Düsseldorf - Seit Monaten versprechen führende Piraten, man werde rechtzeitig zur Bundestagswahl ein ernstzunehmendes Programm vorweisen können. Bald, heißt es stets, bald könne man einen reichhaltigen Inhalte-Katalog präsentieren - und endlich einmal nicht mehr nur mit Personalquerelen, Rücktritten oder Peinlichkeiten Schlagzeilen machen.
Jetzt soll also geliefert werden. Am Samstag und Sonntag schwärmen bis zu 2000 Piraten nach Bochum, um kollektiv ihre politischen Positionen auszubauen. Im Idealfall soll am Ende ein um zentrale Themengebiete erweitertes Grundsatzprogramm stehen, dazu werden frische Bausteine für das Wahlprogramm zur Debatte gestellt. Auf der Agenda stehen auch schärfere Sanktionen gegen zahlungsfaule Mitglieder, um den chronischen Geldmangel der Partei zu lindern.
In den vergangenen Wochen siebte der Schwarm aus fast 700 Anträgen die beliebtesten und wichtigsten heraus. In welcher Reihenfolge und Zusammensetzung sie behandelt werden, darüber entscheiden die Piraten aber erst in Bochum selbst. Die Partei hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, pro Tag mehrere Dutzend Anträge abzuarbeiten. Doch Spontan-Debatten und die Möglichkeit, dass einzelne Piraten die Tagesordnung mit individuellen Vorschlägen sprengen, könnten den straffen Zeitplan jederzeit durcheinanderbringen.
Stöbert man durch die aussichtsreichsten Anträge, ist eines klar: Die Piraten scheinen verstanden zu haben, dass man sich ohne grundlegende Positionen zu Europa, Wirtschaft oder Gesundheit gegen die Profi-Konkurrenz kaum behaupten kann. Kernthemen wie Drogenpolitik, Grundeinkommen oder Urheberrecht werden wohl allenfalls justierend behandelt werden. Diverse Bereiche, die für die Partei Neuland sind, etwa Außenpolitik und Europa, wurden hingegen auf aussichtsreiche Plätze im Antrags-Ranking gewählt.
So vielfältig die Themenpalette, so vage ist jedoch die Aussagekraft einiger Vorschläge. Oft schien der Anspruch gewesen zu sein, überhaupt erst einmal eine rudimentäre Haltung präsentieren zu können. "Unser Ziel ist es, ein durch eine gemeinsame Verfassung konstituiertes rechtsstaatliches, demokratisches und soziales Europa zu gestalten", heißt es etwa im Grundsatzantrag zu Europa. Oder: "Die Piratenpartei Deutschland strebt die Verbindung von Wettbewerbswirtschaft und sozialem Ausgleich an", steht im Vorschlag für ein Wirtschaftsprogramm. Im Bereich Bildung heißt es: "Die Piratenpartei Deutschland setzt sich für mehr Chancengleichheit ein." Das sind Sätze, wie sie in jedem Parteiprogramm stehen könnten.
Darüber hinaus scheinen die meisten Piraten kein Interesse an einer weiteren, quälenden Personaldebatte zu haben. Diverse Anträge, die den in die Kritik geratenen Bundesvorstand abstrafen sollten, wurden in der Vorauswahl vernachlässigt. Eine Reform des Schiedsgerichts halten viele Piraten für dringlicher, auch soll es säumigen Beitragszahlern an den Kragen gehen. Bislang hat die Partei nämlich keine Möglichkeit, zahlungsmüde Mitglieder rauszuwerfen - das soll sich nun ändern. Zuletzt stagnierte die Zahl der Piratenmitglieder bei etwas mehr als 34.000. Ein weiterer Antrag räumt dem Bundesvorstand mehr Rechte bei der komplizierten Verteilung der Parteifinanzen ein. Das Geld wird man im Bundestagswahlkampf dringend brauchen können.
amz
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH