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Karriere in Deutschland: Diese Prominenten waren Flüchtlinge

Interviews von

Der Bundesliga-Star, die Schriftstellerin, der Politiker - sie kamen als Flüchtlinge. Fünf Prominente erzählen von ihrem Weg nach Deutschland.

Omid Nouripour

  • Geboren 1975 in Teheran, Iran,
  • Grünen-Politiker,
  • Abgeordneter im Bundestag seit 2006.

"Mit einem Touristenvisum in Deutschland eingereist" Zur Großansicht
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"Mit einem Touristenvisum in Deutschland eingereist"

SPIEGEL ONLINE: Sie kamen 1988 mit Ihrer Familie aus Iran nach Deutschland. Damals waren Sie 13 Jahre alt. Weshalb hat Ihre Familie ihre Heimat verlassen?

Nouripour: Wegen der Zukunftschancen von uns Kindern. Meine ältere Schwester hätte nicht studieren können, weil sie den Ideologie-Aufnahmetest an der Universität nicht bestanden hätte. Sie war auf einer stinknormalen, aber verbotenen Geburtstagsfeier erwischt und zu 96 Peitschenhieben auf Bewährung verurteilt worden. Und ich hätte das Land schon bald, mit 14, nicht mehr verlassen dürfen. So wollte das Regime verhindern, dass sich junge Männer der Wehrpflicht entziehen. Es war ja Krieg. Meinen Eltern ist klar geworden: Wir müssen hier weg. Wir sind schließlich mit einem Touristenvisum in Deutschland eingereist und haben in Frankfurt Asyl beantragt.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie als Kind von Asylsuchenden in den ersten Jahren in Deutschland am schwersten?

Nouripour: Wir haben erst 1991 eine sogenannte Aufenthaltsbefugnis bekommen. Dieser Schwebezustand, diese Ungewissheit, die drei Jahre dauerte, hat meine Eltern sehr belastet. Eines Morgens standen Polizisten vor unserer Haustür, wir wussten nicht warum. Meine Mutter hat einfach nicht aufgemacht, danach sind wir zum Anwalt gegangen. Der hat uns erklärt, dass ein Abschiebebescheid gegen uns vorlag und die Polizei uns mitnehmen wollte. Er hat dann den Folgeantrag für uns gestellt, der die Abschiebung vorerst verhindert hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr hat diese Ungewissheit Sie selbst belastet?

Nouripour: Meine Eltern hat das unendlich belastet. Ich selbst war tatsächlich mehr mit anderen Dingen beschäftigt: mit mir selbst, meiner Pubertät, mit den Mädchen, mit Freunden und der Schule. Ich hatte das Glück, sehr schnell sehr gute Freunde zu finden. Dank ihrer habe ich dann auch die Sprache schnell gelernt. Ich habe eher darunter gelitten, dass ich meine Freunde und Verwandten in Iran zurücklassen musste. Dieses Gefühl geht auch mit den Jahren nicht weg. Ich kenne niemanden, der die Erfahrung Heimatverlust einfach so verarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie einem Flüchtling, der heute nach Deutschland kommt?

Nouripour: Lerne die Sprache so schnell wie möglich! Und finde Beschäftigung! Damit meine ich nicht nur Arbeit, sondern auch Fußball, Fahrradfahren, jede Form der Ablenkung. Es ist nämlich ein Klassiker jeder Flüchtlingsbiografie, dass die Menschen nach der Flucht in ein tiefes Loch fallen. Sie verfangen sich dann in ihren Traumata oder fragen sich unaufhörlich: Wie geht es meinen Verwandten, die nicht entkommen sind?

SPIEGEL ONLINE: Worauf wird sich die Mehrheitsgesellschaft einstellen müssen?

Nouripour: Die Integration der Flüchtlinge birgt viele Chancen, aber sie wird nicht immer reibungsfrei verlaufen. Da sollte niemand Illusionen haben. Da kommen Menschen zu uns, die in vielen Dingen andere Vorstellungen haben, etwa bei der Frage der Gleichstellung von Frauen und von Homosexuellen. Wir müssen ihnen klarmachen: Einerseits seid ihr hier willkommen. Andererseits ist es hier selbstverständlich, dass zwei Männer sich auf der Straße küssen.


