Puzzleprinzip Lebenssinn: Tausche Weltanschauung gegen Lottogewinn

Von Franz Walter

Das ideologische Feuer ist bei den alternden 68ern erloschen, der Charme großer Ideensysteme längst verflogen. Die Suche nach Sinn wird heute individuell befriedigt. Was bleibt, ist der Tagtraum vom Lottogewinn.

Göttingen - "I have no Weltanschauung." Mit dieser trotzigen Bemerkung trat Günter Grass in den späten sechziger Jahren den rebellierenden Studenten entgegen, die den Autor der "Blechtrommel" mit wohlfeilen Zitaten aus den Werken von Karl Marx als üblen Reformisten brandmarkten. In der Tat, beim akademischen Nachwuchs jener Jahre herrschte an weltanschaulichem Eifer kein Mangel. Es wurde für einige Jahre üblich, sich eindeutig zu bekennen, sich ohne Wenn und Aber einer Richtung zuzuordnen, an unumstößliche Wahrheiten zu glauben.

Die Jahre sind vergangen. Seit etwa 20 Jahren ist der Charme großer Prinzipien und Ideensysteme verflogen. Seither sind die modernen Menschen in den modernen europäischen Gesellschaften pragmatisch, nüchtern und – wie sie gern von sich sagen - "lösungsorientiert". Überhaupt scheinen die Komplexitäten derart zugenommen zu haben, dass die gesellschaftliche Vielfalt nicht mehr durch die eine große Erzählung zu bändigen ist. Und daher ist sich nahezu jedermann sicher, dass sich das Zeitalter der Weltanschauungen final verabschiedet hat.

Kundige Historiker indes wissen, dass die Nekrologe auf die Ideologien über die Jahrhunderte hinweg schon häufig gehalten worden sind. Doch in schöner Regelmäßigkeit tauchten dann neue Religions- und Sinnstifter wieder auf den Markplätzen auf, um abermals erfolgreich Jünger und Propheten zu sammeln. Es mag also sein, dass der Hunger nach holistischen Erklärungen zu den anthropologischen Konstanten gehört, dass Menschen immer wieder die Welt von einem Punkt und aus einem Guss gedeutet bekommen, nicht zuletzt: Hoffnung auf Licht und Erlösungen vermittelt haben möchten.

Kurzum: Ganz auszuschließen ist es nicht, dass Ideologien eine unverzichtbare Funktion für menschliche Gesellschaften besitzen. Unzweifelhaft stiften Ideologien Gemeinschaft und Zusammenhalt, was die jeweils Einzelnen nicht voraussetzungslos können. Ideologien geben Zusammenschlüssen nicht nur Sinn und Ziel, sie weisen den Menschen dort auch Rollen und Aufgaben zu, kreieren so sichere Orte und Geborgenheiten. Ideologien weisen zudem in der Regel über den Status quo hinaus, aktivieren dadurch, mobilisieren Energien für die großen Märsche aus der defizitären Diesseitigkeit. Ganz große Aufbrüche jedenfalls sind ohne ein Minimum an ideologischer Leuchtkraft schwer vorstellbar.

Das Feindbild eingewoben

Nun standen am Ende der langen Wanderungen in die gelobten Länder der Menschheitsgeschichte bekanntlich oft genug Enttäuschungen – oder auch Schlimmeres: Ideologisch angetriebene Bewegungen pflegen nicht gutmütig mit Personen anderer Gesinnungen umzugehen; ihre Neigung zu Differenzierungen und Selbstkorrektur durch Einsicht ist denkbar gering. Ideologien ist das Feinbild quasi eingewoben. Und so münden ideologische Rivalitäten nicht selten in erbitterte politische Polarisierungen, Religionskriege oder gar doktrinäre Despotien. Die ursprüngliche Strahlkraft erschlafft oder diskreditiert sich. Dann wird wieder das Ende der Weltanschauung ausgerufen – bis eben neue Heilsprediger in die weltanschaulich entleerten Landschaften treten und Proselyten machen.

Nach Auffassung von Soziologen, Psychologen und Zukunftsforschern stehen wir unmittelbar vor einer neuen Ära der Respiritualisierung und des Sinnverlangens. Schließlich habe der Individualisierungsprozess während der letzten drei Jahrzehnte etliche Menschen einsam und bindungslos gemacht. In der Optionsgesellschaft müssen immer wieder grundlegende Entscheidungen getroffen werden, die zahlreiche Menschen angesichts des Fehlens verbindlicher Urteils- und Wertmaßstäbe regelmäßig überfordern. Die Moderne habe traditionelle Überzeugungen verschlissen und produziere im Zuge der Unterversorgung eben dadurch die vermehrte Nachfrage nach neuen, orientierungsstiftenden Identitäten, um das geistige Vakuum der postideologischen Gesellschaft zu füllen.

Werden also ausgerechnet die Jüngeren in der Republik demnächst skandieren: "I have a Weltanschauung"? Wie steht es mit dem normativen Haushalt der Menschen in Deutschland, mit ihren Sinnkonstruktionen und Lebensphilosophien? Schauen wir genauer hin, bedienen wir uns dabei der Expertise des Heidelberger Sinus-Sociovisions-Instituts und beginnen in der Tat bei den Jüngeren der bundesdeutschen Gesellschaft.

