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13. August 2011, 15:02 Uhr

Protokoll der Abriegelung

Wie Berlin den Mauerbau erlebte

Von Maximilian Ulrich und

Erst gingen die Lichter aus, dann brach der S-Bahn-Verkehr ab - wenig später war die Grenze nach West-Berlin dicht. Der Bau der Berliner Mauer war eine Blitzaktion, die Bewohner wurden im Schlaf überrascht. Was geschah am 13. August 1961? Ein historisches Stundenprotokoll.

Der 13. August 1961 ist ein warmer Sommertag. Die meisten Berliner müssen nicht arbeiten. 16 Jahre ist der Krieg her, der die Stadt verwüstete und in vier Sektoren teilte. Jetzt geht man am Sonntag wieder in die Kirche, sitzt in Cafés und genießt den Sommer.

Doch dieser Tag ist anders. Über Nacht haben Bereitschaftspolizisten der DDR an allen Straßen zwischen Ost- und West-Berlin Stacheldrahtrollen ausgelegt. An der Bernauer Straße, am Potsdamer Platz, am Brandenburger Tor.

Posten mit Maschinenpistolen stehen im Abstand von einigen Metern hinter den Absperrungen. Die S-Bahn fährt nicht mehr nach West-Berlin. Die Stadt ist geteilt. Endgültig.

Noch ahnt niemand das Ausmaß der Katastrophe. Ganz ruhig stehen Berliner in Ost und West vor dem Stacheldraht. Sie können sich fast die Hände reichen. Sie könnten einfach den Draht beiseite schieben oder über ihn hinüber springen. Doch es passiert nichts. Es wird kaum geschrien. Es gibt keine größeren Ausschreitungen.

Wie in Schockstarre sammeln sich auf beiden Seiten der Grenze Menschen und beobachten die Posten. Diese haben den Großteil ihrer Arbeit schon in den frühen Morgenstunden vollbracht. Der Tag des Mauerbaus war eine Blitzaktion, die die Berliner im Schlaf überraschte.

SPIEGEL ONLINE hat in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer den Tag rekonstruiert, der die Welt veränderte. Historische "Live-Berichte" schildern die Ereignisse am 13. August 1961 in Berlin.

+++ "Sperrwand eines Konzentrationslagers" +++

[Ab 15.00 Uhr] Bundeskanzler Konrad Adenauer mahnt am späten Nachmittag zur Besonnenheit, verspricht Gegenmaßnahmen. "Die Bundesregierung bittet alle Deutschen, auf diese Maßnahmen zu vertrauen. Es ist das Gebot der Stunde, in Festigkeit, aber auch in Ruhe der Herausforderung des Ostens zu begegnen und nichts zu unternehmen, was die Lage nur erschweren, aber nicht verbessern kann."

Englands Premier Harold Macmillan sieht in der Abriegelung Ost-Berlins "keinen Bruch irgendeines unserer Abkommen."

In Washington gibt Außenminister Dean Rusk am Abend eine mit Präsident Kennedy abgestimmte Erklärung ab, nach der sich die Abriegelung "gegen die Bewohner Ost-Berlins und Ostdeutschlands und nicht gegen die Position der Alliierten in Westberlin oder den Zugang nach West-Berlin richten."

West-Berlins Bürgermeister Willy Brandt erklärt vor dem Abgeordnetenhaus: "Der Senat von Berlin erhebt vor aller Welt Anklage gegen die widerrechtlichen und unmenschlichen Maßnahmen der Spalter Deutschlands, der Bedrücker Ost-Berlins und der Bedroher West-Berlins. Die Abriegelung der Zone und des Sowjetsektors von West-Berlin bedeutet, dass mitten durch Berlin (...) die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird."

+++ Massenflucht am Potsdamer Platz +++

[14.30 Uhr] Am Nachmittag kommt es am Potsdamer Platz zu einer Massenflucht. In einem unbeobachteten Moment öffnen Ost-Berliner einen Zaun, den die Vopos errichtet haben. Mehrere hundert Menschen rennen in den Westen.

