Quereinsteiger Karl Lauterbach Der Überall-Experte

Beliebt ist er nicht, aber gefürchtet: Der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach lässt Gegner gerne seine Überlegenheit spüren. Sein politischer Aufstieg wurde belächelt, doch der Professor hat sich etabliert - als interner Kritiker der Großen Koalition.

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Für Karl Lauterbach kursieren gleich mehrere Spitznamen in der SPD-Bundestagsfraktion. "Karlchen Überall" nennen ihn Parteifreunde - weil er sich bei jedem Thema einmische. Er sei eine "rollende Kanonenkugel", lästern andere, weil von Lauterbach jederzeit Kritik an der Großen Koalition drohe. Er begreife das Wesen von Kompromissen, Machtproporz und Fraktionsdisziplin nicht, klagen Genossen und schimpfen ihn "die begnadetste Ich-AG des Bundestages".

Karl Lauterbach: Mit 35 Jahren bereits drei C4-Rufe
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Karl Lauterbach: Mit 35 Jahren bereits drei C4-Rufe

Karl Lauterbach - Fliegenträger, Professor und seit 2005 Abgeordneter - ist ein Exot in der bundesdeutschen Politikerlandschaft. Seine Karriere hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. Vom Berater der rot-grünen Bundesregierung ist er seit seinem Einzug in den Bundestag zu einem der härtesten Kritiker der Großen Koalition geworden. Gerne lässt er Gegner sein Überlegenheitsgefühl spüren, wenn er von seinen über 400 wissenschaftlichen Veröffentlichungen spricht, seinen beiden Doktortiteln oder seiner Gastprofessur in Harvard. Er habe mehr publiziert als der gesammelte Rest des Sachverständigenrates, sagte er, als er diesem Expertengremium noch angehörte. Und als 35-Jährigen hätten ihn bereits drei C4-Rufe ereilt.

Die politische Karriere des Wissenschaftlers ist eng mit dem Aufstieg von Ulla Schmidt verknüpft. Wie die Gesundheitsministerin kommt Lauterbach aus einfachen Verhältnissen und schaffte durch die Bildungsexpansion der siebziger Jahre den gesellschaftlichen Aufstieg. Das Scheidungskind Schmidt schaffte den Sprung aus dem sozialen Wohnungsbau und wurde Lehrerin. Lauterbach entstammt einer Arbeiterfamilie und brachte es zum Direktor eines eigenen Instituts für Gesundheitsökonomie an der Universität Köln.

Seine Expertise diente Schmidt bis 2005 als wissenschaftliche Unterfütterung, vor allem aber auch zur Legitimation ihrer Politik. Lauterbach saß bereits seit 1999 im "Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitsbereich".

Doch erst mit Schmidts Amtsantritt 2001 wurde ihm eine breite Aufmerksamkeit zuteil. Er wurde mehr und mehr zum ersten Ansprechpartner für Fachjournalisten. Deutlich wurde sein wachsender Einfluss auch an den rasant zunehmenden Missfallenskundgebungen von Ärzte- und Pharmaverbänden. Er unterstellte den Ärzten schlechte Leistungen und warf ihnen die Beförderung der Zwei-Klassen-Medizin vor. So wurde er zum Feindbild der Ärzte- und Pharmalobbyisten und war denen bald verhasster als Schmidt. Mit zahlreichen Artikeln und Initiativen versuchten die Ärzteverbände das öffentliche Bild vom unabhängigen, seriösen Wissenschaftler zu zerstören. Doch gelungen ist das nicht. Karl Lauterbach stieg zu einem der gefragtesten Experten der Republik auf.

Die Förderung durch Schmidt beruhte auf Gegenseitigkeit: Sie nutzte seine Kontakte in die wissenschaftlichen Zirkel der Gesundheitsökonomie, er profitierte von ihrem kurzen Draht zu Lobbyisten und Fachpolitikern der SPD. So gehörte Lauterbach bis 2005 zu Schmidts engstem Führungskreis. Neben ihm dabei: Klaus Vater, Pressesprecher und Strippenzieher im Hintergrund, Büroleiter Ulrich Tilly, Ex-AOK-Funktionär Franz Knieps und Staatssekretärin Marion Caspers-Merk.

