Geplante Politik-Talkshow: "Was Raab macht, ist einfach ehrlich"

Von Jan Lukas Strozyk

Bisher stand Stefan Raab für fetzige Unterhaltung. Mit einer Mischung aus Polit-Talk und Gewinnshow will der Entertainer nun gegen die drögen politischen Gesprächsrunden im Abendprogramm ankämpfen. Politiker sind begeistert - warnen aber auch vor populistischen Scheindebatten.

Moderator Raab (bei einer Show im Januar): Entertainer will im Politik-Zirkus mitmischen Zur Großansicht
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Moderator Raab (bei einer Show im Januar): Entertainer will im Politik-Zirkus mitmischen

Hamburg - Für sachliche Debatten ist Stefan Raab nicht gerade bekannt: Witze macht er gern auf Kosten anderer, Politiker werden in seinen Sendungen regelmäßig auf den Arm genommen. Nun will der Entertainer ausgerechnet im ohnehin schon überbevölkerten Segment der Polit-Talkshows an Quotenerfolge wie "Schlag den Raab" oder die "Wok-WM" anknüpfen. Die Erwartungen an seine Sendung "Absolute Mehrheit" sind entsprechend hoch - zumindest im Politikbetrieb kommt der Plan jedoch schon jetzt gut an.

Vor allem junge Politiker sind begeistert. "Natürlich kann ich mir vorstellen, an der Sendung teilzunehmen", sagte Christopher Lauer, Chef der Berliner Piratenfraktion, SPIEGEL ONLINE. "Was Raab macht, ist einfach ehrlich. Denn auch die anderen Talks sind ja nichts als eine Show", so Lauer weiter. Ähnlich äußert sich der Vorsitzende der Jusos, Sascha Vogt. "Das könnte eine Sendung werden, in der endlich die Talkshow-Gäste nicht mehr am Thema vorbeidiskutieren oder sich ausschließlich in persönliche Konflikte verstricken", sagte er.

100.000 Euro "Ehrensold"

In der Sendung, die Stefan Raab in einem SPIEGEL-Interview angekündigt hat, werden Berufspolitiker, Prominente und Bürger miteinander über politische Themen diskutieren. Die Zuschauer sollen dann entscheiden, wer sich am besten präsentiert hat. Schafft es einer der fünf bis sechs Diskutanten, 50 Prozent der Zuschauerstimmen für sich zu gewinnen, bekommt er einen "Ehrensold" von 100.000 Euro, so Raab. Mit der Show will er eine Nische erobern, die viele Zuschauer bereits als ausreichend besetzt empfinden. Vor allem die junge Zielgruppe der anderen Raab-Sendungen will er so für politische Debatten begeistern. Dass Raab eine altbackene Sende-Idee aufmöbeln und erfolgreich verkaufen kann, hat er zuletzt mit dem "Eurovision Song Contest" bewiesen.

Volker Beck, parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, hofft, dass es Raab gelingt, "die im Moment nicht sehr niveauvolle Polit-Talkshow-Landschaft für neue Zuschauer zu öffnen". Der Grünen-Politiker sieht sich selbst auch als potentiellen Kandidaten für die Show: "Mir würden einige Menschenrechtsorganisationen einfallen, denen ich mein Preisgeld gerne spenden würde." Er gab allerdings zu bedenken, dass auch Minderheitenmeinungen einen Platz haben müssten. Raab selbst hatte im Gespräch mit dem SPIEGEL den CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt als möglichen Kandidaten ins Gespräch gebracht. Dieser wollte sich nicht zu der Sendung äußern.

"Zumindest rudimentäre Positionen vermitteln"

Im liberalen Lager hat Raabs Idee bereits Fürsprecher. Wolfgang Kubicki, Chef der FDP-Fraktion im Kieler Landtag, würde eine Einladung gerne annehmen. "Schon um anderen nicht allein das Feld zu überlassen", wie er SPIEGEL ONLINE sagte. "Das Konzept ist interessant, weil dadurch die Chance besteht, auch Menschen zu erreichen, die sich bislang nicht für Politik interessiert haben", so Kubicki weiter. Gleichzeitig mahnte er, zu viel Show und zu wenig inhaltliche Debatte könne "dem Populismus Tür und Tor öffnen".