+++ Chaos um S-Bahn-Sperrung +++

[14.00 Uhr] Wie am frühen Nachmittag durchsickert, ist die Unterbrechung der Ost-Berliner S-Bahn offenbar nicht ohne Probleme abgelaufen. Denn am Vorabend hatte es eine Betriebsfeier bei der Bahn gegeben, die bis in die frühen Morgenstunden ging. Da niemand von den geplanten Maßnahmen wusste, waren die meisten Bahner überrascht, als sie zum Dienst im Morgengrauen gerufen wurden.

So wurden die Fahrgäste stundenlang nicht informiert, warum keine S-Bahnen mehr nach West-Berlin fahren. Ansonsten ist die Planung zur Sperrung der Grenze perfekt durchdacht: Seit Sonnenaufgang sind an fast allen Straßenzügen zwischen West-Berlin und dem Umland Sperrungen aufgebaut. Die Berliner sind im Schlaf von der Aktion überrascht worden.

+++ Wo sind noch Schlupflöcher? +++

[13.15 Uhr] Die Volkspolizei notiert: "Frau mit Kind und Koffer über Sportplatz Dresdner Str. illegal nach WB abgewandert. - Im Heinrich-Heine-Viertel (...) halten sich Besucher aus Weißensee auf, die negative Stimmung verbreiten." Immer wieder versuchen Menschen, letzte Schlupflöcher zu finden: Von Samstagmittag bis Sonntagnachmittag melden sich trotz der Abriegelung noch 800 Flüchtlinge in West-Berlin.

+++ Rufen über Stacheldraht +++

[13.00 Uhr] Auch die West-Berliner Polizei versucht, die Menschen an Ausschreitungen zu hindern. Vor allem Jugendliche versuchen, die Grenzposten der DDR zu provozieren. Sie schreien Beleidigungen über den Stacheldraht und stellen sich dabei dicht vor die mit Maschinenpistolen bewaffneten Vopos.

An der Schwedter Straße fährt ein etwa 18-jähriger Junge aus West-Berlin mit seinem Fahrrad direkt auf einen Grenzposten der Volkspolizei zu. In letzter Sekunde bremst er scharf ab und kommt mit quietschenden Reifen wenige Zentimeter vor dem Posten zum Stehen. Ein West-Berliner Polizist führt den Jungen ab.

Im Protokoll der Ost-Polizei wird etwa zu selben Zeit vermerkt: "In der Friedrich-Ebert-Str. versuchen von West-Berlin aus ca. 40 Personen die Sperren zu zerstören und unsere Genossen anzugreifen. Als Entlastungskräfte ist die 1. Hundertschaft Kampfgruppen hingeschickt worden."

+++ Vopos treiben Menge auseinander +++

[12:30 Uhr] In der Brunnenstraße setzen Sicherheitskräfte Tränengas und Schlagstöcke gegen Ost-Berliner Demonstranten ein. 400 Menschen sind auf der Ost-Seite der Grenze zusammengekommen und versuchen, sich mit Protestierern auf der westlichen Seite abzusprechen. Die Volkspolizei treibt die Menge auseinander.

Ein ähnliches Bild an weiteren Straßen zwischen Ost und West. Die Menschen, die bei ihren Sonntagsspaziergängen von den Stacheldrahtrollen am Weitergehen gehindert werden, machen ihrer Wut Luft. Teilweise versuchen Menschen auf beiden Seiten, sich zusammenzuschließen und die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ohne Erfolg.

Auf Ost-Berliner Seite greift die Polizei hart durch. Es kommt zu zahlreichen Festnahmen. Die Menschenansammlungen werden aufgelöst.

+++ Berichte über Unruhen +++

[12.10 Uhr] Die Ost-Berliner Volkspolizei vermerkt in ihrem "Journal der Handlung": "Am Brandenburger Tor auf westlicher Seite haben sich ca. 300-400 Personen zusammengerottet, die begonnen hätten, die Grenzbefestigungen zu zerstören. Ebenso würden sie versuchen, das Sektorenschild zu beseitigen. Die VP-Kräfte würden dort zur Aufrechterhaltung der Ordnung nicht ausreichen." (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)

+++ Kein Protest der Westmächte +++

[11.30 Uhr] Aus Kreisen der West-Alliierten wird bekannt, dass die Alliierten über "geplante Aktionen" der DDR informiert waren. Der sowjetische Stadt-Kommandant Marschall Konew hatte demnach seine drei westlichen Kollegen vorgewarnt: "Was auch immer in den nächsten Tagen passieren wird, ich verspreche Ihnen, es bleibt im Osten. Ihr Status in West-Berlin wird nicht angetastet." Konew, einer der Militärs, die Deutschland 1945 vom Hitler-Regime befreiten, war erst vor kurzem als Stadt-Kommandant eingesetzt worden.