Bei Sinus firmiert diese Gruppe als "Experimentalisten". Vermutlich wird auch der Begriff "Generation Praktikum" auf viele von ihnen zutreffen. Zuweilen wird bei Liebhabern französischer Sprache und Soziologie von der "Génération Précaire" gesprochen. Auf der Suche nach der einen, großen und fixierten Weltanschauung ist diese Generation nicht. Im Gegenteil, sie scheut sich vor der verbindlichen Entscheidung, möchte sich nicht für längere Zeit festlegen, sich nicht einer exklusiven Gemeinschaft oder konsistenten Botschaft verschreiben. Diese Generation ist ziemlich rastlos unterwegs, sammelt dabei an Deutungen und Entwürfen auf, was nützlich sein könnte und setzt dann die einzelnen Partikel je nach Situation und Individualität autonom zusammen.

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Forum - Ende der Visionen?
insgesamt 67 Beiträge
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1. Das Ende der Visionen haben wir schon lange
Christoph Müller 29.03.2007
In einer ein paar Jahre alten Süddeutschen Zeitung wurde in einem großen Artikel über das Patent- und Erfindungswesen in Deutschland berichtet. Schon damals wurden 97% aller Patente nie genutzt. Patente scheinen demnach nicht mehr dem Fortschritt, sondern vielmehr der Fortschritsverhinderung zu dienen. Man investiert in teure Patente, um noch teurere Investitionen in Besseres vermeiden zu können. Es geht schließlich nicht um Fortschritt, sondern um zu maximierende Gewinne. Nicht in ferner Zukunft, sondern möglichst sofort. Derart visionslos und ausschließlich am hier und jetzt interessiert macht man es der Konkurrenz leicht, besser zu werden und verliert damit gleichzeitig den Anschluss an die Weltwirtschaft.
2.
Kurt2 29.03.2007
Zitat von sysopHat der Autor Recht: Haben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,474452,00.html
Es ist wie in der Politik. Die Zeit der Mittelmäßigkeit. ....und nichts ist am Horizont erkennbar.
3.
abcbw 29.03.2007
Zitat von sysopHat der Autor Recht: Haben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,474452,00.html
im Reich der Blinden benötigt man keine Visionäre, der (politisch)Einäugige fürchtet den Visionär .., um das bekannte Sprichwort abzuwandeln.
4. keine Ideologien - aber bitte Visionen
SaT 29.03.2007
Die Frage ist wer „die Intellektuellen“ sind? Laut Franz Walter wohl mal wieder die linksliberalen 68 – als gäbe es keine konservativen Intellektuelle. Wie auch immer, linke Visionen die sich hauptsächlich auf das Wirtschaften bezogen gehören glücklicherweise der Vergangenheit an. Das liegt hauptsächlich daran, dass im letzten Jahrhundert die sozialistische Planwirtschaft grandios scheiterte. Kaum lohnt es sich noch auf die Unfähigkeit vom Staat geplanter Unternehmen hinzuweisen, wir kenne ja die Bundesbahn oder die „Agentur für Arbeit“. Trotzdem kann ich nicht so ohne weiters in das Loblied für die freie Marktwirtschaft einstimmen. Aus der anfänglich gesunden Konkurrenz entwickelt sich immer mehr ein gnadenloser Wettkampf wobei die Gesundheit und Freizeit der Menschen (wir haben zwar recht viel Freizeit, doch werden wir pausenlos durch aggressive Werbung dazu angehalten diese mit Konsumieren zu verbringen), die Umwelt und der Zusammenhalt der Gesellschaft auf der Stecke zu bleiben droht. Auch wird in der Marktwirtschaft nach meiner Ansicht zu wenig Grundlagenforschung betrieben. Insofern sehe ich auch kein Sieg neoliberaler Visionen. Die eigentliche Lehre aus dem letzten Jahrhundert lautet: keine Ideologien – weder sozialistisch, noch nationalistisch, religiös aber auch eben keine liberale. Die Staatskunst sollte darin bestehen den gesunden Mittelweg zwischen diesen Ideologien zu finden. Ich denke aber, Visionen sind nicht mit Ideologien gleich zusetzten. Vernünftige nichtideologische Visionen wie wir das Zusammenleben der Menschen und den Umgang mit der Umwelt besser regeln können sind heute wichtiger denn je. Wir sollten Visionen entwickeln, wo die Menschheit in sagen wir mal 100 Jahren stehen soll. Wird es eine Menschheit sein, die sich nur selbst berieselt oder eine die das Weltall, die tiefen der Meere und andere unbekannte Regionen erobert bzw erforscht? Werden wir unverändert immer gleich bleiben, womöglich auch immer weiter degenerieren oder uns Richtung Cyborg oder auch genetisch weiterentwicklen? Wie auch immer die Menschheit der Zukunft aussieht, die Weichen werden heute von uns gestellt - egal ob wir dies bewusst oder unbewusst tun.
5.
E. Bär 29.03.2007
Zitat von sysopHat der Autor Recht: Haben sich die Intellektuellen weit gehend aus der Entwicklung von Entwürfen für Gesellschaft, Politik und Philosophie abgemeldet? Gibt es keine diskussionswürdigen Visionen mehr? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,474452,00.html
Der heute dominante Glaube ist der Glaube an die Wundertätigkeit des Marktes, und an Gläubigen, vor allem in den oberen Etagen der Gesellschaft, herrscht kein Mangel. Ich finde das erschreckend - nicht, weil ich diesen Wunderglauben nicht teile, sondern weil der Glaube an eine Art naturgesetzliche Wundertätigkeit an die Stelle menschlichen Planens, Handelns und Hoffens tritt. Es ist so etwas wie eine Kapitulation. Der leere Raum, der hier entsteht, ist jedoch nicht das Reich anarchischer Phantasie, sondern Herrschaft wird nur maskiert, denn natürlich ist "der Markt" Ausdruck planenden Handelns.
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