Protest in Frankfurt: Triumph der Träumer

Von , Frankfurt am Main

Sie verachten den Finanzkapitalismus, und sie zeigen ihre Wut - jetzt auch in Deutschland. Menschen aus allen sozialen Schichten demonstrieren in Frankfurt und anderen Städten für ein gerechtes Wirtschaftssystem. Der kreative Protest zeigt: Es gibt ein Bedürfnis, die Welt zu verbessern.

Was braucht man für eine bessere Welt? Eine Welt mit einem fairen Wirtschaftssystem. Dafür haben am Samstag rund um den Globus Menschen demonstriert, allein in Frankfurt sind mehrere Tausend zusammengekommen. Und in der Stadt, in der Deutschlands Börse und große Banken ihr Hauptquartier haben, scheint das Rezept für eine bessere Welt zu lauten: Seifenblasen.

Die schießen Protestierende überall in Frankfurt aus bunt blinkenden Plastikpistolen in die Luft. Man kann sie, in ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit, als Sinnbild der Proteste sehen.

Denn es fällt auf, dass am Samstag nicht nur die vielbeschworenen Wutbürger erwacht sind, sondern auch die Träumer. Viele Demonstranten sind weniger hier, weil sie gegen etwas sind (das System, die Boni-Banker, die Rating-Agenturen), sondern für etwas: Viele Menschen, die am Samstagnachmittag auf dem großen Platz vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt demonstrieren und tanzen, träumen vom Anbruch einer besseren Zeit.

Es sind Menschen dabei, die von sich sagen, dass sie nach langer Zeit wieder Lust bekommen haben zu demonstrieren. Dass wieder mehr Menschen für eine bessere Welt kämpfen, ist ein gutes Zeichen, auch wenn ihr Protest vermutlich wenig ausrichtet.

"Ich bin fuchsteufelswild"

Der Mann, der diese Bewegung maßgeblich in Gang gebracht hat, der dafür gesorgt hat, dass die Protestwelle von der Wall Street bis ins deutsche Finanzzentrum rollte, ist gerade mal 20 Jahre alt. Wolfram Siener, Pressesprecher und seit seinem Auftritt in der Talkshow "Maybrit Illner" heimlicher Anführer der "Occupy Frankfurt"-Bewegung, betreut den Protestzug in einem Zustand der Aufgekratztheit, der sich nur dann einstellt, wenn das Adrenalin den Schlafmangel niederkämpft.

Fotostrecke

7  Bilder
Demos in Deutschland: Protest im Schatten der Bankentürme
Äußerlich hat Siener mit den Altachtundsechzigern, Gewerkschaftlern und Links-Partei-Anhängern, die seinem Aufruf gefolgt sind, nichts gemein. Er trägt eine braune Lederjacke, einen "21 Jump Street"-mäßigen Pullover und eine umgekrempelte Jeans. Manchmal, wenn er über Billigarbeiter in Indien redet oder über Hungersnöte in Afrika, wird er wütend. "Ich bin fuchsteufelswild", sagt er dann und wiederholt: "fuchsteufelswild."

Doch Siener ist kein Wutbürger. "Die Vision ist eine direktere Demokratie", sagt er, "in der die Bürger sich das Wirtschaftssystem nach ihren Vorstellungen formen und nicht umgekehrt. Das Parteiensystem kann das nicht leisten, aber ich glaube daran, dass das Internet eine neue Regierungsform hervorbringen wird, in der diese bessere Welt möglich ist."

Siener sagt das mit der Überzeugung, mit der Selbstüberschätzung eines 20-Jährigen, der glaubt, dass er die Welt aus den Angeln heben kann. Seiner Kritik an der Lohnschere, an Rating-Agenturen und an der Finanzkrise dürften die meisten Deutschen zustimmen. Und sein fester Glaube an den Wandel wirkt aufwühlend, auch für Menschen, die schon resigniert hatten.

"Götterdämmerung, Baby"

Diesem Obama-Gefühl, dass der Wandel zum Guten doch noch möglich ist, begegnet man am Samstag überall in Frankfurt. Es wohnt den Sprüchen auf vielen Protestplakaten inne, Sprüchen wie: "Götterdämmerung, Baby", "R€volution" oder "Steuern den Palästen, Frieden den Häusern". Und man hört es heraus, wenn Menschen erklären, warum sie heute zur EZB gekommen sind.

"Es ist viel von systemrelevanten Banken die Rede", sagt etwa Michael König aus Saarbrücken. "Diese Systemrelevanz muss sich der Bürger zurückerkämpfen." König sagt, dass er für einen großen amerikanischen Konzern arbeite, der nach der Finanzkrise sein Weihnachtsgeld halbierte, um Aktionären weiter die versprochene Dividende zahlen zu können.

Doch es gibt unter den Protestierenden auch viele Menschen, die sagen, dass sie selbst von der Weltfinanzkrise gar nicht betroffen sind. "Mir geht es nicht schlechter als vor dem Lehman-Crash", sagt Tamara Wilder, eine blonde ältere Dame mit buntgeschecktem Schal. "Ich sehe es aber als meine soziale Pflicht an, hier Präsenz zu zeigen." Auch der inzwischen pensionierte Lehrer Rolf Klöver sagt, dass es ihm eigentlich gutgehe. "Ich würde mir aber wünschen, dass die Jugendlichen in den Schulen besser die komplexen Zusammenhänge zwischen Politik und Finanzmärkten erklärt bekommen. Deshalb bin ich heute hier."

