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Protestzug durch Stuttgart: Zehntausende demonstrieren gegen S21

Es war die letzte Großdemo im Jahr 2010 - und sie mobilisierte die Stuttgart-21-Gegner noch einmal in Massen. Nach Polizeiangeben protestierten rund 16.000 Menschen gegen das umstrittene Bahnhofs-Projekt. Für das kommende Jahr kündigten sie "Widerstand plus" an.

Demonstranten vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof: "Wir müssen keine Angst haben" Zur Großansicht
dapd

Demonstranten vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof: "Wir müssen keine Angst haben"

Stuttgart - Zehntausende Menschen haben am Samstag auf der letzten Großdemo in diesem Jahr gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 protestiert. Nach Angaben der Veranstalter kamen rund 50.000 Demonstranten zu einer Kundgebung unter dem Motto "Stuttgart ist überall - Nein zu Stuttgart 21" vor den Stuttgarter Hauptbahnhof. Die Polizei schätzte die Zahl der Teilnehmer dagegen auf nur 16.000. Aus Berlin und dem Ruhrgebiet gab es Sonderbusse, auch aus anderen Städten wie Frankfurt waren Demonstranten angereist.

Redner wie der Architekt Peter Conradi und die verkehrspolitische Sprecherin der Linken, Sabine Leidig, riefen die Teilnehmer auf, auch 2011 weiter zu demonstrieren. Man wolle nicht "Stuttgart 21 plus", sondern "Widerstand plus". Die bisherigen Proteste hätten Wirkung gezeigt. Nur durch sie seien die Schlichtungsgespräche unter Vermittler Heiner Geißler zustande gekommen.

Noch im August habe es kaum jemand für möglich gehalten, dass es - zumindest vorübergehend - einen Baustopp sowie später dann die Schlichtungsgespräche geben würde, sagte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Auch Conradi zog ein positives Fazit der Proteste: "Die Stadt hat sich verändert, sie ist lebhafter, offener und politischer geworden."

Palmer sprach den Zuhörern angesichts der jüngsten positiven Umfragewerte für Stuttgart 21 Mut zu. Die Vorschläge Geißlers seien technisch womöglich gar nicht machbar und unbezahlbar. "Wir müssen keine Angst haben. Das Projekt erledigt sich von selbst. Es ist halt ein Tod auf Raten", sagte er.

Protestzug am Landtag vorbei

Nach der mehr als einstündigen Kundgebung, an der als Zuhörer auch Fraktionschef Gregor Gysi und seine Stellvertreterin Gesine Lötzsch von der Bundestagsfraktion der Linken teilgenommen hatten, zogen die Demonstranten durch die Innenstadt.

Die Route führte entlang am weiträumig abgesperrten und von zahlreichen Polizisten bewachten Landtag und an der Zentrale des CDU-Kreisverbandes. Es gab nach Polizeiangaben keine Zwischenfälle. Auf dem Cityring kam es allerdings zu erheblichen Verkehrsstaus.

Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) wertete die Demonstration als "Zeichen, dass es den Veranstaltern immer weniger um den Bahnhof und immer mehr um eine Veränderung des politischen Systems" gehe.

Vor der Landtagswahl im kommenden März "drängeln sich Grüne und Linkspartei in die vorderste Reihe des Protests und versuchen als Dagegenpartei den Unmut von Bürgerinnen und Bürgern für ihre eigenen Wahlkampfzwecke zu nutzen".