Die Reaktion der Alliierten passt zu dieser Information. Bisher gibt es keinerlei Proteste der drei Westmächte innerhalb Berlins gegen die Absperrung West-Berlins. An vielen Grenzübergängen werden Demonstranten sogar von englischen, französischen oder amerikanischen Soldaten aufgefordert, sich ruhig zu verhalten und die Vopos nicht zu provozieren.

Es sieht so aus, als würde der Westen das Unrecht an der ostdeutschen Bevölkerung in Kauf nehmen, um die Situation in West-Berlin zu entspannen. Sollten die Russen tatsächlich West-Berlin unangetastet lassen, würden sie damit auch ihren Anspruch auf diesen Teil der Stadt aufgeben. In der Vergangenheit hatten die Russen immer wieder gefordert, West-Berlin solle sich der DDR anschließen.

+++ "Bis auf die Unterwäsche entkleidet" +++

[11.20 Uhr] Auszug aus dem "Journal der Handlung", in dem die Ost-Berliner Volkspolizei die Operation protokolliert - die Vopos notieren für 11.20 Uhr: "(...) Am Flutgraben, Nähe Lohmühlenstr., hat sich ein junges Mädchen gegen 10.00 Uhr bis auf die Unterwäsche entkleidet, ist in den Flutgraben gesprungen und nach WB geschwommen. Sie wurde von der dortigen Menschenmenge "empfangen". Kurz darauf kam eine Frau und hob die zurückgelassenen Kleider auf. Es erfolgte Zuführung zum VPR 231 zur weiteren Überprüfung." (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)

Willy Brandt am Brandenburger Tor: "Es ist schrecklich"

+++ Grenze ist weitgehend dicht +++

[11.00 Uhr] Die Sperrungen der West-Berliner Grenze scheinen sich nicht gegen den Westen zu richten - ein Krieg scheint nicht zu drohen. Die Volkspolizei stellt "Tagespassierscheine" für West-Berliner aus, und Patrouillen der West-Alliierten dürfen weiterhin ungehindert nach Ost-Berlin fahren.

Doch für Tausende Ost-Berliner scheint eine Flucht aus der DDR unmöglich. Bis zum Vortag flohen täglich Hunderte Menschen über West-Berlin in die BRD. Mit der S-Bahn konnte man in die drei West-Sektoren der Stadt fahren.

Nachdem die innerdeutsche Grenze schon vor Jahren geschlossen wurde, ist nun auch das letzte Schlupfloch West-Berlin abgeriegelt.

Die Errichtung der Stacheldrahtsperren richtet sich vor allem gegen die eigene Bevölkerung. Es ist ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit von Seiten der SED-Regierung.

Wie lange diese "Inhaftierung" der Ostdeutschen anhalten soll, ist nicht klar. Der provisorische Aufbau der Stacheldrahthindernisse lässt auf ein baldiges Ende des Spuks hoffen - eventuell, so die Hoffnung, will der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht nur seine Macht gegenüber der eigenen Bevölkerung demonstrieren.

+++ Arbeitsverbot per Rundfunk +++

[10.50 Uhr] Der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert jr. verliest eine Rundfunkerklärung, "nach der Grenzgänger ab sofort nicht mehr im Westen arbeiten können und sich entweder auf ihrer alten Arbeitsstelle oder auf den eigens zu diesem Zweck eingerichteten Arbeitsämtern zu melden haben."

+++ Stacheldraht, Menschenmengen, Krisengespräche +++

[10.00] Berlinern, die am frühen Vormittag ihre Wohnung verlassen, bietet sich ein gruseliges Bild: Der Asphalt mehrerer Zufahrtstraßen ist aufgerissen, Kampfgruppen haben Stacheldraht ausgerollt. Der S-Bahnverkehr ist unterbrochen. Eine Postenkette zieht sich quer durch die ganze Stadt. Menschenmengen haben sich vor den Grenzübergängen versammelt.

