Proteste gegen den G20-Gipfel "Wir sind cornern, was seid ihr?"

Tausende Hamburger protestierten mit Bier gegen den G20-Gipfel, die Polizei reagierte mit Wasserwerfern und sorgte dafür, dass zahlreiche Demonstranten weiter nach Schlafplätzen suchen.

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Am Nachmittag scheint noch alles wie immer in Hamburg: Tausende Menschen stehen zwischen St. Pauli und der Sternschanze an den Straßenecken und trinken Bier. Eine Blaskapelle covert "Killing in the Name" von "Rage Against the Machine", es riecht ein bisschen nach Marihuana.

Dann kommen die Wasserwerfer. Hunderte Polizisten beginnen am Abend damit, die Kreuzung am Neuen Pferdemarkt zu räumen. Schlagartig schlägt die Stimmung um. Menschen, die sich zum "hedonistischen Massencornern" gegen den G20-Gipfel verabredet und eben noch ihr Feierabendbier getrunken haben, skandieren jetzt: "Haut ab, haut ab!"

Einige setzen sich die Kapuzen auf und recken die Mittelfinger in die Höhe, vereinzelt fliegen Flaschen. Die meisten Leute stellen sich einfach immer wieder auf die Straße - dahin, wo die Polizei sie gerade vertrieben hat.

Erneut fahren die Wasserwerfer vor, diesmal kommen sie aus der anderen Richtung. Die Stimmung ist angespannt. Vorsichtig schießt der Wasserwerfer in Richtung Demonstranten und vertreibt sie von der Straße. Es ist ein erstes Abtasten zwischen Gipfelgegnern und Polizei. Erst um Mitternacht beruhigt sich die Lage.

"Unverhältnismäßig" sei der Einsatz der Polizei gewesen, finden Vanessa, 23, und Nika, 24. "Wir saßen da, haben Pommes gegessen und Bier getrunken und plötzlich kommen die Wasserwerfer."

Gerangel im Park

Bereits wenige Minuten zuvor war die Polizei unnachgiebig gegen Demonstranten vorgegangen, die das "Cornern" nutzten, um zwölf Zelte in einem kleinen Park aufzustellen. Die Polizisten setzten Pfefferspray ein, entrissen den Demonstranten die Zelte und falteten sie zusammen.

Der Grund für den Einsatz: Schlafcamps will die Polizei in Hamburg nicht dulden, auch keine kleinen. Laut Polizeisprecher Timo Zill bieten solche Übernachtungsmöglichkeit "Rückzugsräume für militante Gipfelgegner".

Die Demonstranten räumen das Protestcamp in Entenwerder

Von dieser Vorgehensweise der Polizei fühlen sich auch die Menschen im Protestcamp auf der Elbhalbinsel Entenwerder schikaniert. Die Polizei ist allgegenwärtig. Dutzende Wagen säumen am Nachmittag die Zufahrt, selbst auf Fahrradwegen stehen Beamte und kontrollieren die Taschen derer, die zum Camp wollen. Wer nicht kooperiert, wird nicht durchgelassen.

Eine Gruppe Aktivisten, die am Eingang sitzt, beobachtet das Geschehen. Zwischenzeitlich, so erzählen sie später, dürfen Lebensmittel nur noch abgezählt mit reingenommen werden. Eine Packung Kekse pro Person, größere Mengen müssen draußen bleiben.

Die Kontrollen, die Patrouillen durch das Camp, die aggressive Grundstimmung - für die Menschen im Camp bedeutet das Stress. "Wir wissen nicht, was gut ist oder böse, was legal oder illegal, das ändert sich jeden Tag", sagt Peter. Dass auch die Polizisten oft nicht zu wissen scheinen, was nun erlaubt ist und was nicht, mache die Situation nicht besser. "Wir halten uns an die Auflagen, aber das Sicherheitsgefühl ist nicht so, wie wir es uns wünschen würden", sagt Bettina. Am Abend beschließen die Gipfelgegner: Das Camp wird abgebaut. Die Organisatoren verkünden, sich nicht weiter von "Polizei und Justiz schikanieren" lassen zu wollen. Der Protest soll an anderen Orten weitergeführt werden.

