Radikale Konvertiten Durchmarsch zum Martyrium

Immer wieder driften deutsche Neu-Muslime wie Fritz G. und Daniel S. in den radikalen Islam ab. Die Gründe sind komplex: Einige suchen simple Lösungen für schwierige Fragen, andere das Gruppengefühl - in jedem Fall werden sie von gefährlichen Verführern mit offenen Armen empfangen.

Von Yassin Musharbash


Leipzig, im vergangenen Herbst: Lässig kaut der junge Mann auf einem Zweig Süßholz herum, seinem Ersatz für eine Zahnbürste, ganz nach dem Vorbild des Propheten Mohammed. Hinter ihm ein zweistöckiges islamisches Bethaus, neben ihm ein bekannter radikaler Imam, der auf Deutsch und Arabisch predigt, und zu dessen Gemeinde auffallend viele Konvertiten zählen - zum Islam Übergetretene wie der junge Mann. Die Freitagspredigt ist gerade vorbei.

Das Gespräch kreist um den türkisch-schwäbischen Grünen-Politiker Cem Özdemir. "Das ist kein echter Muslim!", stößt der Mann verächtlich aus, der keine Gelegenheit auslässt, unterzubringen, wie viele Texte der islamischen Theologie er gelesen hat. Im Original natürlich, er hat ja Arabisch gelernt. Seinem Imam, der dafür bekannt ist, dass er Frauen die Hand nicht reicht, hängt er an den Lippen wie einem Guru.

Ulm, in diesem Sommer: Christopher nennt sich dieser noch jüngere Mann, der im Türrahmen des "Islamischen Informationszentrums" (IIZ) steht. Einen Bart trägt auch er. "Hier kann man sehen, was wir glauben", sagt er und schenkt dem Reporter ein Buch. Es heißt "Botschaft des Islam" und kommt aus Saudi-Arabien.

Darin steht, dass der Islam die Grundzüge der Politik bestimmen soll, dass kein Mensch den Regeln Gottes "entgegenwirken" dürfe, "oder ein Gesetz erlassen, das gegen sie verstoßen kann".

Fast zwei Drittel der Konvertiten sind Frauen

Zwei Beispiele für Deutsche, die als Nichtmuslime aufwuchsen und auf dem Weg zum Islam gleich weiter in den Islamismus stolperten. Sie selbst sehen sich als einfache Gläubige, die sich am Vorbild der frühen Muslime orientieren. Aber auch in den Augen vieler Muslime ist dieses peinlich genaue Befolgen sämtlicher Regeln, Beispiele und Empfehlungen aus dem siebten Jahrhundert, dieser Anspruch auf eine politische Gestaltungshoheit ihrer Religion nur eines - radikal.

Weit mehr als tausend Menschen konvertieren in Deutschland pro Jahr zum Islam. Fast zwei Drittel sind Frauen, weiß das Islam-Archiv in Soest, "überwiegend Akademikerinnen, gut situiert." Die meisten Neu-Muslime sind friedliche, unauffällige Gläubige. Manchem nehmen den Glauben an, weil sie mit einem Muslim verheiratet sind. Die Konvertitenszene in Deutschland - ein Problem ist sie im Allgemeinen nicht.

Aber es gibt auch eine andere Seite: Christian G. etwa, ein Duisburger mit polnischen Wurzeln, der als Heranwachsender zum Islam fand, mit einem Stipendium in Saudi-Arabien studierte, den Bruder eines Militanten kennen lernte - und ab 2000 in Trainingslagern der al-Qaida in Afghanistan ein und aus ging.

Oder Thomas Hamza Fischer, der wie Christopher am IIZ andockte - und 2003 bei Kämpfen gegen die russische Armee auf einem Schlachtfeld kurz vor der tschetschenischen Hauptstadt Grosny fiel.

"Konvertiten neigen zur Überkompensierung"

Oder eben Fritz G. und Daniel S., die am Dienstag dieser Woche in Nordrhein-Westfalen verhaften wurden - nachdem sie sich anschickten, eine Bombe zusammenzubasteln, die möglicherweise Tausende Menschen getötet hätte.

Natürlich wird nicht jeder Konvertit ein Islamist und nicht jeder Islamist ein Terrorist. "Es gibt einen Unterschied zwischen Radikalisierung und Terrorismus", betont der niederländische Terrorforscher Edwin Bakker, der 2006 eine Studie über die Lebensläufe von 242 Dschihadisten vorlegte, die in Europa Anschläge planten oder durchführten. Die Eurofighter von Osama Bin Laden - sie sind eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Nur 14 Konvertiten waren unter Bakkers Dschihadisten, eine zu kleine Zahl, um zu generalisieren.

Aber es gibt Indizien, die verstehen helfen, wieso einige Konvertiten erst zu Radikalen und dann zu Terroristen werden.

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