Räumung in Stuttgart: "Net schwätze! Blockiere!"

Von Simone Kaiser, Stuttgart

Tausend schwäbische Wutbürger schützen 176 Bäume - und treffen auf eine Übermacht von 2500 Polizisten: In der Nacht haben Sicherheitskräfte den Stuttgarter Schlossgarten geräumt. Gegen die Deeskalationsstrategie der Staatsmacht waren die Demonstranten machtlos.

Räumung des Schlossgartens: Nachteinsatz in Stuttgart Fotos
REUTERS

"Los geht's! Net schwätze! Blockiere!", brüllt die Frau mit den plüschigen Ohrenschützern und rudert mit den Armen, als müsste sie Hühner aufscheuchen. Ihre Wangen glühen, wild gestikulierend stürzt sie auf eine Gruppe Parkschützer zu, die am offenen Lagerfeuer einen Schwatz halten, Tee trinken, sich die Hände wärmen. Morgens, halb vier in Stuttgart.

Manche aus der Gruppe drehen sich weg. Einige Demonstranten stapfen auf dicken Gummisohlen pflichtschuldig in Richtung einer Zufahrt, auf der gerade ein Polizeiwagen hält. Etwa fünfzig Meter vor dem Fahrzeug bleiben sie stehen. Ein wenig ratlos blicken sie sich um, als wäre ihnen auf dem kurzen Weg ihr Gegner abhanden gekommen. "Ich bin jetzt seit zehn Stunden hier", sagt ein junger Mann mit Strickmütze und klopft seine wattierten Fäustlinge aufeinander, "mir ist ehrlicherweise nur noch kalt".

Auf der dünnen Schneedecke im Schlossgarten leuchten in dieser Nacht überall rote und goldene Punkte. Grablichter und Wärmefolien. Es sind wahrscheinlich Hunderte. Die Kerzen weisen den Weg zu den großen Platanen, die in den nächsten Tagen gefällt oder verpflanzt werden sollen. 176 Bäume an der Zahl. Es sind diese Bäume, die dem umstrittenen Tiefbahnhofprojekt Stuttgart 21 im Wege stehen und zum Symbol für den Widerstand wurden. Wegen dieser Bäume harren etwa tausend schwäbische Mut- und Wutbürger bei Minusgraden und Schneetreiben im Schlossgarten aus. Wegen dieser Bäume sind rund 2500 Polizeibeamte aus Baden-Württemberg und dem gesamten Bundesgebiet in dieser Nacht vor Ort.

Um zwei Uhr hat das letzte Aufgebot offiziell begonnen. "Der bestgeplante Polizeieinsatz in Baden-Württemberg", verkündete Innenminister Reinhold Gall (SPD) bereits am Tag zuvor. Und sicher auch einer der teuersten. Das Verhältnis Demonstranten zu Beamten ist grob 1:2, das Verhältnis Baum zu Beamter etwa 1:14. Vor dem Zaun zum Grundwassermanagement, auf Höhe des halb abgerissenen Südflügels, trommelt und pfeift eine Parkschützer-Band den Fasnachtsschlager "Wer soll das bezahlen, wer hat so viel Geld?".

Um halb drei wird die Allgemeinverfügung der Stadt Stuttgart verlesen, nun darf der Schlossgarten geräumt werden. Um drei Uhr rücken die Hundertschaften in den Park ein. Es dauert keine halbe Stunde, dann steht die Gitterlinie, rund 800 Meter lang, einmal rund um das geplante Baugelände, die sogenannte Zeltstadt und die alten Platanen.

Nach den Verletzten beim ersten Schlossgarten-Einsatz am 30. September 2010 hat sich die Stuttgarter Polizeiführung das Wort Deeskalation auf die Flagge geschrieben. Mit großen Leuchtbändern sind drei Ausgänge markiert, durch die die Demonstranten in dieser Nacht den Schlossgarten in Richtung Bahnhof und Innenstadt verlassen können. "Wir wollen damit vermeiden, dass sich irgendjemand eingekesselt fühlt", erklärt Polizeipräsident Thomas Züfle. Beim Einsatz am Südflügel, Mitte Januar, sei man mit dieser Strategie gut gefahren. "Niemand wird unter Druck gesetzt, alle sollen sich frei bewegen können, wir haben viel Zeit mitgebracht", sagt Züfle und zieht an seiner Zigarette. Er weiß, dass in dieser Nacht alle Augen auf ihn gerichtet sind. Seinen Vorgänger hat der verheerende Wasserwerfereinsatz am so genannten "Schwarzen Donnerstag" den Job gekostet.