Marina Weisband

  • Geboren 1987 in Kiew, damals Sowjetunion,
  • Politische Geschäftsführerin der Piraten-Partei 2011/2012.

"Das Gefühl, fremd zu sein" Zur Großansicht
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"Das Gefühl, fremd zu sein"

SPIEGEL ONLINE: Frau Weisband, wie kam Ihre Familie nach Deutschland?

Weisband: Ich kam als Sechsjährige zusammen mit meiner Mutter und meinem jüngeren Bruder nach Deutschland als einer der jüdischen Kontingentflüchtlinge. Das war 1994. Der Rest meiner Familie war schon ein Jahr zuvor aus Kiew nach Deutschland gekommen. Es gab zu dieser Zeit eine starke antisemitische Stimmung in der Ukraine. Mein Großvater hatte als junger Mann noch Pogrome miterlebt und er hatte Angst, dass es die wieder geben könnte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erinnerungen haben Sie an die ersten Jahre in Deutschland?

Weisband: Es gab am Anfang Schwierigkeiten, weil ich die Sprache nicht konnte und auch mit den Normen in der Schule nicht vertraut war. Zur Einschulung bin ich zum Beispiel ohne Schultüte gekommen. Wenn ich aber heute zurückdenke, überwiegt ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich habe die deutsche Gesellschaft als offen und tolerant erlebt. Die Mädchen in meiner Nachbarschaft in Wuppertal haben mir das deutsche Alphabet und deutsche Wörter beigebracht. Die Nachbarn passten auf mich und meinen Bruder auf, wenn meine Mutter nicht da war. Vor allem aber wussten wir, dass wir im Land bleiben konnten. Unsere Lage war im Vergleich zu jener der Flüchtlinge heute sehr privilegiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Dinge aus dieser Zeit, die Sie bis heute prägen?

Weisband: Ja, zwei Dinge habe ich für den Rest meines Lebens mitgenommen. Zum einen ist da das Gefühl, fremd zu sein. Ständig an mir selbst zu zweifeln, mich zu fragen, ob ich gut genug bin - das ist ein sehr starkes Gefühl. Zum anderen fragt man sich als Migrant: Was kann ich für die Gesellschaft tun? Ich muss doch irgendwie rechtfertigen, dass ich hier sein darf.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie Flüchtlingen raten, die heute nach Deutschland kommen?

Weisband: Sprecht mit euren Kindern eure Herkunftssprache! Deutsch lernen sie draußen von ganz allein. Die eigene Herkunftssprache zu verlieren, das ist hingegen ein großes Unglück. Ich finde es aber eher schwierig, den Flüchtlingen Ratschläge zu geben. Ratschläge müssen sich immer an die Mächtigeren richten, also an die hiesige Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss diese auf die Flüchtlinge reagieren?

Weisband: Sie muss sie schnellstmöglich einbinden - als Übersetzer, als Kindergärtner, als Babysitter. Wenn sie merken, dass sie willkommen sind und gebraucht werden, dann werden sie sich als Teil der Gesellschaft fühlen und auch zum Gemeinwohl beitragen. Wenn man sie einpfercht, dann werden sie passiv. Das ist etwas ganz Menschliches.


Neven Subotic

  • Geboren 1988 in Banja Luka, damals Jugoslawien,
  • Profifußballer,
  • seit 2008 bei Borussia Dortmund.
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"Wir wurden geduldet"

SPIEGEL ONLINE: Herr Subotic, welche Erinnerungen haben Sie an die Flucht Ihrer Familie?

Subotic: An die Flucht selbst habe ich keine Erinnerungen. Ich war damals erst ein Jahr alt, meine Familie verließ 1989 das ehemalige Jugoslawien. Damals hatte der Krieg noch nicht begonnen, aber es zeichnete sich schon ab, dass es dazu kommen würde. Meine Eltern flüchteten dann mit mir und meiner Schwester. Wir zogen in ein kleines Dorf im Schwarzwald.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie dort aufgenommen?

Subotic: Sehr gut. Wir hatten dort Bekannte, die uns unterstützten. Die größte Unterstützung bekamen wir aber von der deutschen Bevölkerung. Eine verwitwete Nachbarin ließ uns sogar bei sich wohnen. Sie selbst schlief in dieser Zeit im Wohnzimmer auf der Couch. Es war ein Dorf, wo jeder jeden kannte. Ich habe Freunde gefunden und mich ganz schnell wohl gefühlt.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Aufenthaltsstatus Ihrer Familie?

