Psychologie der Skandalfotos Macho-Macker, Mutproben, Totenköpfe

Frust, Unsicherheit und pubertäres Showverhalten sind aus Sicht von Experten verantwortlich für die hässlichen Schädel-Spiele deutscher Soldaten in Afghanistan. Von Totenschändung könne keine Rede sein, sagt Reiner Sörries, Experte für Begräbniskultur.

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München - Das Posieren deutscher Soldaten mit Schädelknochen sei durch nichts zu entschuldigen, sagt die Bundeskanzlerin - wie aber ist es zu erklären? Was könnten die Motive jener Soldaten gewesen sein, die sich am Rande eines Knochenfeldes in Afghanistan gegenseitig bei der Totenschändung fotografierten?

Soldat mit Totenschädel in Fernsehaufnahmen: "Risky young males"
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Soldat mit Totenschädel in Fernsehaufnahmen: "Risky young males"

Der renommierte Münchner Verhaltensbiologe Wulf Schiefenhövel erkennt im soldatischen Fehlverhalten "Gesten, die es schon ungezählte Male in der Menschheitsgeschichte gegeben hat". Aber insbesondere "in der derzeitigen Situation der kulturellen Konfrontation mit islamischen Ländern" wolle man natürlich nicht, "dass gerade unsere Soldaten so etwas tun".

Schiefenhövel nennt zwei mögliche Ursachen: Zum einen seien junge Männer nun einmal "risky young males" - also mit Risiken behaftet. Soll heißen: "Auf der ganzen Welt machen sie Dinge, die man nicht wirklich kontrollieren kann." Das sei "Showverhalten". Die einen würden in Afghanistan mit Schädeln posieren, während manch andere "sich nach dem Disco-Besuch zu sechst ins Auto setzen und gegen die Wand fahren".

"Archaische Verhaltensmechanismen"

Die Motivation in beiden Fällen: "Sie wollen Macho-Macker sein", sagt Schiefenhövel zu SPIEGEL ONLINE. Das bekomme man "nicht so leicht durch Sozialisation weg - und schon gar nicht durch kurze Lehrgänge bei der Bundeswehr".

Als zweiter Erklärungsstrang dient Schiefenhövel die Drucksituation, in der sich deutsche Soldaten beim Auslandseinsatz am Hindukusch befinden: "Sie stehen unter ständiger Bedrohung, kommen quasi als Eroberer in ein Land, befinden sich aber andererseits nicht in einem offenen Kampf." Echte Kampfhandlungen dagegen könnten "eine Ventilfunktion" haben. So aber ergebe sich "ein Gemisch aus Routine und Frustration", das vermutlich für viele Soldaten "massiven psychischen Druck" bedeute, sagt Schiefenhövel. Mögliche Folge: Die Soldaten fielen auf "archaische, biophysisch begründbare Verhaltensmechanismen" zurück und posierten mit Schädelknochen. In der Geschichte der Menschheit ein Zeichen für die Verhöhnung des Gegners. Schiefenhövel weist aber darauf hin, dass man bei all der Kritik an den Soldaten nicht vergessen dürfe, dass "keine lebenden Menschen misshandelt worden" seien.

Warum hielt ein Soldat einen Totenschädel neben seinen entblößten Penis? Das männliche Geschlecht sei "auch ein Dominanzorgan", die Erektion zum Beispiel sei "bei etlichen Primaten ein Zeichen der Wehrhaftigkeit", sagt Schiefenhövel. Deshalb könne ein Nebeneinanderhalten von Schädel und Penis eventuell als "Dominanzverhöhnung des anderen" aufgefasst werden.

