S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Warum viele Deutsche Putin bewundern

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

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Russlands Präsident Putin: Das unterdrückte Andere

Mit Putin geht es vielen Deutschen wie mit den Russen auf dem Ku'damm: Man lächelt über den Männlichkeitskult und das Blingbling, aber in dem Spott verbirgt sich auch Bewunderung für eine Art zu leben, die man sich selber nicht mehr traut.

Den Westen hält der starke Mann für einen dekadenten Amüsierbetrieb, der an seiner Toleranz zugrunde gehen wird. Sein Pressesprecher sagt, die Polizei solle bei Protesten die "Leber der Demonstranten auf den Asphalt schmieren". In dem von ihm kontrollierten Fernsehen werden Juden für den Holocaust verantwortlich gemacht und mit Blick auf die Ukraine gewarnt, einen "zweiten Holocaust" zu initiieren. Wer der offiziellen Politik widerspricht, gilt als "Verräter", als "Fremdling" und Angehöriger einer "fünften Kolonne".

Das ist also der Mann, für den sich in Deutschland viele Herzen erwärmen. Entsprechend groß ist die Erschütterung in den Leitetagen der Presseorgane, die ihre Leser eigentlich als verständige Zeitgenossen kennen: Wie kann es sein, dass ausgerechnet in einem so friedliebenden Gemeinwesen wie der Bundesrepublik so viele Menschen einem Nationalisten wie Putin das Wort reden?

Putin steht für das unterdrückte Andere

Die Antwort ist einfacher, als es die Gewissensprüfung auf den Kommentarseiten vermuten lässt: Die Frage ist schlicht falsch gestellt. Nicht trotz, sondern wegen der Erziehung zu Pazifismus, Geschlechtersensibilität und fortwährender Antidiskriminierung ist ein Gutteil der Deutschen so fasziniert von Russland und seinem Anführer.

Putin steht für das unterdrückte Andere, das gerade, weil es so selbstbewusst und unverstellt auftritt, einen unwiderstehlichen Reiz ausübt. Am Stammtisch der Wirtschaft heißt es über den Präsidenten: ein Kerl, der handelt. Oder um in der Sprache des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft zu bleiben: endlich mal wieder jemand mit Eiern.

Links der Mitte drückt man die Wertschätzung etwas verhaltener aus. Da zeigt man im Duktus des guten Sozialarbeiters Verständnis für die Motive des Imperators und warnt davor, den russischen Präsidenten zu "dämonisieren", weil ihn das wie jeden bad boy nur noch mehr aufbringen könnte. Hinaus läuft es auf das Gleiche: eine mehr oder weniger eingestandene Bewunderung für einen Politiker, der nicht lange fragt, sondern sich einfach nimmt, was ihm seiner nach Meinung zusteht.

Viel ist in diesen Tagen von der russischen Seele die Rede, zu der sich die Deutschen angeblich seit jeher hingezogen fühlen. Aber das ist nur Camouflage. An Putin und dem von ihm verkörperten Russland faszinieren nicht die Liebe zu Tschaikowski und Tschechow, sondern die kaltschnäuzige Entschlossenheit einer Politik, die mit dem Ende des Kalten Krieges ausgestorben schien. Mit Putin geht es vielen Deutschen wie mit den Russen auf dem Berliner Ku'damm: Man belächelt vielleicht in den aufgeklärten Kreisen den Männlichkeitskult und das Blingbling, aber in dem Spott über die zu dicken Uhren, die zu lauten Anzüge und die zu blonden und zu großbusigen Frauen verbirgt sich immer auch Anerkennung.

Denken in ethnischen Kategorien

Das Gespenstische an der derzeitige Situation ist, dass sich in Putin die Sehnsüchte und Aversionen von links und rechts zu treffen scheinen. Man darf sich nicht täuschen lassen von den Ausfällen des Präsidenten gegen die "Faschisten" auf dem Maidan und der Krim: Zu den treuesten Gästen gehören in Moskau die Anführer vom rechten Rand in Europa - der französische Front national und die ungarische Jobbik -, die im Kreml ihren neuen Wallfahrtsort entdeckt haben. Diese Leute wissen, was gemeint ist, wenn es heißt, dass man die "Erde" eines Volkes einsammeln müsse. Das Denken in ethnischen Kategorien ist Kern ihres Programms.

