Putin-Streit: Quadriga-Kuratorium verliert weiteres Mitglied

Die Entscheidung für Wladimir Putin als nächsten Quadriga-Preisträger hat weitreichende Konsequenzen. Mit dem Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum legt nun schon der zweite Kurator seinen Posten nieder. Er bezeichnete die Wahl als "skandalös".

Russlands Regierungschef Putin: Deutsche Politiker halten Preis für nicht gerechtfertigt Zur Großansicht
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Russlands Regierungschef Putin: Deutsche Politiker halten Preis für nicht gerechtfertigt

Berlin - Rücktritt Nummer zwei: Der Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum möchte die Verleihung des Quadriga-Preises an Russlands Premier Wladimir Putin nicht mittragen. Der Professor für Zeitgeschichte kündigte in der in Heidelberg erscheinenden "Rhein-Neckar-Zeitung" seinen sofortigen Rücktritt an. "Es ist nicht hinnehmbar, dass einzelne Mitglieder des Kuratoriums für Entscheidungen in Haftung genommen werden, an denen sie nicht beteiligt waren, über die sie nicht informiert worden sind und über die sie in der Presse erfuhren", begründete Wolfrum die Entscheidung. Gerade bei der Auszeichnung Putins hätte es einer breiten Diskussion bedurft. Die Entscheidungsfindung sei "skandalös" gewesen.

Zuvor war bereits Grünen-Chef Cem Özdemir von seinem Kuratoriumsposten wegen des Streits um die Quadriga-Vergabe zurückgetreten. Weitere Kuratoriumsmitglieder des preisverleihenden Vereins Werkstatt Deutschland distanzierten sich von der Entscheidung. Kritik an der Vergabe des undotierten Preises gibt es vor allem, weil Putin mangelnde Beachtung der Menschenrechte vorgeworfen wird. Auch aus dem Bundestag hatte es ablehnende Stimmen gegeben. Der Verein will hingegen den Einsatz für die deutsch-russische Partnerschaft auszeichnen.

"Werkstatt Deutschland" verleiht den Quadriga-Preis an "Vorbilder, die Aufklärung, Engagement und Gemeinwohl verpflichtet sind". Bei der Entscheidung für Putin sei dieser Grundsatz aber nicht ausschlaggebend gewesen, betonte ein Vereinssprecher. Stattdessen solle mit dem Preis Putins Einsatz für die Partnerschaft mit Deutschland gewürdigt werden. "Für Wladimir Putin steht die politische und wirtschaftliche Vertiefung der deutsch-russischen Beziehungen seit Anbeginn seiner Regierungsverantwortung an oberster Stelle der Agenda", heißt es in einer Erklärung des Vereins.

In der Begründung für die Preisvergabe wird Putins Berechenbarkeit, Stehvermögen, Verlässlichkeit und Kommunikationsfähigkeit gewürdigt. Im Inneren habe er Stabilität durch das Zusammenspiel von Wohlstand, Wirtschaft und Identität geschaffen. "Im Äußeren definierte und definiert er Spielräume durch die Fokussierung auf Zweiseitigkeit, Multipolarität und Respekt."

Frühere Quadriga-Preisträger sind der griechische Premier Georgios Papandreou, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso sowie die ehemaligen Staatschefs Michail Gorbatschow (Sowjetunion) und Vaclav Havel (Tschechien).

ler/dpa

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Wuerg
HariboHunter 14.07.2011
"In der Begründung für die Preisvergabe wird Putins Berechenbarkeit, Stehvermögen, Verlässlichkeit und Kommunikationsfähigkeit gewürdigt." Dann sollten Gaddafi und Kim Jong-il wegen Ihrem Stehvermoegen, Ihrer Prinzipinfestigkeit, Ihrer Durchsetzungfaehigkeit, Ihrem Mut, und der Faehigkeit zur Loesungsfindung auch einen Quadrigapreis bekommen. Die sind ja auch "lupenreine" Demokraten. Wir sollten Kim unbedingt ein paar Panzer verkaufen!
2. Hochachtung
mischamai 14.07.2011
Also wirklich zu begrüßen diese Aufrichtigkeit,hoffe nur es folgen noch weitere Anhänger der Menschlichkeit.Menschen die soviel Anstand zeigen nicht eine gemeinsame Auszeichnung mit einem Unterdrücker der Menschenrechte zu teilen.
3. Erklärungsversuch
Regulisssima 14.07.2011
Für die Preisverleihung an Putin sind drei mögliche Erklärungen denkbar. Das Kuratorium ist entweder a) des kritisch-rationalen Denkens nicht fähig, b) will die Öffentlichkeit vom demokratisch-rechtsstaatlichen Weg abbringen oder c) ist käuflich. Das solche Vereine mit Steuergeldern gefördert werden ist ein Skandal.
4. Kotz
Bezahler 14.07.2011
Zitat von sysopDie Entscheidung für Wladimir Putin als nächsten Quadriga-Preisträger hat weit reichende Konsequenzen. Mit dem Heidelberger Historiker Edgar Wolfrum legt*nun schon der zweite Kurator*seinen Posten nieder.** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,774374,00.html
Was für ein haltloses Gutmenschentum wieder diese Woche hier.Das ist ja nicht auszuhalten.Und immer irgendwelche Typen,welche von uns ausgehalten werden. Ich finde es unendlich anmaßend wie gerade solche vollversorgten Polis und andere Meinungsschaumschläger deshalb mit der Moralkeule jonglieren,weil wir,die Bezahler, dieser Mespo`ke dies erst ermöglichen. Diesen Putin mag man sehen wie man will.Schließlich wissen wir über den letzlich auch nur was unsere Meinungsmaschinerie über Ihn auskübelt.Aber mir scheint ,das er die russischen Interessen,mithin Seine eigenen,sehr gut zu vertreten weiß.Und so peu a`peu entsteht in mir das Verlangen so einen Putin hier zu haben,den nach Brüssel zu schicken,und ruck zuck wäre mal aufgeräumt.
5. ....
manda chuva 14.07.2011
"...mangelnde Beachtung der Menschenrechte..."? und immer wieder solche Stimmen aus einem Lande, in welchem z.B. - voellig grundlos und zynisch - im Oktober 2010 dem 66-jährigen (!) Rentner Dietrich Wagner voellig grundlos per Wasserwerfer die Augen zerschossen wurden. Vielleicht, Herr Özdemir, bekommen Sie ja noch Zustimmung fuer ihren gewaltigen Protest aus der rechts-schwaebischen Mappus-Ecke.
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