Prominente zum 3. Oktober "Blöde Diskussion"

Bundesfinanzminister Hans Eichel will den Tag der Deutschen Einheit auf den ersten Sonntag im Monat verlegen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert, was Politiker und Kulturschaffende von dem Vorschlag halten.


Klaus Bölling
DPA / Ch.Stelling / Welt am Sonntag

Klaus Bölling

Klaus Bölling

, Publizist, SPD-Mitglied und Regierungssprecher unter Helmut Schmidt: "Es ist doch absurd, nackte finanzpolitische Interessen eines Staates gegen einen Nationalfeiertag zu setzen. Ein Wirtschaftswachstum von 0,1 Prozent kann die Verschiebung nicht rechtfertigen. Bei allem Verständnis für Hans Eichel halte ich das für eine wenig glückliche Idee. Zwar hat der 3. Oktober anders als der Tag des Mauerfalls tatsächlich etwas Blutleeres. Aber der Tag ist nun einmal beschlossen, und dann sollte man an ihm auch festhalten. Vielleicht kommt es ja einmal soweit, dass die Menschen bei uns zum Nationalfeiertag wie in Frankreich bei gutem Wetter auf der Straße tanzen."

Alfred Grosser
DDP

Alfred Grosser

Alfred Grosser, französischer Publizist und Deutschlandkenner: "Das ist eine absurde Diskussion. Ich bin für den 3. Oktober und finde es gut, dass sich Bundespräsident Horst Köhler dafür ausgesprochen hat, nachdem er die Ostdeutschen zuletzt mit unvorsichtigen Äußerungen vor den Kopf gestoßen hatte. Der Nationalfeiertag ist ein wichtiges Symbol, das an die gute Sache der Wiedervereinigung erinnert. Der 9. November ist dagegen viel zu umstritten und mit zu vielen Bedeutungen aufgeladen. Da gab es nicht nur den Mauerfall, sondern 1938 auch die Reichskristallnacht, und an dem Tag kann man sich nicht freuen."

Friedrich Schorlemmer
DPA

Friedrich Schorlemmer

Friedrich Schorlemmer, Theologe, DDR-Oppositioneller und SPD-Mitglied: "Der 3. Oktober war doch ein reiner Rechtsakt. Ich bin da völlig emotionslos, da ist ja nichts geschehen, ein völlig willkürlicher Tag. Seitdem wird in allen Reden an jedem 3. Oktober gesagt, jetzt wird die Einheit endlich vollendet und ein bisschen Folklore gemacht. Ich habe überhaupt nichts gegen die Verlegung. Aber ich finde es schade, dass die Bundesregierung nicht eine Diskussion um den Nationalfeiertag angestoßen hat. Eigentlich müsste der 9. Oktober Feiertag werden. Das war der Tag der Entscheidung über den gewaltlosen demokratischen Aufstand in der DDR, ein Durchbruchstag der Montagsdemonstrationen um die Leipziger Nikolaikirche. Aber wenn die Bundesregierung unbedingt einen Feiertag abschaffen oder verlegen will, warum nicht Christi Himmelfahrt? Der ist ja ohnehin nur noch als Vatertag bekannt. Und die Männer können ja auch am Sonntag Ausflüge machen und saufen."

Ralph Giordano
DPA

Ralph Giordano

Ralph Giordano, Schriftsteller und Publizist: "Der 3. Oktober drückt doch die Wiedervereinigung Deutschlands unter demokratischen Vorzeichen aus. An dem Tag wurde die scheußliche Diktatur in der DDR endgültig beendet. Deswegen halte ich das für eine blöde Diskussion. Die ist doch völlig aus der Bahn geschlagen, da wird den Deutschen doch der Nationalismus leicht gemacht. Was hat Hans Eichel mit seiner finanzopportunistischen Schiene denn erwartet von der Öffentlichkeit? Der hat doch einen Vogel!"

Peter Glotz
DDP

Peter Glotz

Peter Glotz, SPD-Politiker und Wissenschaftler: "Ich halte die Abschaffung des Nationalfeiertags für richtig, allerdings nicht aus ökonomischen Gründen. Deutschland braucht keinen Nationalfeiertag. Wir müssen auch nicht die Polen oder Franzosen nachahmen. Die haben es mit dem Nationalismus immer schon übertrieben. Es soll mir keiner erzählen, der 3. Oktober schaffe nationale Identität. Es ist der Tag, an dem Herr Krause und Herr Schäuble einen Vertrag unterschrieben haben. Wer ist Herr Krause? Der 3. Oktober ist genauso wenig im Volk verankert wie der alte Nationalfeiertag, der 17. Juni. Wenn ich eine Rede zum 17. Juni gehalten habe, kamen vielleicht zwei Deutschlehrer und eine Schulklasse. Der Rest war am Badesee. Die Regierung hat nicht den Mut, den Nationalfeiertag einfach abzuschaffen. Stattdessen begründet sie es mit der Einhaltung des Stabilitätspakts. Kein Wunder, dass sie von allen Seiten eins übergebraten bekommt. Ich halte es für denkbar, dass sie in wenigen Tagen einknickt. Es wäre ein typisches Versagen."

 Feridun Zaimoglu
DPA

Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu, deutsch-türkischer Schriftsteller: "Mir ist das so was von schnurzegal. Ich glaube nicht, dass die Deutschen am 3. Oktober von warmen nationalen Gefühlen durchflutet werden. Es wird ja jetzt so getan, als käme an dem Tag so etwas wie eine Weihnachtsgemütlichkeit auf. Aber das ist eine große Lüge. Da wird jetzt geschwätzt, was das Zeug hält. Die einen kommen mit dem Zauberbegriff Arbeitsplätze, die anderen plustern sich als die Bewahrer von nationalen Werten auf. Ich kann das nicht mehr hören. Von mir aus sollen die den Feiertag auf einen Sonntag verlegen. So what?"

Protokolliert von David Costanzo und Carsten Volkery



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