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Protest der Basis: Grünen-Spitze scheitert mit neuem Partei-Logo

Aus Köln berichtet Yassin Musharbash

Überraschung auf dem Parteitag der Grünen: Die Führung der Partei scheiterte mit dem Versuch, ein neues Logo durchzusetzen. Die Basis fühlte sich übergangen und wehrte sich lautstark. Um ein knappes Ergebnis zu verhindern, zog die Grünen-Spitze den Antrag zurück.

Köln - Mit einem "gespaltenen Arsch", also einem sehr knappen Ergebnis, sei niemandem geholfen: So begründete Parteichef Reinhard Bütikofer den Rückzieher am späten Freitagabend. In der gut anderthalbstündigen Debatte hatte sich zuvor gezeigt, dass die Basis der Partei verärgert ist über die Art und Weise, wie das neue Logo entstanden ist.

Kein Glück mit dem neuen Logo: Reinhard Bütikofer und Claudia Roth mussten den Entwurf vor der Abstimmung zurückziehen.
DPA

Kein Glück mit dem neuen Logo: Reinhard Bütikofer und Claudia Roth mussten den Entwurf vor der Abstimmung zurückziehen.

Vor allem zweierlei wurde kritisiert: Dass das Logo "von oben übergestülpt", also ohne Mitwirkung der Parteigliederungen geschaffen wurde, wie eine Delegierte sich unter viel Beifall beschwerte. Und zum anderen, dass in dem neuen Signet der Schriftzug "Bündnis 90" erstmals deutlich kleiner als der Namenszug "Die Grünen" ausfällt. Viele Parteitagsdelegierte fassten das als schleichende Entwertung des Erbes der DDR-Bürgerrechtler in der Partei auf.

"Das Logo ist Bild unserer gemeinsamen Identität. Es wäre besser gewesen, wir hätten auch gemeinsam darüber entschieden", warf eine Debattenrednerin der Parteispitze vor. Das neue Logo ist nach Auskunft von Parteichef Bütikofer seit über zwei Jahren in Planung. Eigentlich hätte es heute der Partei erstmals vorgestellt werden sollen. Doch der SPIEGEL druckte es bereits vor einer knappen Woche und berichtete über Unmut in der Partei. Daraufhin hatte die Parteiführung die Präsentation hastig vorgezogen - und damit die Basis vor den Kopf gestoßen, die sich ausgeschlossen fühlte, weil nun Journalisten und nicht Parteimitglieder die ersten waren, die es offiziell zu sehen bekamen.

"Das Ziel dieses Logos ist ein einheitliches Auftreten", verteidigte indes der NRW-Landesvorsitzende Arndt Klocke den Entwurf. Das allerdings empfanden einige Delegierte fast als ironisch - denn ausgerechnet die Grünen in Nordrhein-Westfalen hatten ihren letzten Wahlkampf ohne den Zusatz "Bündnis 90" geführt. Genauso handhabt es die baden-württembergische Landtagsfraktion, die sich ebenfalls allein "die Grünen im Landtag" nennt. Beide versprachen nun, bei Zustimmung durch den Parteitag das neue Logo verwenden zu wollen.

Einige Delegierte, vor allem aus dem Osten, verstanden das so: Der Zusatz "Bündnis 90" könne offenbar nur überleben, wenn er dafür im Gegenzug schrumpfe. Erhalten durch Eindampfen also - das wollten sie nicht mitmachen. Der Kreisverband Berlin-Pankow sorgte sich gar vor der einem schleichendem Abschied vom "Bündnis 90"-Zusatz, der Zeugnis ablegt von der Vereinigung der Grünen mit einigen Gruppen der Bürgerbewegung aus den Zeiten der Wende.

Irritierend und nicht Mainstream

Claudia Roth hatte das Logo zu Beginn der Debatte vorgestellt und die "klare Gliederung gelobt". Von einer Distanzierung von der bündnisgrünen Geschichte könne keine Rede sein. Im aktuellen Logo seien die beiden Namenszüge schließlich durch Bindestrich getrennt und in zwei verschiedenen Schriftarten geschrieben - das habe man geändert.

Die eigens entworfene Schrift "Gruene Syntax" lobte Roth derweil dafür, "dass sie irritiert und nicht Mainstream ist - so wie wir". Das Auffälligste an der Schrift ist, dass sie serifenlos ist und der Buchstabe "e" jeweils in halben Schwung endet, was den Blick auf sich zieht.

Roth betonte zudem, dass das neue Logo "unseren Reichtum nicht über Bord wirft". Die Sonnenblume, wohl das bekannteste Element des grünen Logos, bleibe erhalten, ebenso wie das blaue Farbband. Letzteres wiederum könne "für Wasser, für Luft, für Basis stehen".

"Befreit die Sonnenblume!", forderte angesichts deren Wanderung von der Mitte in die linke Ecke dagegen ein junger Delegierter. Ansonsten aber stand nicht die Ästhetik des Entwurfs im Mittelpunkt der Debatte. Dass die Parteiführung das Logo aber - auf Parteitagsunterlagen und auf der Partei-Homepage etwa - praktisch schon eingeführt hat, und zwar ohne Abstimmung, stieß auf Widerspruch.

Falsches Aussehen, falsche Ost-West-Gewichtung, falsches Verfahren: Gegen so viel Gegenwind wäre das Logo nicht mehr durchzusetzen gewesen, ohne dass die Harmonie ernsten Schaden genommen hätte. Eine erste Abstimmung fiel schon so knapp aus, dass bereits eine schriftliche vorbereitet wurde, als Bütikofer und Roth die Notbremse zogen und den Antrag zurückzogen.

Ob die Parteiführung jetzt erst einmal wieder zum alten Logo zurückkehrt oder das neue ohne Legitimation weiterbenutzt, blieb vorerst unklar. Die Niederlage wurde allgemein als peinlich für die Parteispitze eingeschätzt - aber nicht als Katastrophe oder Eklat. "Eine blutige Nase von der Basis, die holt sich jede Parteiführung mal", sagte ein Bundestagsabgeordneter - der, wegen seines unverhohlenen Wohlwollens über die Auftaktpleite, seinen Namen nicht genannt wissen wollte.

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