jok/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 146 Beiträge
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1. Selbst Frau Gönner ist lernfähig
shmem 11.12.2010
...aber sie ist weiter demagogisch unterwegs: ---Zitat--- Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) wertete die Demonstration als "Zeichen, dass es den Veranstaltern immer weniger um den Bahnhof und immer mehr um eine Veränderung des politischen Systems" gehe. ---Zitatende--- Hach, Frau Gönner, genauso wie Sie wissen, daß die Zulaufgleise und das 9. und 10. Gleis im Tiefbahnhof nicht benötigt werden, wissen Sie nun, daß es uns "immer weniger" um den Bahnhof geht? Nebenkriegsschauplätze aufmachen und den Gegner auf diesen zerstreuen wollen verfängt hier nicht. Es geht zuerst um Stuttgart 21, und dann natürlich um alles was notwendig ist, dieses Projekt endgültig zu begraben. Die S21-Gegner würden sich sicher auch über Unterstützung aus der CDU freuen. Machen Sie doch einfach mit beim Protest, sogewinnen Sie vielleicht noch Stimmen!
2. Frau Gönner hat es begriffen- also ist sie doch nicht so dumm.
hmorun 11.12.2010
Aber ja, der banhof muss oben bleiben. aber die menschen im land wollen auch mehr. sie wollen, das diese verlogene lobyistenpolitik ausgewechselt wird. die menschen haben die nase voll- das man bildung und soziales kürzt, das rentenalter auf 67 oder höher bringt- ährend herr mappus oder wie die lobbypolitiker sonst noch heissen- ihrne spezies milliarden in die taschen stecken. wwarum hat herr mappus nicht die lbbw beauftrag den enbw deal abzuwickeln? und 30 Millionen provision zu verdienen( kassieren- verdienen ist arbeit). bei der lbbw sitzt herr M im vorstand. aber was macht ewr? seinem guten freund schiebt er die 30 millionen zu. davon will sich das volk endlich befreien.
3. Demonstrations-Touristen aus Berlin
audio2000 11.12.2010
Zitat von sysopEs war die letzte Großdemo im Jahr 2010 - und sie mobilisierte die Stuttgart-21-Gegner noch einmal in Massen. Nach Polizeiangeben protestierten rund 16.000*Menschen gegen das umstrittene Bahnhofs-Projekt. Für das kommende Jahr kündigten sie "Widerstand plus" an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,734165,00.html
Lächerlich. Heute mussten die S21-Gegner schon Demonstrations-Touristen aus ganz Deutschland herankarren, um noch auf 16.000 Teilnehmer zu kommen... Die Berliner SED ääh Linkspartei hat ihre Genossen mit einem (oder mehreren?)Bussen herangekarrt (wie ist das bei denen eigentlich mit diesem ominösen CO2 bzw. Klimaschutz?) Klar, es geht der PDS und den Grünen nicht um die Sache, sondern um den Landtags-Wahlkampf, die importierten Demonstranten kennen sich sowieso nicht mit der Materie aus... Dabei wird Stuttgart 21 wird sowieso gebaut, egal, wie oft die rumkrakeelen.
4. jfcdghvmwd
Haarspalter 11.12.2010
Zitat von sysopEs war die letzte Großdemo im Jahr 2010 - und sie mobilisierte die Stuttgart-21-Gegner noch einmal in Massen. Nach Polizeiangeben protestierten rund 16.000*Menschen gegen das umstrittene Bahnhofs-Projekt. Für das kommende Jahr kündigten sie "Widerstand plus" an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,734165,00.html
Nach Angaben der Veranstalter waren es 50.000 Teilnehmer. Mittlerweile bin ich geneigt denen eher zu glauben als der Mappuschen Prätorianergarde, a.k.a. Polizei.
5. Gönnerhaft 1
Achim 11.12.2010
»Baden-Württembergs Verkehrsministerin Tanja Gönner (CDU) wertete die Demonstration als "Zeichen, dass es den Veranstaltern immer weniger um den Bahnhof und immer mehr um eine Veränderung des politischen Systems" gehe.« Na ja, wenn weite Teile der Bevölkerung merken, dass es der Regierung bei der Diskussion um Stuttgart 21 nicht um gleichberechtigte, ergebnisoffene Erörterung von Argumenten pro S21 und pro K21 geht, sondern um politische Diffamierung von S21-Kritikern als "Berufsdemonstranten" und um die Durchsetzung von "großer" Politik mittels eines Bahnhofs, dann wundert es mich nicht, dass weite Teile der Bevölkerung mit einem System nicht mehr einverstanden sind, das sie entmündigt.
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Interaktive Grafik
"Stuttgart 21": Um diese Flächen geht es

