Prozess gegen Sauerland-Gruppe Angeklagter gibt Details der Terrorplanungen preis

Geständnis ohne Ausflüchte: Als erster Angeklagter der Sauerland-Gruppe hat Fritz Gelowicz vor Gericht ausgepackt. Detailliert schilderte er, wie er sich für den Dschihad begeisterte, in Pakistan Waffenkunde lernte - und praktisch per Zufall begann, einen Anschlag in Europa vorzubereiten.

Aus Düsseldorf berichtet Yassin Musharbash


Düsseldorf - Da steht er nun, der junge Mann, der für einige Wochen im Sommer 2007 der gefährlichste Terrorist Deutschlands war: Fritz Gelowicz, der mutmaßliche Rädelsführer der Sauerland-Gruppe, die das Land mit einer Serie von Sprengstoffanschlägen erschüttern wollte. Er trägt ein kurzes blaues Hemd, hochgekrempelte Jeans, dunkle Turnschuhe. Dazu einen Vollbart, der auch zu einem Theologiestudenten oder Lehramtsanwärter passen würde. Die Haare sind schon etwas aus der Frisur herausgewachsen.

Es ist nicht der erste Tag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf für Gelowicz, fast zwanzig Mal war er schon in diesem Hochsicherheitsgerichtssaal. Doch bisher war er passiv und saß im Abseits, hinter einer Glasscheibe. Man sprach über ihn. Ab diesem Montag ist das anders, denn von diesem Tag an werden die Geständnisse, die Gelowicz und seine drei Mitangeklagten Adem Yilmaz, Daniel Schneider und Atilla Selek in den vergangenen Wochen gegenüber Beamten des Bundeskriminalamtes (BKA) abgelegt haben, in den Prozess eingeführt - was bedeutet, dass Gelowicz nun vor dem Richter Otmar Breidling und zwischen seinen Anwälten auf einem normalen Stuhl sitzt.

Aber vor allem bedeutet es: Dass er spricht. Dass er erklärt, und beschreibt und berichtet, wie er zum Terroristen wurde und was er sich dabei gedacht hat. Er spricht, wie es scheint, ohne Ausflüchte und Beschönigungen.

Es ist ein schwer zu fassender Widerspruch, der sich zwischen diesem äußerlich so unscheinbaren Menschen und seiner Geschichte auftut, die eine von Hass und Gewalt, Naivität und Verblendung ist. Ab 12 Uhr mittags erzählt er sie, eine Stunde lang, mit schwer zu fassender Lakonie.

Während der Pilgerfahrt nach Saudi-Arabien im Januar 2005 habe alles begonnen, berichtet Gelowicz, dort traf er Atilla Selek. Man stellte fest, dass man "die gleichen Ansichten über Dschihad" habe. Schon im Sommer trafen sie sich wieder, ein paar Tage nur in Frankfurt, dann aber sei "ziemlich schnell klar gewesen, … dass wir bald in den Dschihad gehen würden".

In den Dschihad gehen - damit meinten sie kämpfen, gegen Amerikaner, gegen Ungläubige. Wo, das war ihnen egal, aber unvorbereitet wollten sie nicht sein. Daher verabredeten sie, das Praktische mit dem Sinnvollen zu verbinden. Ein Arabischkurs in Syrien erschien ihnen angeraten, und dort, so hofften sie laut Gelowicz, könne man ja eventuell Wege finden, um in den Irak zum Kämpfen zu gelangen. In Damaskus versuchten vor allem Selek und Yilmaz, entsprechende Kontakte herzustellen; allerdings blieben sie leidlich erfolglos. "Wir haben schnell gemerkt, Irak war schwierig", konstatiert Gelowicz.

