Prozess gegen IS-Kämpfer aus Wolfsburg In den Fängen von Abu Hollywood

Wie kommt man in Wolfsburg zum "Islamischen Staat"? Darum drehte sich der zweite Tag des IS-Prozesses in Celle. Dem Angeklagten Ayoub B. zufolge führte sein Weg über einen radikalen Prediger.

Angeklagter Ayoub B.: "Ich habe Angst"
AP/dpa

Angeklagter Ayoub B.: "Ich habe Angst"

Aus Celle berichtet Wiebke Ramm


"Ich bin ziemlich aufgeregt", sagt Ayoub B. Reden will er trotzdem. Henning Meier, Vorsitzender Richter des Staatsschutzsenats am Oberlandesgericht Celle, hat viele Fragen an den 27-Jährigen, der im Mai 2014 nach Syrien reiste und sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) anschloss. Am Vortag hatte B.s Verteidiger in dessen Namen eine 53-seitige Erklärung verlesen. Nun spricht der schmale junge Mann selbst. Drei Stunden lang.

Der Deutsch-Tunesier aus dem niedersächsischen Wolfsburg trägt ein weißes Hemd, schwarze Locken, keinen Bart - er wirkt jungenhaft. Seine Antworten kommen spontan, nur selten verweigert er sie. So will er etwa die Namen weiterer Syrien-Reisender aus Wolfsburg nicht nennen. "Ich habe Angst, dass irgendein Kranker meiner Familie was antut", sagt B.

Ayoub B. und sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. müssen sich wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung IS vor Gericht verantworten. B. soll sich laut Anklage an Kämpfen beteiligt haben. Er bestreitet das. Ebrahim H. B. soll für ein Selbstmordattentat in Bagdad vorgesehen gewesen sein. Bei einer Verurteilung drohen den mutmaßlichen IS-Aussteigern bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Wie wurde aus B., einem partybegeisterten, unreligiösen Mann mit Hang zu Drogen und Alkohol, ein IS-Anhänger? Richter Meier will es genau wissen. Seinen Sinneswandel, erläutert B., habe ein einzelner Mann ausgelöst: Yassin O.

Yassin O. hat jeden um den Finger gewickelt

O. muss ein charismatischer Mann sein. Im Herbst 2013 sei er plötzlich in der DITIB-Moschee am Hauptbahnhof in Wolfsburg aufgetaucht, sagt der Angeklagte. Schnell habe er eine Gruppe junger Männer um sich geschart und sie mit seiner Zugewandtheit und seiner kompromisslosen Koranauslegung beeindruckt. Ayoub B. betont: "Die DITIB-Moschee hat damit nichts zu tun." Die Moschee werde vor allem von Türken besucht. O. aber spricht Arabisch und habe nur einem engen Kreis von Vertrauten seine Radikalität offenbart.

B. schwärmt noch im Gerichtssaal. "Ich habe nie zuvor so einen Menschen kennengelernt. Er wickelte jeden um den Finger, ob groß, ob klein. Jeder hat ihn geliebt. Jeder wollte sein bester Kumpel sein." "Abu Hollywood" hätten sie O. genannt, erzählt er.

O. habe B. als seinen Vertrauten auserwählt. Er habe ihm anvertraut, dass er früher zur Terrororganisation al-Qaida gehört habe und dann IS-Mitglied geworden sei. B. fühlte sich geschmeichelt, genoss das Ansehen, das er nun auch in der Gruppe bekam. O. stamme aus Tunesien. Inzwischen sei er Scharia-Richter des IS in der syrischen Provinz Rakka, gab der Angeklagte an. Seine Frau lebe noch immer in Wolfsburg.

O. habe der Gruppe Islamunterricht gegeben. Ein junger Mann nach dem anderen habe schließlich mit dem Gedanken gespielt, nach Syrien zu reisen. "Die Bombe ist geplatzt in Wolfsburg, als der Erste von uns runter ist", sagt B. Das sei Ende 2013 gewesen. Ein halbes Jahr später sei er selbst diesem Freund gefolgt. Der sei inzwischen tot.

Die Radikalisierung war ein schleichender Vorgang

Was hat Ayoub B. am IS gereizt? Warum wollte er dazugehören, wenn er doch sagt, er habe niemals kämpfen wollen? "Mir wurden keine vier Frauen und schnelle Autos versprochen", sagt B. lächelnd. So hatte sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. seine Faszination geschildert. Bei B. war es wohl eher Idealismus.