Stuttgart 21
Von der Abrissliste bis zum Zeitplan, ein Überblick über die Streitpunkte beim Milliardenprojekt
Abrissliste
Im August wurde mit den Abrissarbeiten begonnen. Ganz oben auf der Liste: Nord- und Südflügel des Hauptbahnhofs. Nur das Hauptgebäude steht unter Denkmalschutz. Stuttgart-21-Gegner wollen den Gesamtbau erhalten, ohne Erfolg. Der Nordflügel wurde vollständig abgetragen, den Abriss des Südflügels hat die Landesregierung aufgeschoben - als wohlwollendes Signal an die Demonstranten, so Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU).
Anhydrit
Laut der Stuttgart-21-Pläne sollen die Zugstrecken im Stadtgebiet unterirdisch verlaufen. Insgesamt 20 Bahntunnel müssen gebaut werden - im äußerst schwierigen schwäbischen Bodengestein. Vor allem das Mineral Anhydrit sorgt für Ärger. Wird es nass, entsteht ein aufquellender Gips mit Sprengwirkung: Der Boden kann sich anheben, umliegendes Gestein wird porös. Geologen fürchten, dass bei den umfangreichen Tunnelarbeiten Anhydrit den Boden in der Stadt absacken lässt. Befürworter verweisen auf die Stuttgarter U-Bahn - bei deren Bau habe es keine Probleme gegeben.
Baustopp
Das oberste Nahziel der Demonstranten. Protestgruppen aus dem Aktionsbündnis "gegen Stuttgart 21" fordern einen sofortigen Bau- und Vergabestopp - erst dann wollen sie mit Landesregierung und Bahn verhandeln. Doch diese lehnten die Bedingung stets kategorisch ab, weil sie der Bahn hohe finanzielle Verluste beschert. Streitschlichter Heiner Geißler verkündete erst, dass er einen Baustopp erreicht habe, wurde dann aber von Bahn und Regierung zurückgepfiffen.
Durchgangsbahnhof
Der Hauptstreitpunkt bei Stuttgart 21: Der Bahnhof soll unter die Erde verlegt werden, der alte Kopfbahnhof von einem unterirdischen Durchgangsbahnhof ersetzt werden. Die acht Gleise verlaufen in elf Metern Tiefe quer zu den alten Gleisen in Ost-West-Richtung. Für Tageslicht im Tiefbahnhof sollen Lichtaugen sorgen, die in den Schlossgarten eingebaut werden. Eine Verschandelung des Parks, sagen Kritiker. Eine Visitenkarte für die Stadt, sagt die Bahn.
Europaviertel
Auf der Fläche der alten Gleisanlagen soll ein neues Stadtviertel entstehen. Rund hundert Hektar Neubaufläche in bester innerstädtischer Lage. Investoren und Bauunternehmer können sich freuen, Stuttgart-21-Gegner befürchten ein seelenloses Büroviertel im Herzen der Stadt.
Kopfbahnhof 21
Es ist das Alternativkonzept der Gegner. Sie wollen den bestehenden Bahnhof modernisieren. Er bekäme zwei zusätzliche Gleise, die ihn mit der Neubaustrecke Richtung Ulm verbinden. Diese Variante würde Milliarden sparen, sagt die Initiative Kopfbahnhof 21, vor allem weil weniger Tunnel unter der Stadt gebaut werden müssten. Der Fahrzeitgewinn wäre dann allerdings geringer.
Kosten
Momentan sagt die Bahn, das Riesenprojekt koste 4,1 Milliarden Euro. Viel zu niedrig, sagen Kritiker. Schon der Bundesrechnungshof rechnete 2008 mit mindestens 5,3 Milliarden. Die geschätzten Kosten sind immer weiter angestiegen. Zuletzt wurde die Kalkulation für die Neubaustrecke nach Ulm um 865 Millionen Euro auf 2,9 Milliarden Euro erhöht. Die Schätzungen für die Gesamtkosten schwanken zwischen sieben und elf Milliarden. Weil Bauverträge seit Ende 2009 rechtskräftig sind, wäre auch ein Ausstieg teuer.
Magistrale
Der zweite große Pfeiler von Stuttgart 21: Zwischen Wendlingen im Südosten Stuttgarts und Ulm soll eine Hochgeschwindigkeitsstrecke entstehen. Damit wird die Fahrzeit von Ulm nach Stuttgart von 54 auf 28 Minuten halbiert. Bislang muss selbst der ICE mit Tempo 70 über die alte Strecke, die Geislinger Steige, schleichen. Die Trasse ist Teil der "europäischen Magistrale Paris-Bratislava", einer internationalen Hochgeschwindigkeitsstrecke. Deshalb sei ein Ausbau wichtig für ganz Europa, sagen Befürworter.
Schlossgarten
Die grüne Lunge Stuttgarts. Die 600 Jahre alte Parkanlage grenzt an die Gleise des alten Bahnhofs. Für den neuen Tiefbahnhof sollen hier knapp 300 alte Eichen, Platanen und Rosskastanien gefällt werden. Als die Rodung Ende September beginnen sollte, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten. Die Bahn hat zugesagt, nach Ende der Bauarbeiten neue Bäume zu pflanzen.
Zeitplan
Bereits 1994 stellte die Bahn das Projekt Stuttgart 21 vor, der Entwurf für den Tiefbahnhof stand drei Jahre später. Seitdem hat es zahlreiche Verzögerungen gegeben. Im Februar 2010 begannen die Bauarbeiten am Hauptbahnhof. Laut Bahn soll im Sommer 2012 mit der Baugrube für den Tiefbahnhof begonnen werden. Nach heutigem Zeitplan sollen die Stuttgart-21-Arbeiten Ende 2019 abgeschlossen sein.

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