Von Maximilian Ulrich und Annett Meiritz
Der 13. August 1961 ist ein warmer Sommertag. Die meisten Berliner müssen nicht arbeiten. 16 Jahre ist der Krieg her, der die Stadt verwüstete und in vier Sektoren teilte. Jetzt geht man am Sonntag wieder in die Kirche, sitzt in Cafés und genießt den Sommer.
Doch dieser Tag ist anders. Über Nacht haben Bereitschaftspolizisten der DDR an allen Straßen zwischen Ost- und West-Berlin Stacheldrahtrollen ausgelegt. An der Bernauer Straße, am Potsdamer Platz, am Brandenburger Tor.
Posten mit Maschinenpistolen stehen im Abstand von einigen Metern hinter den Absperrungen. Die S-Bahn fährt nicht mehr nach West-Berlin. Die Stadt ist geteilt. Endgültig.
Noch ahnt niemand das Ausmaß der Katastrophe. Ganz ruhig stehen Berliner in Ost und West vor dem Stacheldraht. Sie können sich fast die Hände reichen. Sie könnten einfach den Draht beiseite schieben oder über ihn hinüber springen. Doch es passiert nichts. Es wird kaum geschrien. Es gibt keine größeren Ausschreitungen.
Wie in Schockstarre sammeln sich auf beiden Seiten der Grenze Menschen und beobachten die Posten. Diese haben den Großteil ihrer Arbeit schon in den frühen Morgenstunden vollbracht. Der Tag des Mauerbaus war eine Blitzaktion, die die Berliner im Schlaf überraschte.
SPIEGEL ONLINE hat in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte Berliner Mauer den Tag rekonstruiert, der die Welt veränderte. Historische "Live-Berichte" schildern die Ereignisse am 13. August 1961 in Berlin.
+++ "Sperrwand eines Konzentrationslagers" +++
[Ab 15.00 Uhr] Bundeskanzler Konrad Adenauer mahnt am späten Nachmittag zur Besonnenheit, verspricht Gegenmaßnahmen. "Die Bundesregierung bittet alle Deutschen, auf diese Maßnahmen zu vertrauen. Es ist das Gebot der Stunde, in Festigkeit, aber auch in Ruhe der Herausforderung des Ostens zu begegnen und nichts zu unternehmen, was die Lage nur erschweren, aber nicht verbessern kann."
Englands Premier Harold Macmillan sieht in der Abriegelung Ost-Berlins "keinen Bruch irgendeines unserer Abkommen."
In Washington gibt Außenminister Dean Rusk am Abend eine mit Präsident Kennedy abgestimmte Erklärung ab, nach der sich die Abriegelung "gegen die Bewohner Ost-Berlins und Ostdeutschlands und nicht gegen die Position der Alliierten in Westberlin oder den Zugang nach West-Berlin richten."
West-Berlins Bürgermeister Willy Brandt erklärt vor dem Abgeordnetenhaus: "Der Senat von Berlin erhebt vor aller Welt Anklage gegen die widerrechtlichen und unmenschlichen Maßnahmen der Spalter Deutschlands, der Bedrücker Ost-Berlins und der Bedroher West-Berlins. Die Abriegelung der Zone und des Sowjetsektors von West-Berlin bedeutet, dass mitten durch Berlin (...) die Sperrwand eines Konzentrationslagers gezogen wird."
+++ Massenflucht am Potsdamer Platz +++
[14.30 Uhr] Am Nachmittag kommt es am Potsdamer Platz zu einer Massenflucht. In einem unbeobachteten Moment öffnen Ost-Berliner einen Zaun, den die Vopos errichtet haben. Mehrere hundert Menschen rennen in den Westen.
+++ Chaos um S-Bahn-Sperrung +++
[14.00 Uhr] Wie am frühen Nachmittag durchsickert, ist die Unterbrechung der Ost-Berliner S-Bahn offenbar nicht ohne Probleme abgelaufen. Denn am Vorabend hatte es eine Betriebsfeier bei der Bahn gegeben, die bis in die frühen Morgenstunden ging. Da niemand von den geplanten Maßnahmen wusste, waren die meisten Bahner überrascht, als sie zum Dienst im Morgengrauen gerufen wurden.
So wurden die Fahrgäste stundenlang nicht informiert, warum keine S-Bahnen mehr nach West-Berlin fahren. Ansonsten ist die Planung zur Sperrung der Grenze perfekt durchdacht: Seit Sonnenaufgang sind an fast allen Straßenzügen zwischen West-Berlin und dem Umland Sperrungen aufgebaut. Die Berliner sind im Schlaf von der Aktion überrascht worden.
+++ Wo sind noch Schlupflöcher? +++
[13.15 Uhr] Die Volkspolizei notiert: "Frau mit Kind und Koffer über Sportplatz Dresdner Str. illegal nach WB abgewandert. - Im Heinrich-Heine-Viertel (...) halten sich Besucher aus Weißensee auf, die negative Stimmung verbreiten." Immer wieder versuchen Menschen, letzte Schlupflöcher zu finden: Von Samstagmittag bis Sonntagnachmittag melden sich trotz der Abriegelung noch 800 Flüchtlinge in West-Berlin.