Zur Stunde tagt der West-Berliner Senat. In Rhöndorf lässt sich Bundeskanzler Konrad Adenauer über die Lage auf dem Laufenden halten.

+++ Sondersitzung des West-Berliner Senats +++

[9.15 Uhr] Der West-Berliner Senat tritt zu einer Sondersitzung zusammen, Willy Brandt leitet sie, etwa eineinhalb Stunden lang wird im Schöneberger Rathaus über die Lage beraten. Einziger Tagesordnungspunkt: "Sperrung der Zonen- und Sektorengrenzen durch die sowjetzonalen Machthaber". Am Abend, so wird beschlossen, soll auch das Abgeordnetenhaus zusammenkommen.

+++ "Beten, dass es nicht zu einem Krieg kommt" +++

[9.00 Uhr] Es gibt die erste Reaktion der West-Berliner Regierung zur Sperrung der Grenze: In wenigen Minuten werde der Senat zu einer Sondersitzung zusammentreten, um über die Lage zu beraten, heißt es.

In der Nähe der Bernauer Straße werden auf Ost-Berliner Seite vier Panzer gesichtet. Es handelt sich dabei offensichtlich um Panzer der NVA und nicht der Roten Armee. Sollten diese Meldungen stimmen, wäre das ein Bruch des Vier-Mächte-Abkommens. In Berlin dürfen nur Alliiertentruppen patrouillieren.

An der Swinemünder Straße, einer Querstraße der Bernauer Straße, haben sich Hunderte West-Berliner versammelt. "Das ist eine riesige Schweinerei!" sagt ein Mann. Ein West-Berliner Polizist versucht, die Menschen wieder nach Hause zu schicken. "Bitte bleiben Sie von der Grenze fern!"

Zu einem Reporter sagt er: "Natürlich ist das furchtbar. Aber wir wissen nicht, wie die Kommunisten reagieren, wenn unsere Bevölkerung hier randaliert. Die Situation ist sehr gefährlich. Wir beten alle, dass es nicht zu einem Krieg kommt."

+++ Willy Brandt vor dem Brandenburger Tor +++

[8.50 Uhr] Willy Brandt, West-Berlins Regierender Bürgermeister, taucht vor dem Brandenburger Tor auf. Er trägt eine Sonnenbrille und sieht müde aus. Am frühen Morgen hatte ihn die Meldung von der Abriegelung seiner Stadt in Hannover ereilt. Mit dem Flugzeug ist er in Tempelhof eingetroffen und hat sich sofort zum Potsdamer Platz fahren lassen.

Am Brandenburger Tor kommt es zu einer Auseinandersetzung mit dem West-Berliner Polizeipräsidenten Johannes Stumm. Brandt kann es nicht fassen, dass niemand etwas über die Pläne der SED-Regierung wusste.

Die West-Berliner, die ihren Bürgermeister erkannt haben, umringen ihn. "Wann machen die Amerikaner endlich was?", fragen sie ihn.

Brandt steht hilflos vor ihnen. "Es ist schrecklich", mehr vermag er nicht zu sagen.

+++ Ost-Berliner winken, West-Berliner winken zurück +++

[8.30 Uhr] Hunderte Menschen stehen am Brandenburger Tor und am Potsdamer Platz. Seit dem frühen Morgen gibt es die ersten Meldungen im Rias über die Blockade West-Berlins. Die Menschen strömen zu den Grenzübergängen.

Obwohl die Stimmung angespannt ist, kommt es nicht zu Übergriffen auf Vopos. An manchen Übergängen stehen die West-Berliner nur wenige Zentimeter vor den Polizisten der DDR. Doch es bleibt ruhig.

Auch auf der Ostseite des Stacheldrahts starren die Menschen fassungslos herüber. Die Polizei hindert sie daran, sich weiter als hundert Meter der Grenze zu nähern. Manchmal winkt jemand herüber, und die West-Berliner winken zurück.

Berichten aus Ost-Berlin zufolge kommt es vereinzelt zu Festnahmen. Auch gibt es Gerüchte, dass es in Treptow Schüsse gegeben haben soll. Die Volkspolizei erklärt, es habe sich um den Revierförster gehandelt, der auf Kaninchenjagd war.

Bis jetzt gibt es keine internationale Reaktion auf die Sperrung der Grenzen.