Mutprobe für Pubertierende

Reiner Sörries, Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal" (AFD) und Direktor des Museums für Sepulkralkultur in Kassel , unterstützt Schiefenhövels Macho-Argument. Er erinnert an jene Jugendlichen im 18. und 19. Jahrhundert, die menschliche Überreste aus Gebeinhäusern stahlen: "Die spielten dann Fußball mit den Totenschädeln, das war eine Mutprobe der Pubertierenden", sagt Sörries zu SPIEGEL ONLINE. "Und sicherlich haben die Jungs dann diejenigen, die nicht mitmachen wollten, als Weichei geziehen", ergänzt er mit Blick auf einen Zeugen der Vorfälle in Afghanistan. Dieser hatte berichtet, dass jene als "Weicheier" gegolten hätten, die beim Schädel-Posieren nicht mitmachen wollten. Die aktuelle Diskussion um die Soldaten sei deshalb "übertrieben", sagt Sörries.

Reiner Sörries widerspricht auch der allgemeinen Deutung, dass es sich bei der Tat der Soldaten um Schändung handle: "Totenschändung ist immer individualisiert", sagt der Experte zu SPIEGEL ONLINE. Die Soldaten hingegen kannten die Verstorbenen nicht. Im Posieren mit Schädelknochen erkennt Sörries vielmehr eine "Schutzfunktion" bei den Soldaten: Sie seien täglich mit dem Tod konfrontiert, dies sei ihr Metier. "Sie schützen sich durch Überheblichkeit", indem sie mit Gebeinen spielen.

Totenköpfe haben die Menschheit immer fasziniert, insbesondere Soldaten schmückten sich mit ihnen. Hitlers SS-Totenkopfverbände sind das bekannteste Beispiel, aber auch zu früheren Zeiten trugen Armeen den Totenkopf als Abzeichen. "Ein Zeichen, dass man über dem Tod steht, dass man furchtlos ist", erklärt Reiner Sörries. In der Geschichte tauchen Totenköpfe insbesondere ab dem 14. Jahrhundert auf mittelalterlichen Grabsteinen auf. Damals habe der Schädel die mahnende Bedeutung des "memento mori" gehabt, sagt Sörries: "Bedenkt, dass Ihr sterblich seid".

Trophäen für zu Hause - wie bei den Skalps der Indianer

In der Renaissance habe sich das Bild dann gewandelt. Damals habe man den Totenkopf eher im Sinne des "carpe diem" verwendet: Nutze Deine Zeit! Dieses Motiv habe möglicherweise jetzt bei den Soldaten mitgespielt, erklärt Sörries: "Mit dem Totenkopf halten sie ein Symbol der Vergänglichkeit in Händen". Das sei "eine Art Abwehrzauber, sie wehren den Tod ab". Auf der einen Seite hätten die Soldaten sicher Angst vorm Tod, auf der anderen aber "wollen sie diese Angst durch überbetonte Nähe überwinden". Dieses Motiv sei etwa auch bei Motorradrockern erkennbar, die auf ihren Lederjacken den Totenkopf tragen.

Anders verhalte es sich bei Jugendlichen, die Totenkopf-T-Shirts überstreiften: "Diese Leute zeigen, dass sie sich nicht der Norm fügen wollen, den Tod zu tabusieren", sagt Sörries. Während der SS-Mann mit der Totenkopfmütze sich in die Norm gefügt habe, verweigerten die Jugendlichen mit dem gleichen Symbol die gesellschaftlichen Normen. "Die Scheu, die Aversion der Mehrheit wird instrumentalisiert", ergänzt Wulf Schiefenhövel. Der Tabubruch "soll Stärke, nicht-konformes Verhalten demonstrieren".

Hätten sich die Soldaten nicht selbst bei ihren Totenspielen fotografiert, wäre nie etwas an die Öffentlichkeit gedrungen. Warum haben sie den Auslöser gedrückt? "Die wollen ihren Kumpels zu Hause natürlich Bilder zeigen", sagt Schiefenhövel. Die Fotos seien "Trophäen aus einer kriegerischen Situation". Die Indianer zum Beispiel hätten Skalps mit nach Hause gebracht.

"Wir haben heute angeblich saubere, chirurgische Raketenattacken, aber die basalen Emotionen und Reaktionen der Menschen sind gleich geblieben", sagt Schiefenhövel. Sie könnten "nicht so einfach kontrolliert werden".



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