Protokoll der Abriegelung: Wie Berlin den Mauerbau erlebte

Von Maximilian Ulrich und

3. Teil: Der Westen wird eingekesselt - was in der Nacht geschah

Mauerbau vor 50 Jahren: Der Tag, der die Welt veränderte Fotos
dapd

Im Tageslicht bot sich das ganze Ausmaß der Ereignisse - ein Großteil der Operation Mauerbau wurde noch vor dem Morgengrauen fertig gestellt. Was in der Nacht zum 13. August 1961 geschah, lesen Sie hier - in chronologischer Reihenfolge:

+++ Die Lichter gehen aus+++

[1.00 Uhr] An der Sektorengrenze zwischen West- und Ost-Berlin ist es vollkommen dunkel - auf der östlichen Seite der Grenze gehen sämtliche Straßenbeleuchtungen aus. Seitdem hört man Motorengeräusche von Lastwagen. Posten laufen an den Grenzübergängen auf.

Die Absperrungen an den Grenzen deuten nicht auf einen Angriff der Armeen des Warschauer Paktes hin. Die Ost-Berliner Nachrichten Agentur veröffentlicht um 1:11 Uhr eine Erklärung der Warschauer Vertragsstaaten. Darin heißt es, die eingeleiteten Maßnahmen sollen "eine zuverlässige Bewachung und wirksame Kontrolle" bewirken. Im Klartext: Die "Maßnahmen" sollen die Fluchtwelle aus der DDR stoppen.

Bis vor ein paar Stunden war West-Berlin der einzige Ort für Menschen, die aus der DDR nach Westdeutschland wollten. An allen anderen Stellen wird die innerdeutsche Grenze schon seit 1953 stark bewacht. In der DDR gilt "Republikflucht" als Straftat.

+++ Übergänge werden dichtgemacht +++

[3.00] An der Ebertstraße am Potsdamer Platz wird mit Presslufthämmern die Straße aufgerissen. Seit etwa einer halben Stunde sind die ersten Korrespondenten westlicher Medien am Brandenburger Tor. Der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor wird mit Suchscheinwerfern abgeleuchtet.

Der gesamte Platz ist mit Volkspolizisten gefüllt. Sie laden Stacheldrahtrollen und Betonpfähle von Lastwagen. Es ist nicht mehr möglich, von West nach Ost oder vom Osten in den Westen zu kommen.

Auch der S-Bahnverkehr ist teilweise unterbrochen. Eine S-Bahn, die von Berlin-Staaken, im Westteil der Stadt, nach Ost-Berlin fahren sollte, wurde an der Grenze von Volkspolizisten gestoppt und musste nach Staaken zurückfahren. Alle Fahrgäste mussten aussteigen und erhielten ihr Geld zurück.

+++ Was passiert bloß an der Grenze? +++

[5.30 Uhr] Die Lage an der Grenze ist unübersichtlich. Es ist nicht klar, ob die DDR-Truppen nur die wichtigen Grenzübergänge wie das Brandenburger Tor verstärken, oder ob die gesamte Sektorengrenze abgeriegelt ist. Es gibt Berichte der West-Berliner Polizei, die von Truppenbewegungen auch an der Außengrenze Berlins sprechen.

Bisher sind weder Einheiten der Roten Armee noch NVA-Truppen gesehen worden. Es scheint sich also um eine Aktion der Ost-Berliner Polizei zu handeln. Womöglich möchte die Ost-Berliner Regierung die Grenzkontrollen verstärken, um "Grenzgänger" an ihrer Arbeit im Westen zu hindern.

Ein beträchtlicher Teil der Ost-Berliner Bevölkerung arbeitet im Westen der Stadt, zahlt also im Osten keine Steuern. Die Lebensmittel- und Mietpreise sind in Ost-Berlin allerdings niedriger, so dass diese Menschen bisher nicht in den Westen gezogen sind.