Deutlicher fällt die Kritik der rheinland-pfälzischen CDU-Chefin Julia Klöckner aus. Das Konzept sehe danach aus, als ob sich "Politiker hier in verschärfter Form zum Depp machen lassen sollen", sagte sie. Hauptsache man gefalle und bekomme dann am Ende einen Geldpreis. Die Idee erinnere an einen "Stammtisch mit sehr übersichtlichem Anspruch", so Klöckner weiter. "Ich verspüre keinen Drang, so etwas zu schauen, geschweige denn, selbst daran teilzunehmen."

Auch Politikwissenschaftler Carsten Koschmieder vom Otto-Suhr-Institut in Berlin sieht die Gefahr, dass das Buhlen um Beliebtheit zu einer allzu plakativen Herangehensweise an die Debatten führen könnte. "Man neigt in so einer Situation natürlich zur Vereinfachung", sagte er. Trotzdem kann die grundsätzliche Idee seiner Meinung nach aufgehen: "Auf diese Art bekommen die Zuschauer zumindest die rudimentären Positionen der Parteien vermittelt. Im besten Fall sorgt das dafür, dass sie sich für die Debatte begeistern."

Die erste Folge von "Absolute Mehrheit" soll am 11. November auf ProSieben ausgestrahlt werden und dann einmal monatlich nach dem Sonntags-Spielfilm - also in direkter Konkurrenz zu Günther Jauch - zu sehen sein. Die ARD erklärte, dass man sich der Herausforderung gern stellen werde. Chefredakteur Thomas Baumann sagte, dass er es für "abwegig" halte, Mehrheiten mit Geldprämien zu belohnen. Es bestehe die Gefahr, dass Diskutanten einer "vermuteten Mehrheitsmeinung" hinterherhechelten.

Ob das allerdings bei Jauch und Co. grundsätzlich anders ist, darf bezweifelt werden.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. ....
jujo 12.09.2012
Zitat von sysopBisher stand Stefan Raab für fetzige Unterhaltung. Mit einer Mischung aus Polit-Talk und Gewinnshow will der Entertainer nun gegen die drögen politischen Gesprächsrunden im Abendprogramm ankämpfen. Politiker sind begeistert - warnen aber auch vor populistischen Scheindebatten. Raabs Politik-Talkshow: Politiker sind begeistert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,855199,00.html)
Ich werde mir im Nov. die Sendung anschauen. Nach dem Tatort hab ich Luft. Jauch nur bis um 22h, nach den Eigangstatements dort schalte ich bislang in der Regel zum ZDF zum Krimi.
2. Raab-Talk 2
grafwagner 12.09.2012
Talkshows standen schon immer in der Kritik, seit es sie gibt. Weil da Menschen zusammen sitzen die Meinungen äußern, die nicht jedem gefallen. Dass Herr Raab nun eine Talkshow mit politischem Inhalt plant ist für mich weiterhin so unvorstellbar, wie am Tag der Erstmeldung. Andererseits, die meisten Dinge die er realisiert hat sind erfolgreich geworden und gleich wie Banane seine Politik-Talkshow werden könnte, vielleicht ernten wir daraus sinnvolle Ideen für die Gemeinschaft.
3. Evolution?
kp86368 12.09.2012
Nein, ich habe nichts gegen Herrn Raab und ich gönne ihm seinen Erfolg. Nur, er macht mittlerweile genau das, worüber er sich mal lustig gemacht hat bzw. was er mehr als kritikwürdig fand. Ab einer gewissen Zahl vor dem Komma entwickelt man sich ebend "weiter".
4.
Olaf 12.09.2012
Zitat von sysopBisher stand Stefan Raab für fetzige Unterhaltung. Mit einer Mischung aus Polit-Talk und Gewinnshow will der Entertainer nun gegen die drögen politischen Gesprächsrunden im Abendprogramm ankämpfen. Politiker sind begeistert - warnen aber auch vor populistischen Scheindebatten. Raabs Politik-Talkshow: Politiker sind begeistert - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,855199,00.html)
Politiker waren vor politischen Scheindebatten im Fernsehen? Das ist doch deren Spezialität.
5.
CashFloh 12.09.2012
Zitat von sysopPolitiker sind begeistert - warnen aber auch vor populistischen Scheindebatten.
Damit kennen sie sich ja aus. Zu bewundern wöchentlich bei Jauch, Illner und Co.
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