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"Sea Lynx": Marine entdeckte Risse bei Problem-Hubschrauber schon 2011

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Bundeswehrhubschrauber "Sea Lynx" (Archivbild): Erste Schäden vor vier Jahren gesichtet Zur Großansicht
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Bundeswehrhubschrauber "Sea Lynx" (Archivbild): Erste Schäden vor vier Jahren gesichtet

Die Probleme beim Marine-Helikopter "Sea Lynx" entwickeln sich zu einer Affäre des Wehrressorts. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE entdeckten Techniker bereits 2011 erste Risse an den Maschinen - offenbar wurde dies zunächst vertuscht.

Berlin - Die massiven Probleme mit dem Marine-Helikopter "Sea Lynx" sind schon sehr viel eher entdeckt worden, als das Verteidigungsministerium bisher angibt. Dies geht aus einer internen Präsentation der Bundeswehr hervor, die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Demnach meldete die Wartungsfirma bereits am 20. Januar 2011 Risse in einem "Sea Lynx"-Helikopter mit dem Marine-Kennzeichen 83+05. Die Mechaniker waren auf einen "Ermüdungsbruch aufgrund schwellender Belastung" gestoßen, und sie erwähnten auch, dass der gleiche Schaden an drei weiteren Maschinen aufgetreten sei.

Die Experten der Bundeswehr wussten über die Tragweite dieser Entdeckung bestens Bescheid. Denn der Übergang zum Heckrotor ist bei Hubschraubern eine neuralgische Stelle. Besonders bei rauen Landungen auf Schiffsdecks wird der Ausleger stark belastet.

Muss der Ausleger ausgetauscht werden, gehen die Kosten in die Millionen - pro Fluggerät. Das für die Wartung zuständige Wehrbeschaffungsamt in Koblenz ordnete eine Untersuchung an mit "diversen Meetings", wie die Präsentation vermerkt.

Nur nach ganz oben meldete man nichts. Kurzfristig diskutierten die Fachleute, ob die "Sea Lynx"-Helikopter wegen der Schwachstelle am Heckrotor einfach weniger beanspruchende Einsätze fliegen dürfen.

Erst jetzt Flotte stillgelegt

Erst in diesem Frühjahr dann bemerkten die Wartungskräfte an einer Maschine nicht nur einen, sondern "diverse Risse". Daraufhin untersuchte man alle 22 Maschinen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Bei zwölf Maschinen zeigte sich das gleiche Schadensbild. Erst jetzt zogen die Verantwortlichen die Reißleine - und legten die gesamte Flotte still.

Die Probleme mit den Helikoptern der Marine machen seit Montag Schlagzeilen. War zunächst nur die temporäre Stilllegung der "Sea Lynx"-Flieger bekannt geworden, berichtete SPIEGEL ONLINE, dass von den restlichen 21 Marine-Helikoptern vom Typ "Sea King" nur drei einsatzfähig sind.

Nur einer dieser Flieger steht derzeit in Deutschland für Rettungseinsätze auf hoher See zur Verfügung, die anderen beiden kommen erst in einigen Wochen vom Einsatz vor Somalia zurück. Das Wehrressort berichtete, einer der zuvor beanstandeten "Sea Lynx"-Helikopter fliege wieder, er sei aber bisher nur für Testflüge zugelassen.

Die frühe Entdeckung der Problematik wirft erneut ein Licht auf den Umgang mit Pannen innerhalb der Bundeswehr: Rückschläge bei Rüstungsprojekten nicht zeitnah an die Vorgesetzten und das Ministerium zu melden.

Ministerin in der Kritik

Auch von der Leyen selbst steht wegen der technischen Mängel an den Hubschraubern in der Kritik, da sie den zuständigen Verteidigungsausschuss erst am Montag - mehr als drei Monate nach der Entdeckung weiterer Risse und zwei Monate nach der Stilllegung der "Sea Lynx"-Flotte - informierte. Bei Amtsantritt hatte sie eine neue Kultur der Transparenz angekündigt, daran wird sie nun gemessen.

Wann von der Leyen vom Drama bei der Marine erfuhr, ist unklar, ihr Sprecher ließ Anfragen dazu am Montag unbeantwortet. Zumindest ihre neue Staatssekretärin Katrin Suder, die Anfang August zum Aufräumen des pannenanfälligen Ausrüstungsbereichs der Bundeswehr antrat, kannte jedoch die Details der desaströsen Lage bei der Marine.

Vorher war auch Generalinspekteur Volker Wieker in Kenntnis gesetzt worden, der einige Monate den Rüstungsbereich überschaute. Nur Tage nach der Entdeckung der Risse im Juni bekam der oberste deutsche Soldat die erste Vorlage über den Fall auf den Schreibtisch und wurde danach "fortlaufend unterrichtet", wie man bei der Truppe gern sagt.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Das wird nix mit der schwarzen Null
regensommer 23.09.2014
Es muss mehr investiert werden. Doch lieber spart man alles kaputt um das äußerst fragwürdige Ziel "schwarze Null" zu erreichen. Dieses Vorhaben wird uns viel mehr kosten als es bringt.
2.
kdshp 23.09.2014
Das muss ne flug maut her! Jeder ausländische flugzeug was über deutschland fliegt zahlt ne maut und die geht direkt an die BW.
3. Die Kosten spielen keine Rolle
alyeska 23.09.2014
Entweder sofort reparieren, oder die Bundeswehr abschaffen. Dieses Kasperletheater ist kaum noch zu toppen.
4. Materialermüdung
Berg 23.09.2014
Ermüdungserscheinungen an Verkehrsmitteln sind nichts Neues und werden i.a. bei Konstruktion und Berechnung berücksichtigt. Es gibt tragende Bauteile und nichttragende (z.B. Verkleidungen). Wenn Risse schon jahrelang bekannt sind, dann könnten diese nur in nichttragenden Bauelementen aufgetreten sein. Die Meldungen müssten also zunächst etwas genauer ausfallen, bevor die Gefahren und die Reparaturmöglichkeiten beurteilt werden. Eigentlich kaum ein Thema für unbedarfte Nichttechniker, eher etwas für die Ingenieure und den TÜV in der Rüstungsindustrie.
5. ?
gierig_master 23.09.2014
Hauptsache die Sache vertuschen... Wo ist der Sinn? Damit man besser sterben kann? Wäre ich Pilot oder sonst wer, der mit den Dingern geflogen wäre, wäre jetzt der Zeitpunkt um eine Klage aufzusetzen, wenn sie es wirklich schon seit 2011 wussten. Risse sind die letzte Warnung vor einer Katastrophe, und wenn schon mehrere da sind, kann man schon von Glück sprechen.
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