Subotic: Wir wurden geduldet. Manchmal ging eine Duldung über sechs Monate, manchmal über drei. Später wurden die Zeiträume immer kürzer. Wir hatten keine Klarheit, konnten nicht planen. Meine Eltern wussten nicht: Packen wir jetzt die Taschen? Schaffen wir jetzt etwas an, das wir eigentlich brauchen, aber vielleicht in drei Monaten mit Verlust verkaufen müssen? Damals ließen sie es sich nicht ansehen, aber heute weiß ich: Es war eine sehr schwere Zeit für sie.

SPIEGEL ONLINE: 1999 zog ihre Familie in die USA. Sie waren zehn Jahre alt.

Subotic: Ja. Wir wollten der Abschiebung nach Bosnien entgehen. Das war das erste Mal in meinem Leben, dass auch ich persönlich es schwer hatte. Ich hatte ja bis dahin zehn Jahre im selben Dorf gelebt und da eine glückliche Kindheit gehabt. Dann musste ich aber alle meine Freunde verlassen. Die nächsten Jahre lebten wir in Amerika, erst in Utah, dann in Florida. 2006 wechselte ich dann zu Mainz 05 und kam so nach Deutschland zurück. Meine Aufenthaltsgenehmigung ist mittlerweile unbefristet. Ich habe ja 19 Jahre meines Lebens in diesem Land verbracht.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie jemandem, der heute nach Deutschland flieht?

Subotic: Nutze die Angebote, die Sprache und Kultur kennenzulernen. Da gibt es ja ziemlich viel. Ich war selbst in Flüchtlingsheimen und habe gesehen, wie viele Menschen sich ehrenamtlich engagieren. Und, auch wenn es extrem schwerfällt, behalte die Geduld. Europa hat ja noch kein richtiges Konzept, weil niemand mit so vielen Flüchtlingen gerechnet hat.


Yared Dibaba

  • Geboren 1969 in Äthiopien,
  • NDR-Moderator, Schauspieler.
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"Im Flugzeug das Land verlassen"

SPIEGEL ONLINE: Herr Dibaba, Ihre Familie ist 1979 aus Äthiopien geflohen, weil dort ein Bürgerkrieg wütete. Was unterscheidet die Flucht Ihrer Familie von jener heutiger Flüchtlinge?

Dibaba: Wir haben im Flugzeug das Land verlassen. Insofern ist es kein Vergleich mit dem, was die Menschen heute durchmachen. Meine Familie ist zuerst aus Äthiopien nach Kenia geflohen. Um die Ausreisegenehmigung zu bekommen, musste man hie und da ein paar Beamte bestechen. Die äthiopische Regierung hat dann nach unserer Ausreise sogar Agenten nach Kenia geschickt, um uns zurückzuholen. Wir konnten ihnen aber entwischen und sind von Nairobi nach Frankfurt geflogen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer war es für Sie, in dem neuen Umfeld Fuß zu fassen?

Dibaba: So neu waren das Umfeld und die Kultur gar nicht. Wir hatten den Vorteil, dass wir 1974 schon eine Zeit lang in Deutschland gelebt hatten, weil mein Vater in Osnabrück studiert hatte. Er bekam dann auch gleich Arbeit im Lutherstift der Hannoverschen Landeskirche - als Dozent für Erwachsenenbildung. Es fiel uns also relativ leicht, uns einzuleben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Familie ließ sich in einem Dorf im Landkreis Oldenburg nieder. Wie reagierten die Menschen dort auf Sie?

Dibaba: Gleich am zweiten Tag kamen zwei junge Mädchen zu uns und brachten uns 50-Pfennig-Stücke. Sie hatten gehört, dass eine Familie aus Äthiopien jetzt im Ort lebte, und wollten uns unterstützen. Auch der Rest der Nachbarn war hilfsbereit. Natürlich mussten wir uns aber auch Sprüche über unsere Hautfarbe anhören. Das waren aber Einzelfälle.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie in dieser Zeit am schwersten?