Lauterbach spielte dabei die Rolle des "Strebers", der "für jedes Problem die Studie kennt", schrieb die "Süddeutsche Zeitung". Doch nicht nur das: Er verkörperte für Schmidt auch das Analytische, Fundierte und wissenschaftlich Begründete ihrer Politik. Mit seinem linkischen Auftreten, der ungewöhnlichen Fliege und dem leicht quäkenden rheinischen Singsang wirkte er auf journalistische Beobachter zwar häufig ein bisschen nervig, aber auch - und das war für Schmidt entscheidend - vergleichsweise kompetent.

Forum - Braucht die Politik mehr Quereinsteiger?
insgesamt 272 Beiträge
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Seite 1
Satiro, 19.02.2009
1.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Weil die Karriere von Berufspolitern mit dem Kleben von Wahlplakten bereits im frühen Jugendalter beginnt.
jajokat 19.02.2009
2.
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Klar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
stefkarr 19.02.2009
3. Ich frage mich
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
wer denkt sich immer diese Themen aus? Wie kann man nur annehmen, dass "Berufspolitiker" eine Selbstverständlichkeit wären? Es hat sich so eingebürgert, dass sich einige Herrschaften in unsrem Land auf den gut bezahlten Sesseln bequem gemacht haben. Der Eid den sie schwören "Schaden vom deutschen Volke ab zuwenden", wird alleine dadurch gebrochen, dass die Herrschaften so lange in Ihren Ämtern verweilen. In unserer Verfassung gibt es den "Berufspolitiker" nicht, auch nicht in den einschlägigen Gesetzen. Berufspolitiker sind Menschen, die das nicht einhalten, was Sie von der Masse erwarten: Flexibilität und Mobilität im Arbeitsleben. Berufspolitikter sind im Laufe der Zeit weg vom Alltagsleben, das 95% der Bevolkerung leben. Berufspolitiker sind Marionetten der Lobby. Sie sind mit Sicherheit alles das, was die Gründerväter unserer Repuplik nicht wollten: Fern vom Volk, gekauft von Lobbyisten. Für mich sind Sie des weiteren, genau dass was Sie selbst glauben was Harz-IV-Empfänger seien: Sozialschmarotzer, aber mit weit aus höheren monatlichen Bezügen. Und mit dem Unterschied, dass Sie mit Ihrer Machtfülle großen Schaden anrichten, was man von Harz-IV-Empfängern nicht sagen kann. Wir brauchen keine Quereinsteiger, sondern einfach nur Politiker die sich spätestens nach 2 Legislaturperioden verabschieden, dann ist das Thema Ouereinsteiger gelöst, und wir brauchen Quoten im Parlament, vom Handwerksmeister über Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftlern, und nicht wie heute einseitig meist beamtete verschiedener Berufszweige und Juristen. Das Argument, dass damit zuviel Kompetenz verloren ginge, kann so nicht gelten, sonst hätten wir heute nicht den Wirtschaftsminister den wir heute haben!
ANDIEFUZZICH 19.02.2009
4.
Zitat von jajokatKlar doch wir brauchen Quereinsteiger! Ich hätte auch schon ein paar Posten für"besonders fähige" Quereinsteiger: Bundeskanzler:J.Ackermann Wirtschaftsminister:H.Mehdorn Finanzminister:K.Zumwinkel Außenminister:J.Ratzinger Aber die wollen ja alle nicht! (Aber warum werde ich das Gefühl nicht los,daß diese Personen-Liste könnte ja problemlos fortgesetzt werden-schon die Geschicke unsere Landes bestimmen obwohl sie nicht im Parlament sitzen bzw. führende Positionen in den Parteien innehaben?)
Klasse! Was ist eigentlich aus dieser deutschen Version (ja, ja, bei den Medien kopieren wir alles, da es uns an eigener Fantasie mangelt) von "spitting image" geworden? Mit dieser Besetzung könnte man den Brüller des Jahres landen!
bürger mr 19.02.2009
5. Ii
Zitat von sysopNicht nur Berufspolitiker sollten das Parlament und die Parteien prägen. Wie wichtig sind Quereinsteiger für die deutsche Politik? Warum ist eine Karriere in der Politik für Seiteneinsteiger so schwierig?
Warum? - Da sitzen doch zum Großteil Beamte .
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