Prozess in Dessau Mysteriöser Feuertod in Polizeizelle 5

Vor zwei Jahren verbrannte der Afrikaner Oury Jallow qualvoll in einer Dessauer Polizeizelle. Nun müssen sich zwei Polizisten vor Gericht verantworten. Die Frage, wie ein Gefesselter Feuer legen konnte, ist bis heute völlig ungeklärt - und wird wohl auch nicht Gegenstand des Prozesses sein.

Von


Hamburg - Ab Dienstag herrscht Ausnahmezustand am Landgericht Dessau. Um 9 Uhr beginnt der Prozess gegen den 46-jährigen Andreas S. und den 44-jährigen Hans-Ulrich M. Zwei Polizeibeamte. Beobachter und Journalisten müssen sich penibel kontrollieren lassen. Zutritt nur durch eine Sicherheitsschleuse. Die beiden Angeklagten werden das Gebäude durch einen separaten Nebeneingang betreten. Innerhalb und außerhalb des Backsteinbaus Polizisten auf Patrouille. Zudem fallen die ganze Woche alle anderen Verfahren in dem Gericht aus.

Demonstrantin vor dem Landgericht Dessau: Flüchtlingsinitiativen kämpfen seit zwei Jahren gegen das Vergessen an
DPA

Demonstrantin vor dem Landgericht Dessau: Flüchtlingsinitiativen kämpfen seit zwei Jahren gegen das Vergessen an

Frank Straube, Sprecher des Landgerichts, bemüht sich, die Maßnahmen als möglichst normal hinzustellen. Zu SPIEGEL ONLINE sagt er, es sei ein Strafprozess wie jeder andere auch. "Es geht lediglich darum, die Situation im Interesse der Angeklagten möglichst übersichtlich zu halten." Alles dreht sich um den umstrittenen Feuertod des jungen Asylbewerbers Oury Jallow - und um die Frage, ob die beiden angeklagten Polizisten sein Sterben hätten verhindern können. Die Vermutungen reichen von Fahrlässigkeit bis zu rassistischem Mord.

Mehr als zwei Jahre ist es her, dass der 21-Jährige aus Sierra Leone in Zelle Nummer 5 im Keller des Polizeireviers in der Wolfgangstraße qualvoll verbrannte. Das Opfer ist kein Unschuldslamm. Er wird am Morgen des 7. Januar 2005 festgenommen, weil er angetrunken Frauen belästigt haben soll.

Vier Stunden später ist er tot.

Den bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft zufolge hat sich in diesen Stunden Folgendes ereignet: Ein Arzt untersucht ihn und stellt 2,9 Promille Alkohol sowie Spuren von Kokain und Cannabis im Blut fest. Polizist Hans-Ulrich M. überprüft seine Kleidung auf gefährliche Gegenstände. Dabei übersieht er offenbar ein Feuerzeug. Anschließend wird der Mann in die Zelle gebracht - an Händen und Füßen gefesselt und an der Wand angekettet, weil er sich so heftig wehrt. Die Zelle ist gekachelt, es liegt lediglich eine feuerfeste Matratze drin.

Über eine Sprechanlage verfolgen Schichtleiter Andreas S. und eine Kollegin das Geschehen in der Zelle. S. dreht den Lautsprecher später leise, weil er sich gestört fühlt. In der Zwischenzeit soll Oury irgendwie das Feuerzeug aus seiner Tasche gefummelt und vermutlich aus Wut über seine Verhaftung damit gezündelt haben. Als das Feuer gegen 12 Uhr ausbricht und der Festgenommene vermutlich um sein Leben geschrien hat, ist oben offenbar nichts zu hören. Nur ein plätscherndes Geräusch will der Angeklagte wahrgenommen haben. Als auch noch der Rauchmelder Alarm schlägt, schaltet der Beamte ihn aus - weil es immer wieder Fehlalarme gegeben haben soll, wie es später im Protokoll heißt. Beim zweiten Alarm auch. Erst als der Rauchmelder im Lüftungsschacht ebenfalls piept, macht sich ein Polizist auf den Weg zur Zelle.

Jallows Leiche ist verkohlt

Um 12.11 Uhr stellt er fest, dass Jallow in der völlig verqualmten Zelle kein Lebenszeichen mehr von sich gibt. Gut 20 Minuten später hat die Feuerwehr den Brand gelöscht, die Leiche des Asylbewerbers ist verkohlt.

Gutachter haben anschließend festgestellt, dass Jallow noch leben könnte, wenn er rechtzeitig Hilfe bekommen hätte.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.