Der Platz vor der EZB ist am Samstagnachmittag teils komplett mit Menschen belegt. Bis zu 5000 sind nach Angaben der Polizei gekommen, fünfmal mehr als die Veranstalter sich erhofft hatten. Menschen tanzen zu Sir-Taki-Klängen gegen die Hellas-Krise. Andere schwärmen aus und verteilen falsche Zehn-Euro-Scheine auf den Straßen um den Platz. Immer wenn sich ein Passant nach einem der Scheine bückt, freuen sie sich diebisch.

In der Nacht werden wohl die meisten Demonstranten wieder nach Hause fahren. Wie lange es in Frankfurt ein Protest-Camp wie an der Wall Street geben wird, steht noch nicht fest. Der erste, der sein Zelt aufstellt, ist Frank Stegmeier, ein Hardcore-Aktivist, der den Euro abschaffen will und seit April immer mal wieder vor der EZB aus Protest campiert. "Ich werde so lange hierbleiben, wie noch mindestens zehn andere Zelte hier stehen" , verspricht er.

Am späten Nachmittag stehen auf dem Platz genau 10 Zelte. Der Protest ist eine Goa-Party geworden, rund 200 überwiegend junge Menschen tanzen auf dem Platz. In einer Ecke allerdings ruft noch einer Parolen ins Mikrofon. "Heute ist nur Tag 1", sagt er. Beifall.

Über dem Platz schweben noch immer vereinzelt Seifenblasen, der Wind pustet manche in die Lüfte, in Richtung der Banken-Wolkenkratzer.

Mitarbeit: Tobias Lauer

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 200 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und alle diese Träumer
Wasnun 15.10.2011
haben bestimmt ein Bankkonto und erwarten eine gute Rendite.
2. Mann glaube es kaum.
tksuper 15.10.2011
Wenn ich jetzt in der Presse lese.: "SPD, Linke, Grüne und Gewerkschaften begrüßen die Protestaktionen" kommt es mir doch glatt hoch. Vor wenigen Tagen noch, hat man aus den grün-roten Reihen in Berlin vernommen, unbedingt, als Europafreundliches Zeichen dem neuem Rettungsschirm zuzustimmen, was letztendlich hauptsächlich den Banken als Kreditgeber der Pleitestaaten zugute kommt. Nun krakeelen die gleichen Protagonisten was von Kampf dem Großkapital. Unwürdiger Opportunismus und linkspopulistische Parolen.
3. “Occupy Frankfurt” – der berühmte Satz mit X, das war wohl nix
alterknacker 15.10.2011
In Frankfurt am Main haben mehrere hundert Menschen gegen die Macht der Banken und die Finanzkrise protestiert. Quelle: Hier weiterlesen Klickt man auf diese Schlagzeile, weil man sich für mehr Informationen interessiert, wird nur in den ersten Sätzen von “Occupy Frankfurt” berichtet, der große Rest ist aus New York und schon länger mehr als bekannt. Das Aufbegehren gegen die Macht der Finanzmärkte erreicht Deutschland. Welches Ausmaß werden die Proteste haben? Quelle: Hier weiterlesen Um es einmal ganz deutlich zu sagen, von Ausmaßen kann absolut nicht die Rede sein, wenn ein paar Hansel ‘Revolution’ spielen. Aber vielleicht ist auch Frankfurt als Stadt einfach viel zu klein, um als Standort für einen solchen Protest überhaupt in Frage zu kommen. Hinzu kommt noch eine Eigenheit dieser Bankenmetropole, denn die Menschen dort sind es gewohnt, eine besondere Zurückhaltung an den Tag zu legen, besonders, wenn es sich um den größten Arbeitgeber der Stadt handelt und dass sind nun mal die Banken.
4. Ursache
carlo02 15.10.2011
ist immer noch, dass die öffentliche Hand zuviel Geld ausgegeben hat. Das ist die wahre Ursache der Krise.
5. Ich finde es fantastisch
Jobuch 15.10.2011
die jungen Leute nicht mehr nur karrieregeil und angepaßt zu sehen, sondern das zu machen, was ich als 50jähriger nicht geschafft habe: Die Welt in eine Lebenswertere zu verwandeln oder zumindest daran zu arbeiten. Die Parteien, die diese Bewegung jetzt in blankem, kaum bemäntelntem Opportunismus begrüßen, ekeln mich an - sie sind in Personalunion mit den Bankern mit Schuld daran, daß es soweit kommen konnte, wie es jetzt ist. Ich wünsche diesen Vorkämpfern für mehr Demokratie allen Erfolg der Welt. Es wird noch sicher einige Pannen geben, aber ich bin bereit, diesen Leuten sehr viel zu verzeihen, denn Experimente beherbergen auch immer das Risiko, daß mal was schief geht. Bei den Parteien hingegen, die alles immer besser wissen (wollen) als das Volk, gilt für mich: NULL TOLERANZ.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Weltfinanzkrise
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 200 Kommentare
Fotostrecke
Demos gegen Finanzindustrie: Proteste weltweit

"Occupy Germany" auf Twitter