Dibaba: Am schwersten war es, das Kriegstrauma zu verarbeiten. Wenn man als neunjähriges Kind Angst davor hat, dass die eigenen Eltern am Abend nicht nach Hause kommen, dann hat man damit auch in der Zeit danach noch zu kämpfen. Es kam deshalb oft vor, dass ich mich in der Schule nicht konzentrieren konnte. Außerdem bewegte ich mich zwischen zwei Kulturen und war deshalb verunsichert und etwas orientierungslos. Erst nachdem ich mit 25 in meine erste Heimat Oromia in Äthiopien reiste, wusste ich: Ich bin ein Oromo, ich bin aber auch ein Norddeutscher. Ich saß nicht mehr zwischen zwei Stühlen, sondern auf ihnen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie heute einem Flüchtling raten, der - wie Sie damals - mit einem Kriegstrauma umgehen muss?

Dibaba: Gehe offen auf die Menschen zu! Scheue dich nicht davor, ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das gilt auch für die psychologische Betreuung - gerade bei Kindern. Umgekehrt muss man diese Offenheit auch von den Deutschen einfordern. Die Flüchtlinge sind Menschen, die im wahrsten Sinne über ihre Grenzen hinausgegangen sind. Dazu gehören sowohl viel Energie als auch eine Vision. Von solchen Menschen kann man viel lernen.


Lena Gorelik

  • Geboren 1981 in Sankt Petersburg, damals Sowjetunion,
  • Schriftstellerin ("Meine weißen Nächte", "Die Listensammlerin").
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"Nach Berlin im Nachtzug"

SPIEGEL ONLINE: Sie kamen 1992 als Kind russisch-jüdischer Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Wie haben Sie als damals Elfjährige die Ausreise erlebt?

Gorelik: Die Ausreise an sich fand ich spannend. Ich war ja ein Kind, das in den Westen durfte. Ich hatte da eine sehr materialistische Sicht der Dinge. Nach der Kindheit in der Sowjetunion freute ich mich auf Bananen und Barbies. Die Fahrt nach Berlin im Nachtzug - das war für mich alles ein großes Abenteuer.

SPIEGEL ONLINE: Und die erste Zeit in Deutschland?

Gorelik: Die war alles andere als ein lustiges Abenteuer. Ich konnte die Sprache nicht und das Gefühl, mit niemandem reden zu können, von niemandem verstanden zu werden, hat mich belastet. Ich hatte plötzlich keine Freunde und war ganz einsam. Außerdem wohnten wir in einem Asylantenwohnheim.

SPIEGEL ONLINE: Wie waren die Verhältnisse dort?

Gorelik: Es war ein Heim am Stadtrand von Ludwigsburg, alte Holzbaracken hinter Stacheldraht. Dort waren wir eineinhalb Jahre lang untergebracht. Wir lebten zu fünft in einem Zimmer. Im Wohnheim waren auch noch Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien und aus Afrika. 60 Personen teilten sich die Küche. Es gab keinerlei Privatsphäre. Als ich dann meine ersten Freunde in der Schule gefunden hatte, wurde mir klar, dass das ein Ort war, wo sie gar nicht hindurften. Ich habe mich dafür in Grund und Boden geschämt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wurden Sie als Kontingentflüchtlinge von den Deutschen aufgenommen?

Gorelik: 1992 - das war die Zeit der Anschläge auf die Heime. Es war aber auch die Zeit der Lichterketten. Wir haben helfende Menschen erlebt, die ins Wohnheim kamen, um uns Deutsch beizubringen. Vor allem meine Eltern waren dafür sehr dankbar. Mein Vater ist heute der größte Patriot, den dieses Land je haben kann. Er lässt nichts auf das Land kommen. Wenn Dinge in Deutschland hergestellt sind, sind sie für ihn immer automatisch gut.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie einem Flüchtling in Deutschland heute raten?

Gorelik: Schickt eure Kinder in die Schule. Meine Mutter hat damals die Schulleiterin angefleht, mich sofort in eine reguläre Klasse gehen zu lassen. Dadurch habe ich viel schneller Deutsch gelernt als die Kinder in der sogenannten Ausländerklasse. Es ist gut, sich in eine Gesellschaft zu schmeißen wie ins kalte Wasser. Das tut am Anfang weh, ist aber langfristig besser. Eine komplette Segregation ist kontraproduktiv.

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