Kampf dem demografischen Wandel Downtown Hiddenhausen

Die ostwestfälische Gemeinde Hiddenhausen will sich nicht mit dem demografischen Wandel abfinden: Sie kämpft erfolgreich gegen leer stehende Häuser und für junge Menschen.

Altbau statt Neubau: In einem alten Haus in Hiddenhausen wohnt jetzt eine junge Familie
Christian Grube

Altbau statt Neubau: In einem alten Haus in Hiddenhausen wohnt jetzt eine junge Familie

Von , Hiddenhausen


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ulrich Rolfsmeyer hat geschafft, wovon viele Kommunalpolitiker träumen: Er hat das Ruder herumgerissen, hat aus Hiddenhausen, dem Ort der Alten, einen Ort der Jungen gemacht. Junge Familien kommen in die 20.000-Einwohner-Gemeinde in Nordrhein-Westfalen und ziehen in alte, leer stehende Häuser. Man müsse halt etwas tun, sagt der Bürgermeister. Es brauche mehr als lediglich die Erkenntnis, dass die Bevölkerung immer älter wird und junge Leute in die Großstädte abwandern.

Diese Erkenntnis traf Rolfsmeyer hart, als er vor rund elf Jahren sein Amt antrat. Damals ging es im Stadtrat um die Neuausweisung von Bauland rund um das ostwestfälische Hiddenhausen, dessen Raps- und Maisfelder sich fast bis nach Bielefeld erstrecken. Der Bürgermeister ließ einen Altersatlas erstellen. Das Ergebnis: Hiddenhausen war in die Jahre gekommen. Und wurde immer älter. Die Experten prognostizierten, dass die Zahl der Über-75-Jährigen in den folgenden fünf Jahren um mehr als 50 Prozent steigen werde, junge Familien kämen kaum noch nach. Es gab immer mehr Leerstände, weil die Häuser nicht verkauft werden konnten.

Das Problem betrifft nicht nur Hiddenhausen. "Gerade in ländlichen Regionen erweist sich der Verkauf von Bestandsimmobilien als schwierig", erklärt ein Sprecher des Bundesbauministeriums. Probleme entstehen dann, wenn Menschen im Alter pflegebedürftig werden und zur Finanzierung der Kosten eines Pflegeheims die Erlöse aus dem Verkauf ihres Hauses einsetzen müssen.

Kampf gegen den demografischen Wandel

Rolfsmeyer berief einen runden Tisch ein - "geballte Kernkompetenz", wie er sagt. Architekten, Landschaftsplaner und Immobilienmakler berieten über die Zukunft der Gemeinde. Mit dabei: Andreas Homburg, Leiter des Amts für Gemeindeentwicklung. "Uns war schnell klar, dass es nichts bringt, immer mehr Bauland auszuschreiben", sagt der 56-Jährige.

"Wir müssen den Dorfkern gesund halten, wenn Hiddenhausen auch in ein paar Jahrzehnten noch existieren soll." Eine Idee kam auf, die Hiddenhausen später zahlreiche Auszeichnungen einbringen sollte: Die Gemeinde fördert junge Menschen, die in eines der vielen leer stehenden Häuser einziehen, statt neu zu bauen.

Aus alt mach Neu: Durch "Jung kauft Alt" konnte dieser Altbau modernisiert werden
Gemeinde Hiddenhausen

Aus alt mach Neu: Durch "Jung kauft Alt" konnte dieser Altbau modernisiert werden

2007 startete das Projekt "Jung kauft Alt" in die erste Runde - mit Erfolg. Seitdem fördert die Gemeinde jährlich etwa 50 Familien. Sie bekommen bis zu 9000 Euro, über sechs Jahre verteilt. Bei Bedarf wird ihnen auch ein Altbaugutachten bezahlt. "Das Geld soll eine Hilfe bei der Modernisierung sein", sagt Homburg.

So wie für Familie Detzmeier, die 2012 den Förderantrag stellte. Lars Detzmeier kommt aus der Region, ein echtes "Dorfkind", wie er sagt. "Wir haben bewusst nach einem Altbau gesucht - ein richtiges Haus, aus Stein gebaut", sagt er, während seine fünfjährige Tochter Alena neben ihm auf dem cremefarbenen Sofa herumturnt. Das Wohnzimmer ist modern eingerichtet, dunkler Parkettboden, strahlend weiße Wände. Nur die Schiebetür mit den vergilbten, runden Gläsern erinnert daran, dass das Haus schon 50 Jahre alt ist. "Eigentlich wollten wir sie erneuern", sagt der 31-Jährige. Aber irgendwie habe die alte Tür auch Charme.