Der Historiker Timothy Snyder hat in einem sehr lesenswerten Essay auf die fundamentale Verlogenheit der russischen Führung hingewiesen, die Europa wegen seiner Liberalität verachtet und doch auf allen erdenklichen Ebenen von der Europäischen Union abhängig ist, wie er schreibt: "Ohne die Berechenbarkeit, Rechtsstaatlichkeit und Kultur Europas könnten die Russen nirgendwo ihr Geld waschen, ihre Vorzeigeunternehmen gründen, ihre Kinder auf Schulen schicken oder ihre Ferien verbringen."

Die gleiche Unaufrichtigkeit findet man auch im Lager der Putin-Bewunderer. Nur ein Bruchteil jener 43 Prozent der Deutschen, die in Umfragen für eine Auflösung der Nato votieren, wäre bereit, auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die das Leben unter dem amerikanischen Schutzschirm mit sich bringt. Dass die Europäer in absehbarer Zeit in der Lage wären, die Verteidigung ihres Wohlstands und ihrer Freiheit ohne die USA zu organisieren, kann niemand ernsthaft glauben.

So stellt sich am Ende die einfache Frage, was man bevorzugt: ein Leben unter russischer oder amerikanischer Protektion. Allen, die bei der Antwort unsicher sind, kann man nur empfehlen, den nächsten Urlaub in Moskau zu verbringen. Und zwar 20 Kilometer entfernt vom Roten Platz und seinen westlichen Luxusenklaven.

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insgesamt 1078 Beiträge
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1. Putin bewundern
volker.kirsch 17.04.2014
... is nich Euer Ernst ?
2. mit Eiern
chrisre 17.04.2014
oder ohne, ich glaube hauptsächlich jemand der das was in unserer Politik und Presse unterdrückt wird, Dinge wie USA-Kritik, zur Sprache bringt und zwar ziemlich sachlich. Das mit dem Holocaust leugnen, das habe ich auch beim iranischen Präsidenten nirgendwo finden können, trotz langer Suche und unzähliger Interviews mit angeblich diesem Inhalt, welche ich durchgewälzt habe. Halt immer das Totschlagsargument in unserer Presse/Politik, wenn Argumente über heutige zeitnahe Dinge fehlen.
3. Warum viele Deutsche Putin bewundern
Waldpinguie 17.04.2014
Komisch, ich kenne nicht einen Mitbürger der Putin bewundert. Aber gut, ich bin nicht das Maß der Dinge und lassen mir nicht gern Feindbilder servieren...... Fest steht wohl, dass Putin innenpolitisch das Wasser bis zum Hals steht, wenn er außenpolitisch dermaßen am Rad dreht.
4. Dummheit stirbt niemals aus
nanonaut 17.04.2014
Mein Großvater mochte Putin auch. Weil er Deutsch spricht. Er war aber schon mal in seinem Leben zu Beginn eher unkritisch in einem anderen Fall 70 Jahre vorher. Wer als in Freiheit geborener Westdeutscher Putin verehrt ist auch sonst nicht bei Trost.
5. Warum keiner den Putin bewundern sollte
mimak 17.04.2014
Einen egozentrischen Narzissten und machtgeilen Paranoiker bewundert man nicht. Man sperrt sie ein bevor sie was Dummes machen können. Die Geschichte der Menschheit sollte uns vor solchen Menschen warnen und keine Bewunderung mehr hervor bringen. Leider kommt aber Homo Sapiens im Durchschnitt geistig nicht weiter als bis zum Schaf, der seinen "starken" Hirten willig bis zur Schlachtbank folgt.
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