+++ West-Berlin ist abgeriegelt! +++

[6.00] Mit Sonnenaufgang wird die erschreckende Lage deutlich: Um den gesamten westlichen Stadtteil Berlins zieht sich ein Sperrring der Ost-Berliner Polizei.

Stacheldrahtrollen werden an allen Straßenübergängen ausgerollt. Eine Postenkette zieht sich quer durch die ganze Stadt, die einzelnen Posten stehen im Abstand von einigen Metern.

Auch die Zugangswege nach West-Berlin sind gesperrt. Aus den umliegenden DDR-Bezirken wurden Polizeieinheiten herangezogen, um die Außengrenze abzusperren. Straßensperren wurden errichtet. Der Asphalt wurde aufgerissen. Der komplette S-Bahnverkehr ist unterbrochen.

+++ "Das betrifft uns nicht" +++

[6.10 Uhr] Die West-Alliierten verhalten sich passiv. Ein englischer Offizier beobachtet die Bauarbeiten am Brandenburger Tor und sagt: "Das betrifft uns nicht, da es Maßnahmen sind, die im sowjetischen Sektor stattfinden. Ich fühle mich davon nicht bedroht, auch wenn es für die Berliner wohl kein erfreulicher Tag ist." Danach steigt er wieder in seinen Jeep und fährt davon.

Es gibt weder Truppenaufgebote der Roten Armee noch der West-Alliierten an der Sektorengrenze. Es ist daher zu hoffen, dass es nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.

+++ Hunderte Menschen an der Friedrichsstraße +++

[6.30 Uhr] Auf dem Bahnhof Friedrichstraße haben sich mittlerweile Hunderte Menschen eingefunden, die nach West-Berlin möchten. Es sind Menschen aus Ost- Berlin - aber auch West-Berliner, die die Nacht im Osten verbracht haben und nun nach Hause wollen. In den Gesichtern sieht man die Ratlosigkeit angesichts der Maßnahmen der SED-Regierung. Es ist sehr still.

Die meisten stehen hier schon seit Stunden. Trotzdem ist die Stimmung noch entspannt. Am Anfang dachten die meisten, dass es sich um ein technisches Problem bei der S-Bahn handeln müsse. Jetzt redet man leise darüber, dass "die Grenze wohl doch dichtgemacht wurde".

Am Brandenburger Tor ist das Polizeiaufgebot am größten. Nicht nur Volkspolizei, auch Betriebskampfgruppen helfen beim Errichten eines Zaunes, der vom Brandenburger Tor zum Potsdamer Platz geht.

Drei junge West-Berliner, die offenbar noch etwas angetrunken sind, stellen sich direkt vor den Volkspolizisten auf und rufen "Brüder zur Sonne zur Freiheit". Das Lied gehört in der DDR zum Standart-Repertoire bei Partei-Veranstaltungen. Danach rufen die drei laut "Pfui!" Die Vopos ignorieren die Darbietung.

Auch an der Bernauer Straße protestieren Menschen. In "Ritas Tanzpalast" hatte es wie jeden Samstag eine große Party gegeben. Als die feiernden Menschen die Stacheldrahtrollen sehen, beginnen sie, ihrer Wut Luft zu machen. Die Volkspolizei reagiert sofort und nimmt einige Menschen fest.

+++ Kampfgruppen rollen Stacheldraht aus +++

[7.00 Uhr] Fassungslos betrachten die Berliner das Ergebnis der nächtlichen Aktion. In aller Stille ist der Westen der Stadt eingekesselt worden, ein Passieren der Grenze ist nun unmöglich.

Am Abend hatte es ein seltsames Treffen in Ost-Berlin gegeben. Walter Ulbricht hatte die Mitglieder des Politbüros in seine Datsche eingeladen. Es gab zu essen und zu trinken. Keiner von Ulbrichts Genossen war sich über den Zweck des Treffens im Klaren. Bis kurz nach 22:00 Uhr.

