RAF-Anschlag Ermittler prüfen Stasi-Verwicklung in Herrhausen-Mord

Muss ein Schlüsselkapitel deutscher Geschichte neu geschrieben werden? 18 Jahre nach dem Mord an Alfred Herrhausen gibt es möglicherweise neue Spuren. Laut "Wall Street Journal" halten die Ermittler eine Verstrickung der Stasi in den Anschlag für möglich.

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Hamburg – Unter Verdacht steht eine Spezialeinheit der Stasi, berichtet die US-Zeitung. Die Gruppe habe sich in den achtziger Jahren darauf spezialisiert, Terror-Anschläge im Westen zu planen, um das System zu destabilisieren. Unter anderem habe die Einheit 1982 erfolgreich einen Anschlag auf ein fahrendes Auto geprobt. Das "Journal" beruft sich auf Dokumente aus den Stasi-Archiven und Interviews mit deutschen Sicherheitsexperten und Polizisten.

Tatort in Bad Homburg: Herrhausen-Witwe fordert weitere Ermittlungen

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Die Ermittlungen im Fall Herrhausen seien in den letzten Monaten intensiviert worden, bestätigte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft dem Blatt: "Wir überprüfen alles, inklusive Verbindungen zur Stasi."

Alfred Herrhausen war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl. Als der damals 59-Jährige am 30. November 1989 in seiner Limousine durch Bad Homburg zur Arbeit gefahren wurde, explodierte ein per Lichtschranke gezündeter Sprengsatz. Die Explosion drückte die gepanzerte Wagentür ein und tötete Herrhausen sofort.

Die Ermittler waren vor allem von der technischen Präzision und der ausgeklügelten Vorbereitung der Tat überrascht: Den langen Draht über die Straße hatten die Täter - als Bauarbeiter verkleidet - schon sechs Wochen vor dem Anschlag gelegt. Nach der Tat erklärte sich die RAF in einem Bekennerschreiben für das Attentat verantwortlich. Doch bis heute konnte niemand dingfest gemacht werden.

Terror-Gedankenspiele der Stasi

Bekannt war bisher, dass die DDR mehreren RAF-Terroristen in den achtziger Jahren Unterschlupf gewährt hatte. Laut "Wall Street Journal" könnte das Engagement aber viel weiter gegangen sein. Die Stasi hatte in dem kleinen Ort Wartin nahe der polnischen Grenze eine Sondereinheit stationiert: "Arbeitsgruppe des Ministers/ Sonderfragen" (AGM/S) hieß die Truppe. Dort wurden Spezialagenten für Sabotage- und Terroranschläge auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik ausgebildet.

Nach Erkenntnissen der Gauck-Behörde gingen die Szenarien bis hin zur Sprengung von Atomkraftwerken und der Vergiftung von Trinkwasser für Millionen Westdeutsche. Bis heute gibt es keine gesicherten Erkenntnisse, dass diese Gruppe tatsächlich Verbrechen auf westdeutschem Boden verübte. Laut "Wall Street Journal" überprüfen die Ermittlungsbehörden jetzt jedoch, ob nicht eine Verbindung zu den ungeklärten RAF-Morden besteht. Ehemalige Stasi-Verantwortliche betonten gegenüber dem Blatt, die Gruppe habe keine Mordanschläge im Westen verübt: "Es war alles nur Theorie, keine Praxis."

Nicht nur der Anschlag auf Herrhausen ist unaufgeklärt - bis heute sind auch die Namen der Täter in den Mordfällen an Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts und seinem Fahrer Eckhard Groppler, an dem Diplomaten Gero von Braunmühl, an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder und an dem Rüstungsmanager Ernst Zimmermann nicht bekannt.

Dem Bericht zufolge gehörte zu den Aufgaben der Stasi-Gruppe, "anti-kommunistische Meinungsführer einzuschüchtern". Die empfohlenen Mittel: Liquidierung und Entführung. Das belegen dem Artikel zufolge Dokumente, die in den Stasi-Archiven in Berlin gefunden wurden.

Demzufolge gibt es zwei mögliche Szenarien. Zum Einen könnte die AGM/S RAF-Terroristen direkt ausgebildet, unterstützt und mit Equipment versorgt haben. Wegen der Gefahr aufzufliegen oder die Kontrolle über die Terroristen zu verlieren könnte demnach aber zum Anderen in Frage gekommen sein, die Vorgehensweise der RAF einfach zu kopieren.

Mögliche Hinweise für Kontakte zwischen der AGM/S und der RAF sind dem Bericht zufolge durchaus vorhanden. So habe ein hoher Stasi-Mann aus Wartin 1982 in einem Bericht geschrieben: "Es ist wichtig alle verfügbaren Informationen über die Terroristen-Szene in imperialistischen Ländern zu sammeln, um ihre Ausrüstung, Methoden und Taktiken zu analysieren, damit wir es selbst tun können."

Die Stasi-Terroreinheit wurde 1987 aufgelöst – zwei Jahre vor dem Herrhausen-Anschlag. Eine Verbindung halten deutsche Ermittler laut "Wall Street Journal" dennoch für möglich. Zuvor sei möglicherweise "die Saat für Anschläge in der Zukunft gelegt worden", schreibt die Zeitung.

Traudl Herrhausen, die Witwe des Opfers, fordert dem Bericht zufolge, die Ermittlungen voranzutreiben. Sie habe lange vermutet, dass die Stasi oder der KGB mit dem Mord zu tun gehabt haben könnten - sie habe dies aber bisher nicht gesagt, um sich nicht in die Ermittlungen einzumischen. "Jetzt will ich den Mördern meines Mannes in die Augen sehen", wird sie in der Zeitung zitiert.

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