+++ Rufen über Stacheldraht +++
[13.00 Uhr] Auch die West-Berliner Polizei versucht, die Menschen an Ausschreitungen zu hindern. Vor allem Jugendliche versuchen, die Grenzposten der DDR zu provozieren. Sie schreien Beleidigungen über den Stacheldraht und stellen sich dabei dicht vor die mit Maschinenpistolen bewaffneten Vopos.
An der Schwedter Straße fährt ein etwa 18-jähriger Junge aus West-Berlin mit seinem Fahrrad direkt auf einen Grenzposten der Volkspolizei zu. In letzter Sekunde bremst er scharf ab und kommt mit quietschenden Reifen wenige Zentimeter vor dem Posten zum Stehen. Ein West-Berliner Polizist führt den Jungen ab.
Im Protokoll der Ost-Polizei wird etwa zu selben Zeit vermerkt: "In der Friedrich-Ebert-Str. versuchen von West-Berlin aus ca. 40 Personen die Sperren zu zerstören und unsere Genossen anzugreifen. Als Entlastungskräfte ist die 1. Hundertschaft Kampfgruppen hingeschickt worden."
+++ Vopos treiben Menge auseinander +++
[12:30 Uhr] In der Brunnenstraße setzen Sicherheitskräfte Tränengas und Schlagstöcke gegen Ost-Berliner Demonstranten ein. 400 Menschen sind auf der Ost-Seite der Grenze zusammengekommen und versuchen, sich mit Protestierern auf der westlichen Seite abzusprechen. Die Volkspolizei treibt die Menge auseinander.
Ein ähnliches Bild an weiteren Straßen zwischen Ost und West. Die Menschen, die bei ihren Sonntagsspaziergängen von den Stacheldrahtrollen am Weitergehen gehindert werden, machen ihrer Wut Luft. Teilweise versuchen Menschen auf beiden Seiten, sich zusammenzuschließen und die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ohne Erfolg.
Auf Ost-Berliner Seite greift die Polizei hart durch. Es kommt zu zahlreichen Festnahmen. Die Menschenansammlungen werden aufgelöst.
+++ Berichte über Unruhen +++
[12.10 Uhr] Die Ost-Berliner Volkspolizei vermerkt in ihrem "Journal der Handlung": "Am Brandenburger Tor auf westlicher Seite haben sich ca. 300-400 Personen zusammengerottet, die begonnen hätten, die Grenzbefestigungen zu zerstören. Ebenso würden sie versuchen, das Sektorenschild zu beseitigen. Die VP-Kräfte würden dort zur Aufrechterhaltung der Ordnung nicht ausreichen." (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)
+++ Kein Protest der Westmächte +++
[11.30 Uhr] Aus Kreisen der West-Alliierten wird bekannt, dass die Alliierten über "geplante Aktionen" der DDR informiert waren. Der sowjetische Stadt-Kommandant Marschall Konew hatte demnach seine drei westlichen Kollegen vorgewarnt: "Was auch immer in den nächsten Tagen passieren wird, ich verspreche Ihnen, es bleibt im Osten. Ihr Status in West-Berlin wird nicht angetastet." Konew, einer der Militärs, die Deutschland 1945 vom Hitler-Regime befreiten, war erst vor kurzem als Stadt-Kommandant eingesetzt worden.
Die Reaktion der Alliierten passt zu dieser Information. Bisher gibt es keinerlei Proteste der drei Westmächte innerhalb Berlins gegen die Absperrung West-Berlins. An vielen Grenzübergängen werden Demonstranten sogar von englischen, französischen oder amerikanischen Soldaten aufgefordert, sich ruhig zu verhalten und die Vopos nicht zu provozieren.
Es sieht so aus, als würde der Westen das Unrecht an der ostdeutschen Bevölkerung in Kauf nehmen, um die Situation in West-Berlin zu entspannen. Sollten die Russen tatsächlich West-Berlin unangetastet lassen, würden sie damit auch ihren Anspruch auf diesen Teil der Stadt aufgeben. In der Vergangenheit hatten die Russen immer wieder gefordert, West-Berlin solle sich der DDR anschließen.
+++ "Bis auf die Unterwäsche entkleidet" +++
[11.20 Uhr] Auszug aus dem "Journal der Handlung", in dem die Ost-Berliner Volkspolizei die Operation protokolliert - die Vopos notieren für 11.20 Uhr: "(...) Am Flutgraben, Nähe Lohmühlenstr., hat sich ein junges Mädchen gegen 10.00 Uhr bis auf die Unterwäsche entkleidet, ist in den Flutgraben gesprungen und nach WB geschwommen. Sie wurde von der dortigen Menschenmenge "empfangen". Kurz darauf kam eine Frau und hob die zurückgelassenen Kleider auf. Es erfolgte Zuführung zum VPR 231 zur weiteren Überprüfung." (Quelle: Bundeszentrale für Politische Bildung)
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