Der IS-Anwerber habe in leuchtenden Farben vom "Islamischen Staat" erzählt: Für den Aufbau des neuen Staates würde jeder gebraucht, nicht nur Kämpfer, auch Elektriker. "Du hörst nicht eine Patrone fallen, Ayoub", habe O. ihm versichert. "Er hat niemals erzählt, dass da Leute geköpft oder versklavt werden und Muslime sich untereinander umbringen."

"Aber Sie wussten, dass da Krieg ist?", hakt Richter Meier nach. "Ja, das war mir klar", sagt B. "Ich wusste auch, was der IS ist." Trotzdem habe er nie das Ziel gehabt, IS-Kämpfer zu werden. Er habe "humanitäre Hilfe" leisten und den Islam studieren wollen. O. habe ihm gesagt, in Syrien könne er von denen lernen, die auch ihn den Koran gelehrt hätten. "Der Salafist kommt nicht zu dir und sagt: Du musst nach Syrien. Er sagt: Du musst beten."

Seine Radikalisierung bezeichnet B. als schleichenden Vorgang. Genauer kann er es nicht erklären. Er sagt: "Ich war voll drin und wollte unbedingt da runter." Aber er betont wieder und wieder, dass er nicht habe kämpfen wollen.

Ende Mai 2014 fuhr B. zusammen mit Ebrahim H. B. los. Schon im August kehrte er zurück nach Deutschland. Traumatisiert, desillusioniert, sagt er. Er habe sofort mit dem Landeskriminalamt Niedersachsen kooperiert, habe Namen anderer genannt, deren Pässe der IS eingezogen habe. "Ich will nicht, dass jemand mit den Pässen nach Deutschland reist und hier Verbrechen begeht", sagt B. vor Gericht.

Am Montag wird der Prozess fortgesetzt.



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
maxbeck54 04.08.2015
1. Märchen....
Was erzählt der denn für Märchen? Der Bart alleine sagt schon, dass er immer noch ein Terrorist ist. Ein Mann am Bahnhof, der junge Menschen verführt, eine Moschee, die nix mit Radikalismus zutun haben soll, wo doch schon ein Dutzend Leute von dort nach Syrien gegangen sind, ein Freund, der mittlerweile tot ist und Nichts bezeugen kann, ein IS Staat ohne Gewalt, wodoch täglich an den Marktplätzen geköpft wurden. Dieser Terrorist gehört eingesperrt. Das sind pure Märchen, was er den Leuten erzählt.
schleuderfritzwaldorf 04.08.2015
2. Ach ja, er wollte niemals kämpfen.
Ist es nicht wahrscheinlich eher so, dass sein Glaube dann doch nicht ausreichte ,um dafür zu sterben. Für mich stellt er auch weiterhin eine große Gefahr für Deutschland dar. Wer sagt mir denn daß sein Sinneswandel nicht eine Finte ist.
helmut46 04.08.2015
3. Zweierlei Mass!!
„Ayoub B. und sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. müssen sich wegen Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung IS vor Gericht verantworten. B. soll sich laut Anklage an Kämpfen beteiligt haben.“ Ich frage mich jedoch, wenn diese beiden fehlgeleiteten jungen Männer wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt werden, weshalb werden die für Geld mordenden Killer-Söldner der US-Firma Academy nicht auch wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt, wenn diese aus dem Irak oder der Ukraine zurückkehren? Der Höhepunkt der Heuchelei ist jedoch die Tatsache, dass, wenn ein junger Mann in Syrien für die IS kämpft, er ein Terrorist ist. Kämpft er jedoch als „Terrorist der USA“ gegen den gewählten Präsidenten Assad, ist er nur „Rebell“ oder „Rekrut“ und hat keine Strafe zu befürchten und wird noch belohnt. Welch eine Heuchelei!!!!
nmare 04.08.2015
4.
Zitat von maxbeck54Was erzählt der denn für Märchen? Der Bart alleine sagt schon, dass er immer noch ein Terrorist ist. Ein Mann am Bahnhof, der junge Menschen verführt, eine Moschee, die nix mit Radikalismus zutun haben soll, wo doch schon ein Dutzend Leute von dort nach Syrien gegangen sind, ein Freund, der mittlerweile tot ist und Nichts bezeugen kann, ein IS Staat ohne Gewalt, wodoch täglich an den Marktplätzen geköpft wurden. Dieser Terrorist gehört eingesperrt. Das sind pure Märchen, was er den Leuten erzählt.
Im Artikel steht er traegt KEINEN Bart.... Ansonsten stimme ich zu, dass man so naiv gar nicht sein kein, aber richtig lesen sollte man trotzdem noch.
xtdrive 04.08.2015
5.
Warum tolerieren die Betreiber der Moschee, dass dort ein IS-Verführer sein Unwesen treiben kann?
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