Der Westen wird eingekesselt - was in der Nacht geschah

Im Tageslicht bot sich das ganze Ausmaß der Ereignisse - ein Großteil der Operation Mauerbau wurde noch vor dem Morgengrauen fertig gestellt. Was in der Nacht zum 13. August 1961 geschah, lesen Sie hier - in chronologischer Reihenfolge:

+++ Die Lichter gehen aus+++

[1.00 Uhr] An der Sektorengrenze zwischen West- und Ost-Berlin ist es vollkommen dunkel - auf der östlichen Seite der Grenze gehen sämtliche Straßenbeleuchtungen aus. Seitdem hört man Motorengeräusche von Lastwagen. Posten laufen an den Grenzübergängen auf.

Die Absperrungen an den Grenzen deuten nicht auf einen Angriff der Armeen des Warschauer Paktes hin. Die Ost-Berliner Nachrichten Agentur veröffentlicht um 1:11 Uhr eine Erklärung der Warschauer Vertragsstaaten. Darin heißt es, die eingeleiteten Maßnahmen sollen "eine zuverlässige Bewachung und wirksame Kontrolle" bewirken. Im Klartext: Die "Maßnahmen" sollen die Fluchtwelle aus der DDR stoppen.

Bis vor ein paar Stunden war West-Berlin der einzige Ort für Menschen, die aus der DDR nach Westdeutschland wollten. An allen anderen Stellen wird die innerdeutsche Grenze schon seit 1953 stark bewacht. In der DDR gilt "Republikflucht" als Straftat.

+++ Übergänge werden dichtgemacht +++

[3.00] An der Ebertstraße am Potsdamer Platz wird mit Presslufthämmern die Straße aufgerissen. Seit etwa einer halben Stunde sind die ersten Korrespondenten westlicher Medien am Brandenburger Tor. Der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor wird mit Suchscheinwerfern abgeleuchtet.

Der gesamte Platz ist mit Volkspolizisten gefüllt. Sie laden Stacheldrahtrollen und Betonpfähle von Lastwagen. Es ist nicht mehr möglich, von West nach Ost oder vom Osten in den Westen zu kommen.

Auch der S-Bahnverkehr ist teilweise unterbrochen. Eine S-Bahn, die von Berlin-Staaken, im Westteil der Stadt, nach Ost-Berlin fahren sollte, wurde an der Grenze von Volkspolizisten gestoppt und musste nach Staaken zurückfahren. Alle Fahrgäste mussten aussteigen und erhielten ihr Geld zurück.

+++ Was passiert bloß an der Grenze? +++

[5.30 Uhr] Die Lage an der Grenze ist unübersichtlich. Es ist nicht klar, ob die DDR-Truppen nur die wichtigen Grenzübergänge wie das Brandenburger Tor verstärken, oder ob die gesamte Sektorengrenze abgeriegelt ist. Es gibt Berichte der West-Berliner Polizei, die von Truppenbewegungen auch an der Außengrenze Berlins sprechen.

Bisher sind weder Einheiten der Roten Armee noch NVA-Truppen gesehen worden. Es scheint sich also um eine Aktion der Ost-Berliner Polizei zu handeln. Womöglich möchte die Ost-Berliner Regierung die Grenzkontrollen verstärken, um "Grenzgänger" an ihrer Arbeit im Westen zu hindern.

Ein beträchtlicher Teil der Ost-Berliner Bevölkerung arbeitet im Westen der Stadt, zahlt also im Osten keine Steuern. Die Lebensmittel- und Mietpreise sind in Ost-Berlin allerdings niedriger, so dass diese Menschen bisher nicht in den Westen gezogen sind.

+++ West-Berlin ist abgeriegelt! +++

[6.00] Mit Sonnenaufgang wird die erschreckende Lage deutlich: Um den gesamten westlichen Stadtteil Berlins zieht sich ein Sperrring der Ost-Berliner Polizei.

Stacheldrahtrollen werden an allen Straßenübergängen ausgerollt. Eine Postenkette zieht sich quer durch die ganze Stadt, die einzelnen Posten stehen im Abstand von einigen Metern.

Auch die Zugangswege nach West-Berlin sind gesperrt. Aus den umliegenden DDR-Bezirken wurden Polizeieinheiten herangezogen, um die Außengrenze abzusperren. Straßensperren wurden errichtet. Der Asphalt wurde aufgerissen. Der komplette S-Bahnverkehr ist unterbrochen.

