Putin im Bundestag "Alle sind schuldig, vor allem wir Politiker"

Schon bevor der russische Präsident Putin im deutschen Bundestag auch nur das erste Wort gesagt hatte, wurde die Rede als historisch bewertet. Und in der Tat hielt er in fließendem Deutsch einen visionären Vortrag.


Putin hielt seine Rede im Bundestag weitgehend auf deutsch
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Putin hielt seine Rede im Bundestag weitgehend auf deutsch

Berlin - Wladimir Putin hat bei seiner Rede im Bundestag die Solidarität mit US-Präsident George W. Bush im Kampf gegen den Terrorismus bekundet. "Untaten" könnten politische Ziele nicht rechtfertigen, sagte Putin mit Blick auf die verheerenden Terroranschläge in den USA. Allerdings hielt er sich auch mit Kritik an bisherigen Versäumnissen nicht zurück. Die derzeitigen Sicherheitsstrukturen seien nicht fähig gewesen, dieser neuen Bedrohung zu widerstehen. Zu lange seien die Staaten in einem alten Wertesystem verhaftet gewesen, sagte der Staatschef vor den Abgeordneten. Wer nach den Teroranschlägen in den USA nach den Schuldigen frage, müsse erkennen, dass alle daran schuld seien - `vor allem wir, die Politiker". Sie lebten noch in alten Wertesystemen und hätten noch nicht gelernt, einander zu vertrauen. "Der Kalte Krieg ist vorbei", betonte Putin. Die Welt sei viel komplizierter geworden.

Putin bedauerte, dass es bislang keinen effektiven Mechanismus der Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror gebe. Anstatt Russland in die Vorbereitung von Entscheidungen einzubeziehen, werde es aufgefordert, getroffene Entscheidungen nachträglich zu bestätigen. An die Abgeordneten des Bundestages gewandt sagte Putin: "Man muss fragen, ob das echte Partnerschaft ist." Ohne Aufbau eines Klimas des Vertrauens werde es keine einheitliche Sicherheitsarchitektur in Europa und der Welt geben. Ein klares Bekenntnis Putins zur Integration Russlands nach Europa.

Putin rechtfertigte auch den Krieg in Tschetschenien als Kampf gegen fundamentalistische Terroristen. "Religiöse Fanatiker" hätten die Macht in der russischen Teilrepublik an sich gerissen und das Volk zur Geisel genommen. Terrorismus und Separatismus hätten überall auf der Welt die gleichen Wurzeln. Der Kampf gegen Terrorismus dürfe aber nicht zu einem Krieg der Zivilisationen werden.

Putin betonte die Einheit der europäischen Wertekultur und die Zugehörigkeit Russlands zu Europa. Das einheitliche und sichere Europa müsse zum "Vorboten" für eine sichere Welt werden. Der Staatschef bedankte sich dafür, dass er als erster russischer Präsident im Bundestag sprechen durfte. Er wechselte nach kurzer Vorrede auf Russisch in fließendes Deutsch über. Russland sei ein freundliches Land und wolle Frieden sichern. Niemand könne Russland in die Vergangenheit zurücktreiben.

Zuvor hatte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse gesagt, die geplante internationale Koalition gegen den Terrorismus könne eine "Zeitenwende" bedeuten, wenn Russland, aber auch China und die arabische Welt sich beteiligten.



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