Studentenprotest gegen Bundeswehr De Maizière fehlen die Worte

Sie sind noch immer rebellisch, sie schreien "Nie wieder Krieg". Studenten der Humboldt Universität in Berlin haben Thomas de Maizière niedergebrüllt. Der Verteidigungsminister wollte zur Bundeswehr dozieren. Und verschwand.

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Von Max Biederbeck


Berlin - Nach cirka einer halben Stunde gibt Thomas De Maizière resigniert auf. Die ersten Minuten ließ er den Spott stoisch über sich ergehen. Dann entschied er, die Konfrontation doch noch einmal von der Bühne aus zu suchen. Aber all das soll ihm am Mittwochabend nicht helfen, denn hier will ihn scheinbar keiner haben.

Dabei fing eigentlich alles gut an. De Maizière will an der Humboldt Universität einen Vortrag halten. Thema: "Armee der Einheit - Der Beitrag der Bundeswehr zum gesellschaftlichen Zusammenhalt". Gerade im Zuge der Debatte um den Stand der Truppe in der deutschen Gesellschaft sind solche Auftritte eine gute Gelegenheit für den Minister. Er kann die Bundeswehr auch bei jungen Leuten in ein besseres Licht rücken.

Und tatsächlich, zu Beginn applaudieren die cirka 300 anwesenden Studenten laut, als er das Audimax der Universität betritt. Aber etwas stimmt nicht. Irgendwie wirkt die Begeisterung nicht authentisch. Sie ist einfach zu groß für einen Verteidigungsminister, der vor Berliner Studenten über das Militär reden will.

Schnell ist klar, der Jubel wird nicht mehr abebben. Die Studenten feiern den Minister nicht, sie verhöhnen ihn. "Thomas, wir lieben dich!", singt fast der ganze Saal im Chor und: "Wir wollen den Thomas sehen!" Und dann wird aus lustiger Häme gegen einen Würdenträger knallharter politischer Protest.

Einer der Besucher entrollt ein Banner mit den Worten "Krieg dem Krieg! Nie wieder Deutschland". Andere Studenten durchbrechen die Reihe an Bodyguards vor de Maizière und stellen sich auf der Bühne tot. Mit roten Farbspritzern auf den T-Shirts.

Zu welchem Zeitpunkt der Minister dann genau entschieden hat, dass er es sinnlos findet, hier zu bleiben, weiß nur er selbst. "Das hat keinen Zweck", sagt er aber irgendwann. Er habe diskutieren wollen, aber die Studenten hätten das verhindert. Mit ihm gehen auch all die Bodyguards, Polizisten und Medienleute.

Und lassen einen zunächst sehr verdatterten HU-Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz zurück, der nur per Beamer zur Ruhe bitten kann - weil es noch immer so laut ist. "Ein Dialog konnte ja überhaupt nicht stattfinden. Ich hätte ja gerne geredet", wird er später zu einem Studenten sagen. Und: "Ich bin in der DDR aufgewachsen. Mir macht es Angst, wenn eine Masse mich niederschreit und mir keine Chance gibt."

Eine weitere halbe Stunde steht der Präsident deshalb stumm auf der Bühne, während der Applaus immer weitergeht und der Verteidigungsminister wahrscheinlich längst im Auto sitzt.

An der HU ist der Streit aber noch lange nicht vorbei. "Was Olbertz sagt, ist für mich kein Angebot zum Dialog und hat auch nichts mit Redefreiheit zu tun", wirft ihm ein Mitglied des Studierendenparlaments vor. Dass jedes Wort im Saal den gleichen Wert habe, sei einfach Unsinn. Andere springen dem Präsidenten bei. Springen demonstrativ zu ihm auf die Bühne. Ein Vertreter der Jungen Union sagt: "Die wollen gegen Krieg demonstrieren, aber das hier ist selbst gewalttätig."

Nach cirka zwei Stunden wird aus der starren Front "Bühne versus Publikum" ein großer diskutierender Haufen. Olbertz ist mittendrin. Irgendwie haben sie also doch noch geredet und nicht nur geschrien. De Maizière war da schon längst weg.

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