zum SPD-Spitzenmann ausgelöst hatte, war bei der Wahl schon lang zu Ende. Für Schulz gilt hier der Satz: Wer zu früh kommt, ist auch unpünktlich."

taz vom 15.05.2017
taz

taz vom 15.05.2017

"Ein paar Tage vor der Entscheidung verdampfte die Neigung, SPD zu wählen, wie Regen in der Maisonne. Das war so im Saarland, in Schleswig-Holstein und ist nun so in Nordrhein-Westfalen. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster", schreibt die "Tageszeitung" (taz), die den Kanzlerkandidaten auf der Titelseite mit "NRWeh"-Schriftzug auf der Stirn zeigte.

Diese Wahl sei zeitgleich kein Plebiszit gegen Schulz, schreibt die taz weiter. Die Gründe für die Niederlage würden in Düsseldorf liegen, weniger in Berlin. Bei der Regierung von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sei ein handwerklicher Fehler zum nächsten gekommen. "Erst Hochmut, dann Fehler, nun der Fall." Ihr Rücktritt sei nur konsequent.

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" listet die Problemfelder auf: frühkindliche Betreuung, Qualität der schulischen Bildung und Sicherheit im öffentlichen Raum. Nach dem überraschend deutlichen Wahlsieg müsse sich nun die CDU diesen Aufgaben stellen. Der FAZ zufolge kann diese den Beweis erbringen, dass sie sich in den sieben Jahren Opposition regeneriert habe und dem Land eine Zukunft weisen könne.

Europäische Perspektive

Viele europäische Medien sind sich nun einig: "Nach diesem Ergebnis lässt sich mit Sicherheit darauf wetten, dass Angela Merkel nach den Wahlen im Herbst wieder Bundeskanzlerin wird", schreibt die Londoner "Times" am Montag. "Als Deutschland vor 18 Monaten mit der Zuwanderung von Hunderttausenden von Flüchtlingen konfrontiert war, hatte man sie bereits abgeschrieben. Jetzt scheint sie auf einer Welle zu reiten, und Mitte-Links wird es sehr schwer haben, sie zu verdrängen."

Das "NRC Handelsblatt" aus den Niederlanden kommentiert die NRW-Wahl so: "Merkels Chancen auf eine vierte Amtszeit sind nun stark gestiegen. Nicht allein weil ihre Partei mit ihrer Unterstützung in drei Landtagswahlen hintereinander Siege verbuchen konnte, sondern auch, weil dadurch innerhalb der CDU und ihrer Schwesterpartei CSU die Kritik an Merkel nahezu verstummt ist. Ihre umstrittene Flüchtlingspolitik von 2015 und 2016 ist kein dominantes Thema mehr."

Der "Tagesanzeiger" aus Zürich widmet sich hingegen dem SPD-Kanzlerkandidaten Schulz - jedoch mit eindeutiger Kritik: Schulz könne nicht weiter mit bedeutungsschweren und inhaltsarmen Aussagen Wahlkampf machen. "Kommt bei Schulz noch was?", fragt das Blatt. Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt: "Die im Wahlkampf bisher so zurückhaltende Kanzlerin darf diesen Triumph still genießen." Bis zur Bundestagswahl sei es aber noch ein weiter Weg.

vks/dpa



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