"Waziristan war mir nur recht"

Doch Yilmaz, offenbar der Umtriebigste zu diesem Zeitpunkt, signalisierte ihm nach einer Weile, er habe womöglich einen Weg nach Tschetschenien aufgetan. Gelowicz solle nach Istanbul kommen. Der gehorchte, Hauptsache kämpfen. In der türkischen Metropole erfuhr er allerdings, es gehe wohl eher nach Pakistan oder Afghanistan, vermutlich in die Grenzregion Waziristan, ein bekannter Rückzugsorte für diverse Terrorgruppen. "Das war mir recht", so habe er gedacht, sagt Gelowicz. Tschetschenien habe er für gefährlicher gehalten.

Wenn diese Darstellung von den anderen später bestätigt wird, dann sagt dies nicht nur eine Menge darüber aus, wie beweglich, wie flexibel die Szene der Dschihad-Freiwilligen ist - es bedeutet im Grunde auch, dass der Anschlagsplan, dessentwegen die Sauerland-Gruppe im September 2007 festgenommen wurde, Folge eines Zufalls war.

Yilmaz und Gelowicz machten sich jedenfalls umgehend auf den Weg nach Teheran, von dort nach Maschhad, von dort nach Zahedan, von dort wurden sie nach Pakistan geschleust, etliche Taxi- und Pick-up-Fahrten später gelangten sie schließlich nach Waziristan, in die Gegend von Mir Ali. Dort sah Gelowicz die ersten Mudschahidin. Da habe er gewusst, dass er am Ziel angelangt sei.

Wo genau sie waren, wo sich die Front befand, welcher Gruppe sie sich hier anschlossen: Gelowicz suggeriert, dass sie das alles nicht gewusst hätten. Auch nicht wissen wollten. Mehr als einmal stellte er in seiner Aussage klar, dass "in diesen Kreisen" nicht unnötig nachgefragt werde: Kein Name stimme, die Herkunft werde nicht unnötig verraten, keine Details ausgeplaudert, die der andere nicht wissen muss. "Man stellt keine Fragen, Fragen machen die Leute nervös." In diesem Fall hieß das Motto wohl: Ihr wollt Dschihad? Hier ist Dschihad!

Sauerland-Terrorprozess
Die Gruppe
Vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf mussten sich vier Mitglieder der terroristischen Sauerland-Gruppe verantworten. Es handelt sich um den zum Islam konvertierten Deutschen Fritz Gelowicz, den Neunkirchener Daniel Schneider, den Deutsch-Türken Attila Selek und den türkischen Staatsbürger Adem Yilmaz. Gelowicz und Schneider erhielten eine Haftstrafe von jeweils zwölf Jahren, der türkische Staatsbürger Yilmaz wurde zu elf Jahren Haft verurteilt. Als Helfer des Trios muss der Deutsch-Türke Selek fünf Jahre hinter Gitter.

Die Angeklagten hatten vor Gericht zugegeben, im Auftrag der Islamischen Dschihad Union (IJU) in Deutschland Anschläge geplant zu haben. Die IJU unterhält auch Kontakte zum Terrornetzwerk al-Qaida.

Der Plan
Von der Gruppe sei eine "ungeheure Bedrohung" ausgegangen, sagte der Richter in Düsseldorf. Gelowicz und Yilmaz wurden unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung und Verabredung zum Mord verurteilt, Schneider zusätzlich wegen versuchten Mordes. Bei Selek sah das Gericht den Vorwurf der Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung als bewiesen an.

Nach Ansicht der Richter wollten die vier Islamisten aus religiöser Verblendung in der Bundesrepublik ein Blutbad anrichten. Ihnen wurde vorgeworfen, im Jahr 2007 Autobombenanschläge auf US-Einrichtungen in mehreren deutschen Großstädten geplant zu haben. Als mögliche Ziele galten Gaststätten, Pubs, Discotheken und Flughäfen. Ermittlern zufolge hätte es einer der blutigsten Anschläge der Nachkriegsgeschichte werden können, schlimmer als die Anschläge von London und Madrid.