"Die alten Teppiche und Tapeten mussten allerdings raus, und wir mussten die Wände ordentlich isolieren", sagt der Familienvater. Sie seien froh über das Fördergeld gewesen, als sie das Haus von der über 70-jährigen Vorbesitzerin übernommen hätten. Der alleinstehenden Frau seien die rund 120 Quadratmeter zu groß geworden - jetzt wohne sie ein paar Häuser weiter, in einer kleinen Wohnung. Man habe sich gegenseitig einen Gefallen getan.

Vergleich: Im Altbaugebiet (r.) ist die Infrastruktur bereits vorhanden, im Neubaugebiet (l.) müssen Straßen, Gärten und Kanäle erst errichtet werden
Geobasis NRW

Vergleich: Im Altbaugebiet (r.) ist die Infrastruktur bereits vorhanden, im Neubaugebiet (l.) müssen Straßen, Gärten und Kanäle erst errichtet werden

Man müsse in die Zukunft blicken, so Homburg. "Dass es den demografischen Wandel gibt, daran können wir nichts ändern - wir können aber vorsorgen." Die Zahlen sprechen für sich: Seit es in Hiddenhausen "Jung kauft Alt" gibt, seien mehr Menschen zu- als weggezogen - davor sei es andersherum gewesen.


Zusammengefasst: Hiddenhausen hat 2007 mit dem Projekt "Jung kauft Alt" ein erfolgreiches Modell entwickelt, um dem demografischen Wandel entgegenzuwirken. Mit bis zu 1500 Euro jährlich fördert die Gemeinde junge Menschen, die in alte Häuser einziehen, statt neue zu bauen. Seitdem konnte die Kommune ihre Leerstände verringern und jungen Menschen einen Anreiz bieten, nach Hiddenhausen zu ziehen.



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Seite 1
jungletiger9 08.09.2015
1. Eigentlich keine grossartige Erkenntnis
Es ist schon eine Schizophrenie, dass die Gemeinden es als Prestigesache ansehen, immer neues Bauland auszuweisen und die Landschaft so zu zersiedeln, waehrend die Dorfkerne absterben. Hoechste Zeit, die Prioritaeten und finanziellen Anreize zu verandern.
swandue 08.09.2015
2.
Für manches sterbende Dorf könnte es die Wende darstellen, wenn da mal einige Dutzend Syrer zuziehen. Es fragt sich bloß, wovon die dann leben sollen in Oberfranken oder Meck-Pomm.
jowitt 08.09.2015
3. @fcputin
So einfach ist das ja nicht. Die Häuser gehören ja schließlich irgendwem. Da kann ja schlecht die Gemeinde jemanden einquartieren.
doulos 08.09.2015
4. Arbeitsplätze?
entscheidend für die Ansiedelung von Neubürgern ist sicher das Vorhandensein von Arbeitsplätzen. Im Übrigen werden viele NBs versuchen, mit Ihresgleichen ein vertrautes Lebensumfeld zu bilden. Ob da genau Hiddenhausen zum Zuge kommt, halte ich für fraglich. Einen Haufen Syrer und/oder Afrikaner in die deutsche Provinz zu verplanzen und zu erwarten, dass sie da Wurzeln schlagen und "Früchte tragen" werden ist ziemlich naiv und entspricht kein bisschen den Erfahrungen, die man in anderen Ländern mit Zuwanderung gemacht hat.
jowitt 08.09.2015
5. @jungletiger9
Zitat von jungletiger9Es ist schon eine Schizophrenie, dass die Gemeinden es als Prestigesache ansehen, immer neues Bauland auszuweisen und die Landschaft so zu zersiedeln, waehrend die Dorfkerne absterben. Hoechste Zeit, die Prioritaeten und finanziellen Anreize zu verandern.
Das ist ja beileibe nicht überall so. In vielen Umlandgemeinden der großen Städte fehlt Bauland, die Preise schießen durch die Decke.
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