Als die meisten Gäste schon etwas angetrunken waren, machte Ulbricht fast beiläufig die Bemerkung: "Genossen, lasst uns etwas gegen die unhaltbare Situation an der Berliner Grenze tun." Die Pläne, die er dann vorlegte, waren unter strengster Geheimhaltung ausgearbeitet worden. Die überrumpelten Minister unterschrieben den Beschluss.

Dann ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Stunden rückten alle verfügbaren Kampfgruppen und Polizeieinheiten aus und riegelten die Grenze ab.

+++ Patrouillen an der Sektorengrenze +++

[8.00 Uhr] Die Westalliierten zeigen bisher keine Reaktion. Nur vereinzelt fahren Patrouillen der Briten, Amerikaner oder Franzosen an der Sektorengrenze vorbei. In der Bernauer Straße kommen auf eine Hand voll West-Berliner Polizisten fast tausend Volkspolizisten.

SPIEGEL ONLINE hat den Tag des Berliner Mauerbaus in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Sälter von der Gedenkstätte Berliner Mauer rekonstruiert.

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insgesamt 236 Beiträge
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1. Shudder
Layer_8 13.08.2011
Zitat von sysopEs*war ein gespenstischer Tag*in der Berliner Geschichte: Erst gehen die Lichter aus, dann rücken Sicherheitskräfte mit*Stacheldraht an - die innerdeutsche Grenze wird dichtgemacht. Was geschah in den ersten 24 Stunden des Mauerbaus? Verfolgen Sie die Ereignisse im historischen Live-Protokoll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,779715,00.html
Ick wohn hier inner Ackerstraße, Mitte. Un de Bernauer Straße is jerademal 5 Minuten zu Fuß von mir entfernt. Vor fuffzig Jahren hätt ick wohl uff der falschen Seite jewohnt ;(
2. Freiheit.
kurtwied 13.08.2011
Wenn man so lange in Freiheit gelebt hat, scheint sie ein gegebenes Gut. Jeder der anmahnt, Freiheit zu schützen, wirkt wie ein Hysteriker. Dass es schnell anders sein kann, zeigen uns die Nachrichten aus London die letzten Tage. http://www.youtube.com/watch?v=dN6CHtGGo4g
3. .
Xeno87 13.08.2011
Historischer Liveticker - einfach der Wahnsinn. Ich kann von meinem RSS-Feed ablesen und fühle mich fast so wie im März, als man seine Informationen über Fukushima nur so bekommen hat. Ich muss mich sogar ein kleines bisschen daran erinnern, dass das alles ja der Vergangenheit angehört. Auf jeden Fall mehr davon!!
4. Wahrheit
martin-gott@gmx.de 13.08.2011
1961 die Kuba Krise war gerade beendet denn kam das nächste Problem eine sich destabilisierende DDR. Diese wurde durch den Mauerbau für die nächsten Jahrzehnte stabilisiert, und es waren bestimmt alle Politiker in West und Ost glücklich darüber. Denn wer möchte schon Politik machen wenn jede Eskalation den 3 Weltkrieg bedeuten kann.
5. Unterdrücker der Welt, ihr werdet immer verlieren!
MonaM 13.08.2011
Zitat von sysopEs*war ein gespenstischer Tag*in der Berliner Geschichte: Erst gehen die Lichter aus, dann rücken Sicherheitskräfte mit*Stacheldraht an - die innerdeutsche Grenze wird dichtgemacht. Was geschah in den ersten 24 Stunden des Mauerbaus? Verfolgen Sie die Ereignisse im historischen Live-Protokoll. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,779715,00.html
Dass wir heute, am 50. Jahrestag des Mauerbaus, schon auf fast 22 mauerlose Jahre zurückblicken können, ist doch wirklich ein Grund zur Freude. Unterdrücker der Welt, ihr werdet immer verlieren!
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