Züfle, 56, hat vor 37 Jahren seinen Dienst als Streifenbeamter in Stuttgart angetreten. Der heutige Leitende Kriminaldirektor hat in Afghanistan Polizisten ausgebildet, 2002 war er in Kabul stationiert. Er ist in dieser feuchten Februarnacht wohl der Einzige im Park ohne Schal, Mütze oder Handschuhe. Daran erkennt man ihn von weitem. Sein Kopf glänzt im grellen Scheinwerferschicht, ein dünner Schleier aus Regentropfen hat sich auf seine Haare gelegt. Wer ihn eine Weile beobachtet, gewinnt den Eindruck, dass den Schwaben so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Schon gar kein aufgebrachter Parkschützer.

Bilanz: Ein Schlagstockeinsatz

"Das ist die Monika aus Wertheim", erklärt ihm ein Protestler namens "Bock - wie die Ziege", und deutet auf eine Frau, vielleicht Ende fünfzig, die in einem durchnässten Lammfellmantel auf einem Stück Styropor sitzt und sich gerade eine goldene Wärmefolie um die Beine wickelt. "Die müssen Sie mal kennenlernen, Herr Züfle", sagt Herr Bock und zieht Züfle am Ärmel, "die kommt extra zu jeder Demo". Auf dem Plakat von Monika aus Wertheim steht: "Keine provokative Machtdemonstration." Stumm reicht sie Züfle die Hand. "Wir sind ein ganz hohes, kritisches Potential", erklärt ihre Demonstrations-Nachbarin mit der giftgrünen Kopfbahnhof-Kappe dem Polizeipräsidenten, "Sie sollten das wertschätzen". Züfle nickt, er blickt der Frau ins Gesicht und sagt: "Seien Sie versichert, das tun wir."

Bislang ist nur eine Situation bekannt, bei der Beamte in der Nacht ihre Schlagstöcke eingesetzt haben. Züfle lässt sich die Lage schildern, hakt immer wieder nach. Es soll ein Gerangel gegeben haben, an einem Zaun, die Polizisten wollten auf das Gelände, einige Gegner drängeln ihnen entgegen. "Okay, das kann passieren", sagt Züfle am Ende. Dann wärmt auch er sich kurz in den Katakomben des Hauptbahnhofs, wo Hunderte Beamte mit Tee, Kaffee oder Suppe versorgt werden. Für die Schwaben steht ein Becher mit getrockneten Flädle daneben.

Erst nach 6 Uhr morgens - langsam macht die Dämmerung den Müll, den die Parkschützer im Schlossgarten hinterlassen haben, sichtbar - beginnt die Polizei mit der Räumung des Zeltlagers. "Die Zelte gelten inzwischen als Wohnungen und unterliegen damit einem besonderem Schutz", erklärt Polizeisprecher Stefan Keilbach, "das heißt für uns in diesem Fall: keine Durchsuchung vor 6 Uhr in der Früh."

Ein gutes Dutzend Bahnhofsgegner harrt zu diesem Zeitpunkt noch in den Baumhäusern und Tipis aus. Einige hartgesottene Aktivisten von "Robin Wood" haben sich mit professioneller Bergsteigerausrüstung in den Baumwipfeln angeseilt und warten auf das Sondereinsatzkommando mit der Hebebühne. Müde Polizisten mit Helm und steifer Beinpanzerung klettern über die letzten Barrikaden aus Holzpaletten rund um den Zeltplatz. Die erste Kettensäge ist zu hören, Äste krachen.

Eine Stuttgart-21-Gegnerin wird von zwei Beamten weggetragen, Tränen kullern über ihre Wangen. "Wollen Sie den Rest des Weges alleine laufen?" fragt sie eine junge Polizistin, doch die unterkühlte Frau schüttelt nur stumm den Kopf. Die Beamten seufzen. Von einem Baum ruft ein verwuschelter Demonstrantenkopf: "Hat jemand da unten eine letzte Zigarette für mich?"

Unter einen grünen Plane liegen zwei Vermummte dicht aneinander, sie haben sich zusammen gekettet und ihre Unterarme in einer Plastikröhre tief im Boden einbetoniert. Neben ihnen glüht ein Heizstrahler. Sie sind die letzten Kämpfer dieser Nacht. Und keiner von ihnen kann sich vorwerfen, er hätte nicht bis ganz zum Schluss über den Schlossgarten gewacht.

Mittags werden dann am Südflügel des Hauptbahnhofs die ersten kleineren Bäume gefällt.

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