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G20 in Hamburg: "Cornern" gegen den Gipfel

Schlafen gegen Schlafverbote

Das zweite Hamburger Protestcamp im Altonaer Volkspark ist so ein Ort. Auf der Wiese sitzt Lilli, rötliche Haare, kurzer Pony, graues Top. Die Studentin ist aus Berlin angereist, um mit der Gruppe "Block G20" gegen den Gipfel zu demonstrieren. Einen Schlafplatz hat sie nicht. Mit ihr haben rund 100 weitere Gipfelgegner ihre Zelte aufgeschlagen. Das Motto ihres Protests: "Sleep In - gegen die Schlafverbote."

Stundenlang verhandeln die Camper mit der Polizei. Zunächst erlaubt die Versammlungsbehörde nur zwei Zelte, dann bietet die Polizei einen Kompromiss an: Die rund dreißig Wurfzelte dürfen bleiben, nur schlafen darf darin niemand. "Sollte das doch jemand versuchen, müsste die Polizei eingreifen", sagt ein Sprecher.

Auch große Mengen Essen dürfen die Gipfelgegner nicht ins Camp schaffen. Lilli hilft das nicht. "Wir wollen hier campen, irgendwo müssen wir ja schlafen", sagt sie. "Oder überlassen uns die Saudis ihr Hotel?"

Gipfelgegner kommen im Theater unter

Dass viele Demonstranten doch noch eine Bleibe finden, liegt auch an Peter F. Raddatz. Der kaufmännische Geschäftsführer des Deutschen Schauspielhauses öffnet kurzerhand die Türen des Theaters. Um kurz nach Mitternacht haben bereits 50 Aktivisten im Foyer des Malersaals ihre Isomatten ausgerollt. Insgesamt finden dort zwischen 200 und 300 Leute Platz, schätzt Raddatz.

Zwischenzeitlich habe die Polizei keine Menschen mehr ins Theater gelassen, berichtet er. Dann hätten sich die Polizisten aber doch zurückgezogen. "Wir haben das Hausrecht", sagt Raddatz. "Wir wollen, dass die Menschen hier schlafen."



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Seite 1
1966logan 05.07.2017
1. "Protestieren mit Bier"...
Sowas habe ich auch noch nie gehört.
fabiofabio 05.07.2017
2. Wie würde es
aus Berlin,Brüssel und Washington heissen, würde es in Moskau passieren: "Wir fordern die Regierung auf, den Menschen ihr demokratisches Recht zu demonstrieren zu gewähren und verurteilen die extensive Gewalt der Polizei gegen diese Demonstranten". Und hier geht man mut Wasserwerfern gegen Biertrinker vor...
mazzeltov 05.07.2017
3. Die Welt zu Gast bei Freunden?
Das gegenwärtige Verhalten der Behörden scheint nach dem Grundsatz zu erfolgen: Klar, es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, und ein Recht, dies öffentlich und auch mit anderen gemeinsam (Demonstration) zu tun. Aber wir werden alles tun, um euch die Anreise zum Demonstrationsort unmöglich zu machen, ihr dürft euch nicht auf den Straßen aufhalten - und erst recht nicht dort einfach nur herumlungern - und Übernachtungsmöglichkeiten oder gar Schlaf wird es für euch auch nicht geben. So kann man das Recht auf freie Meinungsäußerung auch sehr effektiv unterlaufen - man verhindert, dass dies in einem einigermaßen zivilisierten und gesitteten Rahmen stattfinden kann. Damit man hinterher mit dem Finger drauf zeigen kann und sagen: Sehr her, was für ungesittete und unzivilisierte Barbaren das sind?
kai kojote 05.07.2017
4.
Wieso werden eigentlich immer dann, wenn jemand von Grundrechten gebrauch machen will, diese einfach ausgeschaltet? In Deutschland gelten Freiheiten offensichtlich nur so lange, wie man sie nicht nutzt - oder wie sie dem Staat zum Vorteil gereichen. Da hilft es auch nichts, wenn dann irgendein Gericht, nachdem alles vorbei ist, einem Recht gibt. Aber Hauptsäche in zwei Wochen gibt es wieder lustige, bürgernahe Tweets der Polizei, den Helden des Alltags.
frank_w._abagnale 05.07.2017
5. Recht und Ordnung.
Es ist gut, dass die Polizei Stärke zeigt. Recht und Ordnung auf den Straßen ist besser als Anarchie auf den Straßen.
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