+++ "Das betrifft uns nicht" +++

[6.10 Uhr] Die West-Alliierten verhalten sich passiv. Ein englischer Offizier beobachtet die Bauarbeiten am Brandenburger Tor und sagt: "Das betrifft uns nicht, da es Maßnahmen sind, die im sowjetischen Sektor stattfinden. Ich fühle mich davon nicht bedroht, auch wenn es für die Berliner wohl kein erfreulicher Tag ist." Danach steigt er wieder in seinen Jeep und fährt davon.

Es gibt weder Truppenaufgebote der Roten Armee noch der West-Alliierten an der Sektorengrenze. Es ist daher zu hoffen, dass es nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt.

+++ Hunderte Menschen an der Friedrichsstraße +++

[6.30 Uhr] Auf dem Bahnhof Friedrichstraße haben sich mittlerweile Hunderte Menschen eingefunden, die nach West-Berlin möchten. Es sind Menschen aus Ost- Berlin - aber auch West-Berliner, die die Nacht im Osten verbracht haben und nun nach Hause wollen. In den Gesichtern sieht man die Ratlosigkeit angesichts der Maßnahmen der SED-Regierung. Es ist sehr still.

Die meisten stehen hier schon seit Stunden. Trotzdem ist die Stimmung noch entspannt. Am Anfang dachten die meisten, dass es sich um ein technisches Problem bei der S-Bahn handeln müsse. Jetzt redet man leise darüber, dass "die Grenze wohl doch dichtgemacht wurde".

Am Brandenburger Tor ist das Polizeiaufgebot am größten. Nicht nur Volkspolizei, auch Betriebskampfgruppen helfen beim Errichten eines Zaunes, der vom Brandenburger Tor zum Potsdamer Platz geht.

Drei junge West-Berliner, die offenbar noch etwas angetrunken sind, stellen sich direkt vor den Volkspolizisten auf und rufen "Brüder zur Sonne zur Freiheit". Das Lied gehört in der DDR zum Standart-Repertoire bei Partei-Veranstaltungen. Danach rufen die drei laut "Pfui!" Die Vopos ignorieren die Darbietung.

Auch an der Bernauer Straße protestieren Menschen. In "Ritas Tanzpalast" hatte es wie jeden Samstag eine große Party gegeben. Als die feiernden Menschen die Stacheldrahtrollen sehen, beginnen sie, ihrer Wut Luft zu machen. Die Volkspolizei reagiert sofort und nimmt einige Menschen fest.

+++ Kampfgruppen rollen Stacheldraht aus +++

[7.00 Uhr] Fassungslos betrachten die Berliner das Ergebnis der nächtlichen Aktion. In aller Stille ist der Westen der Stadt eingekesselt worden, ein Passieren der Grenze ist nun unmöglich.

Am Abend hatte es ein seltsames Treffen in Ost-Berlin gegeben. Walter Ulbricht hatte die Mitglieder des Politbüros in seine Datsche eingeladen. Es gab zu essen und zu trinken. Keiner von Ulbrichts Genossen war sich über den Zweck des Treffens im Klaren. Bis kurz nach 22:00 Uhr.

Als die meisten Gäste schon etwas angetrunken waren, machte Ulbricht fast beiläufig die Bemerkung: "Genossen, lasst uns etwas gegen die unhaltbare Situation an der Berliner Grenze tun." Die Pläne, die er dann vorlegte, waren unter strengster Geheimhaltung ausgearbeitet worden. Die überrumpelten Minister unterschrieben den Beschluss.

Dann ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Stunden rückten alle verfügbaren Kampfgruppen und Polizeieinheiten aus und riegelten die Grenze ab.

+++ Patrouillen an der Sektorengrenze +++

[8.00 Uhr] Die Westalliierten zeigen bisher keine Reaktion. Nur vereinzelt fahren Patrouillen der Briten, Amerikaner oder Franzosen an der Sektorengrenze vorbei. In der Bernauer Straße kommen auf eine Hand voll West-Berliner Polizisten fast tausend Volkspolizisten.

SPIEGEL ONLINE hat den Tag des Berliner Mauerbaus in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Sälter von der Gedenkstätte Berliner Mauer rekonstruiert.

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