Die Festnahme
Eine großangelegte Polizeiaktion führte am 4. September 2007 zur Verhaftung von Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz. Dutzende zivil gekleidete BKA-Beamte und Mitglieder der Eliteeinheit GSG 9 stürmten ein Ferienhaus im sauerländischen Oberschledorn. In der Wohnung fanden sie unter anderem militärische Sprengzünder aus Syrien und 60 Liter Wasserstoffperoxid. Die Bestandteile waren offenbar für drei Autobomben gedacht. Später wurde noch Attila Selek festgenommen - er soll die Zünder für die Bomben besorgt haben.
Doch vor dem Kämpfen mussten die Rekruten lernen: Etwa drei Monate, schätzt Gelowicz, Waffenkunde, Sprengstoffe, Sicherheitsmaßnahmen. "Das war nicht unbedingt professionell", fasst Gelowicz zusammen.

Cliffhanger vor der Mittagspause

Schon bald seien die Top-Kader der Gruppe, "Suleyman" und "Ahmed", zu den beiden gekommen und hätten vorgeschlagen, einen Terroranschlag in Europa durchzuführen. Nach kurzem überlegen, so Gelowicz, hätten Yilmaz und er eingewilligt. "Ich war ziemlich schnell von der Idee überzeugt", so Gelowicz. Hauptgrund für die Übernahme der Aufgabe: Es gebe sonst keinen, der bereit stehe und sich dort auskenne. Sogar bei al-Qaida, meinte Gelowicz heute, habe sich niemand gefunden. Dieses Detail, wenn es stimmt, dürfte die deutschen Sicherheitsbehörden freilich besonders interessieren.

Nachdem der Entschluss gefallen sei, den Anschlag zu übernehmen, seien dann auch Daniel Schneider und Atilla Selek in Waziristan angekommen, berichtet Gelowicz. Und nutzte diese Information dann fast wie einen Cliffhanger in einer Fernsehserie: Er würde jetzt eine Pause vorschlagen und darüber danach sprechen.

Eine Stunde hatte er zu diesem Zeitpunkt gesprochen. 60 Minuten, in denen eines vor allem klar wurde: Der entscheidende Punkt war für ihn anscheinend der private Entschluss, in den militanten Dschihad zu ziehen, sich dieses zur Pflicht zur machen. Was danach kommt, ist offenbar abhängig von Zufall und den sich bietenden Möglichkeiten. Gelowicz ging dabei so weit, dass er einen Massenmord an US-Soldaten begangen hätte, wäre er nicht gestoppt worden.

Am Nachmittag geht seine Vernehmung weiter, danach kommt vermutlich Adem Yilmaz an die Reihe. Eigentlich hat Richter Ottmar Breidling vor, die Angeklagten nach Themenblöcken sortiert zu vernehmen und chronologisch vorzugehen. Doch Gelowicz, der sich selbst schriftlich schon als "Leiter" der deutschen Operation bezeichnet hatte und dem auch die Bundesanwaltschaft vorwirft, Rädelsführer zu sein, hat sein Recht, sich zunächst im Zusammenhang zur Sache zu äußern, wahrgenommen und ist vorangeprescht.

Auch wenn schon viele Informationen auf dem Tisch liegen: Viele Fragen bleiben offen. Etwa: Wo und an welchen Punkten waren Personen beteiligt, die Kontakte zu Geheimdiensten hatten? Wann wussten Geheimdienste über die Planungen der Gruppe Bescheid? Die Spannung ist noch lange nicht raus aus dem Prozess.



