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Pretzien ein Jahr danach: "Das mit Anne Frank ist doch verjährt"

Aus Pretzien berichtet Felix Wadewitz

In Pretzien in Sachsen-Anhalt glaubten die Bürger an eine Strategie gegen ihre Dorf-Nazis: Sie integrierten die Rechtsradikalen. Dann brannten plötzlich das "Tagebuch der Anne Frank" und die US-Fahne. Heute ist das Dorf in zwei Lager geteilt.

Pretzien - Die Einladung zum Dorffest versprach einen netten Abend: "Kulturelles Programm und Sonnenfeuer" stand darauf, daneben ein Bild mit einem Kaminfeuer. Dass die Mitglieder des einladenden Vereins "Heimatbund Ostelbien" zur rechtsextremen Szene gehörten, wussten die meisten Festbesucher. Die Organisation der Feier war den Jung-Nazis übertragen worden, um sie einzubinden in die Dorfgemeinschaft. Die Bürger glaubten an eine Strategie gegen ihre Dorf-Nazis: Sie integrierten sie einfach - in Vereinen, im Chor, bei der Freiwilligen Feuerwehr. Das klappte ganz gut - bis zum vergangenen Sommer.

Ortsgemeinschaftshaus in Pretzien: Wer nach Neonazis fragt, macht viele Einwohner wütend
DPA

Ortsgemeinschaftshaus in Pretzien: Wer nach Neonazis fragt, macht viele Einwohner wütend

Während des Fests auf der Wiese hinter dem Gemeindehaus forderte ein Vereinsmitglied plötzlich dazu auf, "Artfremde dem Feuer zu übergeben". Eine US-Flagge flog in die Flammen und die Taschenbuchausgabe des "Tagebuchs der Anne Frank" gleich hinterher. "Alles Lug und Trug", soll der Werfer gesagt haben.

Der Bürgermeister und rund 80 Festbesucher sahen zu, taten nichts. Der weltweite Aufschrei über die Bücherverbrennung hallt noch heute nach in dem Dorf in Sachsen-Anhalt, das gut 20 Kilometer südöstlich von Magdeburg liegt.

Schön ist es hier. Die Häuser strahlen in hellen, freundlichen Farben, die neu gepflasterten Gehwege sind sauber gefegt, und der Rasen in den Vorgärten ist frisch gemäht. Die "Straße der Romanik" und der Elberadweg führen durch das Dorf. In der Umgebung quaken die Frösche fröhlich in den vielen Steinbruchseen. Und die Pretziener? Die sind freundlich. Sie reden gerne mit ihren Gästen – über das Wetter, die neuesten Fußballergebnisse und die besten Fahrradrouten.

Wer jedoch nach Neonazis fragt, macht viele Einwohner wütend.

Die Leute haben es satt, immer wieder auf diese "olle Kamelle" angesprochen zu werden: "Das mit Anne Frank ist doch verjährt", sagt einer. "Null Probleme gibt es hier, null." Die Pretziener sind erschöpft von den vielen Fragen, den Pauschalverurteilungen und der schlechten Presse. Die Mutter eines Ex-Skinheads und Ex-Vorsitzenden des "Heimatbunds" beginnt zu weinen, als sie nach ihrem Sohn gefragt wird. "Ich kann nicht mehr", sagt sie. Viele schweigen ganz. Selbst gestandene Mitglieder des Gemeinderats lehnen jeden Kommentar ab. "Das müssen wir nicht wieder aufwärmen."

Einer erzählt dann doch, aber nur anonym. "Ich habe Kinder, Sie verstehen?", sagt er. Die Stadt sei in zwei Lager geteilt. "Hier die einen, die die Neonazis schützen und dort die anderen, die etwas tun wollen."

Die anderen haben jetzt eine "Initiativgruppe" gegründet, organisieren Veranstaltungen, klären auf über Rechtsextremismus. Die "Gesellschaft Demokratische Kultur" aus Berlin unterstützt sie dabei. Kürzlich kam die Schauspielerin Iris Berben ins Dorf, um aus "Anne Frank" vorzulesen. Mitten in der Veranstaltung sei einer der Neonazis zur Tür hereingekommen und habe mit einer Videokamera gefilmt. "Da kriegen Sie Angst", sagt der Mann.

Die Bücherverbrenner sind auf freiem Fuß

Die Strategie, die "halbstarken Bengel" ins Dorfleben einzubinden, scheiterte an dem Tag, als das "Tagebuch der Anne Frank" in den Flammen verbrannte. Eine neue Strategie gibt es nicht. Die fünf Bücherverbrenner, im März zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, sind auf freiem Fuß. Die Freiwillige Feuerwehr hat abgestimmt, ob der Kamerad, der wegen "öffentlicher Billigung des Holocausts" bestraft wurde, bleiben darf.

Er darf.

"Wenn die Justiz ihm Bewährung gibt, müssen wir das doch auch", sagt einer der Feuerwehrleute. Er sitzt mit Freunden beim Bierchen in der Dorfkneipe zusammen. "Wenn wir die alle verstoßen, machen wir einen Fehler. Das sind doch unsere Jungs", sagt er. Das wachse sich doch raus. Deshalb integrieren die Pretziener ihre "Jungs" weiterhin und hoffen, dass es gut geht.

"Im Prinzip könnte das sogar klappen - aber nur wenn es richtig gemacht wird", sagt Bernd Wagner von der "Gesellschaft Demokratische Kultur". Die Bewohner müssten sich mit den jungen Rechtsradikalen aber auch inhaltlich auseinandersetzen. Daran hapere es. Die Täter stammen teils aus angesehenen Familien, die darüber entscheiden, wer gegrüßt wird und wer nicht – das macht es nicht leichter.

Viele Dorfbewohner verstehen die ganze Aufregung über die Bücherverbrennung ohnehin nicht: Vor "dieser Sache" sei alles in Ordnung gewesen, erst danach sei es schlimm geworden, sagt ein Rentner vor dem Dorfkiosk.

"Wurde doch niemand verletzt, war doch nur Papier."

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