Von Benjamin Bidder, Hasnain Kazim, Yassin Musharbash, Dominik Peters, Jan Puhl, Gregor Peter Schmitz, Stefan Simons, Daniel Steinvorth und Carsten Volkery
Nigel Farage könnte ein Vorbild für Thilo Sarrazin sein. Der mediengewandte Rechtspopulist hat sich in den vergangenen 15 Jahren eine besondere Nische in der britischen Politik erobert.
Mit einer Mischung aus gezielten Pöbeleien und strategischem Geschick hat Farage es geschafft, seine Unabhängigkeitspartei UKIP als Sammelbecken für Protestwähler zu etablieren. Bei den vergangenen beiden Europawahlen hat die Partei jeweils 16 Prozent der Stimmen geholt.
Das Erfolgsrezept von UKIP ist simpel: Die Kernforderung - der Austritt Großbritanniens aus der EU - fällt bei den europaskeptischen Briten auf fruchtbaren Boden. Wer Brüssel einmal den Mittelfinger zeigen will, so die Botschaft der Partei, der muss einfach nur ein Kreuzchen bei uns machen. Durch kalkulierte Eklats in Brüssel sorgt Farage für die nötige Aufmerksamkeit daheim.
Der 46-Jährige ist seit 1999 Europaabgeordneter und damit selbst Teil des Betriebs, den er zu bekämpfen vorgibt. Berichte über seine üppigen Euro-Spesen haben seiner Glaubwürdigkeit geschadet, doch bewahrt er sich den Ruf als schärfster EU-Kritiker durch regelmäßige Attacken auf die Institutionen der Gemeinschaft. Zuletzt fiel er im März unangenehm auf, als er dem EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy im Europaparlament das "Charisma eines feuchten Lappens" bescheinigte.
Austritt bei den Konservativen
Farage war 1992 aus der konservativen Partei ausgetreten - aus Protest gegen die Unterzeichnung des Maastricht-Vertrags durch die Tory-Regierung. Mit der Gründung von UKIP im folgenden Jahr wollte er rechtskonservativen Europa-Gegnern eine neue Heimat geben.
Auch die zweite Hauptforderung von UKIP, eine harte Linie gegen Immigration, ist bei vielen Briten populär. Die Partei fordert einen Einwanderungsstopp für fünf Jahre und danach eine Begrenzung auf 50.000 pro Jahr. Das Problem: Die Tories haben selbst eine so scharfe Position zur Einwanderung, dass UKIP sich kaum profilieren kann.
Die Kritik an der Einwanderung hat auf der Insel nicht den antimuslimischen Unterton, den es in Kontinentaleuropa gibt. Auch Farage, der von 2006 bis 2009 Parteichef war, vermeidet hetzerische Töne gegen Muslime. Sein Nachfolger Lord Pearson lud zwar vergangenes Jahr den holländischen Islamgegner Geert Wilders nach London ein, um dessen Film "Fitna" zu zeigen. Doch hat sich dieser Flirt bislang als folgenlos erwiesen. Der schwache Pearson hat inzwischen seinen Rücktritt angekündigt, und ein Comeback Farages in den Parteivorsitz erscheint wahrscheinlich.
Protestpartei mit begrenztem Potential
Farage, der mit einer Deutschen verheiratet ist, gefällt sich in der Rolle des Außenseiters, der das Establishment das Fürchten lehrt. Doch seine UKIP wird offensichtlich vor allem als Anti-EU-Partei wahrgenommen und kann nur bei Europawahlen reüssieren. Bei Unterhauswahlen hingegen wartet sie noch auf den ersten Sitz. Dass es nicht einmal nach dem Spesenskandal und der nationalen Empörung über die etablierten Parteien dazu reichte, zeigt das begrenzte Potential dieser Protestpartei.
Farage hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Als politisches Vorbild nennt er den notorischen Tory-Abweichler Enoch Powell, ein inzwischen verstorbener früherer Abgeordneter und Minister. Der Rechtsausleger war berühmt für seine düsteren Warnungen vor Masseneinwanderung. Nach einer Rede 1968, in der er vor blutigen Auseinandersetzungen warnte, wurde er aus dem Schattenkabinett geworfen. Powell, schwärmt Farage, habe Mut besessen.
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