Forum - Erhöhte Terrorgefahr?
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Seite 1
mzwk 02.07.2009
1.
Gaebs keinen Terrorismus muesste man ihn erfinden. Jaja Schafe, ihr muesst halt taeglich daran erinnert werden dass an jeder Ecke Terroristen lauern und euch jederzeit in die Luft sprengen wollen - dafuer muesst ihr halt eure Freiheit aufgeben. Ich erinnere da an die Szene aus "V wie Vendetta", wo der Grosskanzler ausflippt und zu seinen Untergebenen meint: "Es wird Zeit dass die Leute wieder merken dass sie uns brauchen" - Schnitt - Und man sieht einige Ausschnitte aus Nachrichtensendungen ueber Katastrophen (Airbus abstuerze?), Pandemien (Schweinegrippe?), Terrorismus, Noete, etc. Es gibt aus dem Film sooo viele Parallelen zu heute, unbedingt mal ansehen wenn man ihn noch nicht kennt.
gutmensch666, 02.07.2009
2.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Erhöhte Terrorgefahr? Aaaaah, ach so - Wahlen stehen ja an, deswegen; der Michel muss wieder getrimmt werden. Nun - die Terrorgefahr wäre schwuppdiwups weg, wenn wir nicht in Afghanistan sinnlos herumrandalieren würden.
unuomo, 02.07.2009
3.
Woran das wohl liegen mag? Doch nicht etwa daran, das wir am Hindukusch unsere Freiheit verteidigen? :-)))))
hook123 02.07.2009
4.
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
Klar warnen "Experten" vor Anschlägen, es geht ja schließlich auf die Bundestagswahlen zu und da kann es nicht schaden, wenn man den von wirtschaftlichen Abstieg und Arbeitslosigkeit, hohen Spritpreisen und Steuererhöhungen bedrohten Souverän mal wieder die schon fast verdrängte Terrorgefahr vor Augen führt und ordentlich Angst schürt, um vom grenzenlosen Versagen der Spaßkanzlerin und ihrer Dilletantenkoalition abzulenken. Dies Ablenkung tut auch not, zumal grade wieder wegen der Geschenke an die Banken, Opel und Quelle ein Nachtragshaushalt von 40 Milliarden (!) Euro fällig wird und bevor da jemand kritisch nachfragt beschäftigt man den Urnenpöbel lieber mit anderen Dingen. Als Sekundärnutzen fällt dann noch dabei ab, dass man sich als harter Antiterrorkämpfer mit immer haarsträubenderen Eingriffen in Bürgerrechte gerieren kann - zwei Fliegen mit einer Klappe sozusagen. Die Gefahr von Terroranschlägen besteht immer und soll auch nicht verharmlost werden, aber es besteht auch immer die Gefahr vom Laster am Zebrastreifen überfahren zu werden und die düfte in Deutschland größer sein, als die Terrorgefahr - zumindest im Moment. Wie der aktuelle Verfassungsschutzbericht (Stichwort: Wirtschaftsspionage) auch zeigt,haben dieses Land und wahrscheinlich auch die meisten Bürger - Bankvorstände von Landesbanken ausgenommen - derzeit ganz andere Probleme als morgens bei Brötchen holen von einem geistig verwirrten Radikalislamisten in die Luft gejagt zu werden. Ein Blick auf die sogenannten Experten zeigt jedenfalls, dass sie alle ein hohes Interesse an einem ordentlichen und gleichmäßig hohen Angstpegel in der Bevölkerung haben um so tolle Vorschläge wie die Vorratsdatenspeicherung, Einsatz der Bundeswehr im Innern, Luftsicherheitsgesetz, Kronzeugenregelung durch Parlament zu bekommen, frei nach dem Motto, "...wollen Sie etwa, dass sich die Anschläge von 11. September bei uns wiederholen?" Man kann sich jedenfalls schon lebhaft vorstellen, was beim Treffen der ganzen Freiheitsbegrenzer als Ergebnis rauskommen wird. Für den Bürger bleibt nur die Hoffnung, dass Karlsruhe einmal mehr rechtzeitig die Handbremse zieht, um uns vor wirklich schlimmen Dingen und unserem sauberen Bundesinnenminister zu bewahren.
Charles Atane, 02.07.2009
5. Der Trick hat 'nen Bart
Zitat von sysopEinem Zeitungsbericht zufolge ist die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland nach Ansicht von Sicherheitsexperten deutlich gestiegen. BKA, Verfassungsschutz und Innenministerium wollen nun bei einem Krisentreffen vorbeugende Maßnahmen beraten. Wie hoch schätzen Sie derzeit die Terrorgefahr ein?
*Gääähhhn* schon wieder - welches Gesetz oder welche Verfassungsänderung will Schäuble denn diesmal durchsetzen??
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