Offensive des Ensslin-Bruders Das Rätsel der Stammheimer Todesnacht

Wie kam RAF-Gründerin Gudrun Ensslin am 18. Oktober 1977 im Gefängnis zu Tode? Bruder Gottfried Ensslin will endlich wissen, was in jener Nacht in Stuttgart-Stammheim geschah. Er prangert Ungereimtheiten bei der Untersuchung an und hat die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt.

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AP

Berlin - An der Wand des italienischen Restaurants "Vaporetto" an der Spree in Berlin-Mitte hängt ein großes Foto von der Seufzerbrücke und dem berühmten Kerker im Dogenpalast von Venedig. Bei dem Pressegespräch mit Gottfried Ensslin geht es allerdings um ein ganz anderes, viel moderneres Gefängnis: um das in Stuttgart-Stammheim.

Genauer gesagt geht es um die sogenannte "Stammheimer Todesnacht". Gottfried Ensslins ältere Schwester Gudrun, Anführerin der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF), hing vor 35 Jahren tot am Fensterkreuz ihrer Zelle in Stammheim. Ihre Genossen Andreas Baader und Jan-Carl Raspe wurden am Morgen des 18. Oktober 1977 erschossen in ihren Zellen gefunden, Irmgard Möller war durch Messerstiche verletzt und überlebte.

Sofort fragte sich alle Welt: Mord oder Selbstmord? Wie konnten drei Schusswaffen in das angeblich sicherste Gefängnis der Welt gelangen? Wie konnten die drei prominenten Gefangenen zu Tode kommen, ohne dass ihre Bewacher das sofort bemerkten? Wurden die RAF-Kader auch in der Todesnacht über die illegalen Abhöranlagen belauscht? Diese Fragen sind bis heute nicht befriedigend beantwortet.

Ein Sprecher des Justizministeriums Baden-Württemberg erklärte am 18. Oktober 1977, schon bevor der Tod von Ärzten attestiert worden war, dass die RAF-Gefangenen Selbstmord begangen hätten. Ensslins Vater, der Stuttgarter Pfarrer Helmut Ensslin, so erinnert sein Sohn Gottfried, habe damals erklärt: "Ich glaube, es war Mord."

"Ich verlange eine ergebnisoffene Untersuchung"

Der Glaube versetzt vielleicht mitunter Berge, aber er ersetzt nicht die Wahrheitsfindung. Der in Berlin lebende Buchhändler Ensslin hat nun bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart die Neuaufnahme des Todesermittlungsverfahrens zum Ableben seiner Schwester und ihrer beiden Genossen beantragt. "Die Staatsanwälte und Polizisten, die 1977 ermittelten", so Ensslin, "haben nur nach der Bestätigung der Selbstmordhypothese gesucht. Ich verlange endlich eine ergebnisoffene Untersuchung."

Zu diesem Schritt motiviert hat ihn Helge Lehmann. Dieser hat vergangenes Jahr das Buch "Die Todesnacht in Stammheim" veröffentlicht. In fünf Jahren der Recherche konnte er zudem eine beeindruckende Liste von Merkwürdigkeiten zusammentragen, die in dem im April 1978 abgeschlossenen Todesermittlungsverfahren aufgetreten sind, aber nicht geklärt wurden.

Helge Lehmann - von Hause aus IT-Fachmann, der von sich sagt: "Eigentlich war ich ein unpolitischer Mensch" - hat für den Antrag auf Wiederaufnahme 32 Punkte aufgelistet, die seiner Meinung nach untersucht gehören.

Zum Beispiel, was es mit der Aussage von einem der beiden Wachbeamten auf sich hat, die in der Todesnacht den Flügel im 7. Stock zu bewachen hatten, in dem die RAF-Gefangenen inhaftiert waren. Gegen 0.30 Uhr - der Beamte hatte gerade die Nachricht von der erfolgreichen Befreiung der Geiseln in Mogadischu gehört und sich überzeugt, dass im RAF-Trakt alles ruhig war - rief ihn ein Kollege von der Wache und bat ihn, in einer anderen Abteilung auszuhelfen. Er folgte der Aufforderung, obwohl seine Kollegin schlief. Zu dem Zeitpunkt, als die RAF-Kader zu Tode kamen, waren deshalb die Beamten, die sie überwachen sollten, dazu nicht in der Lage. Die Videoüberwachungsanlage war merkwürdigerweise in der Todesnacht ebenfalls ausgefallen.

Auf die Frage, ob sie eine Hypothese oder Vermutung haben, wie die drei RAF-Mitglieder zu Tode gekommen sind, antworten Ensslin und Lehmann unisono mit "Nein!". In den Reihen der ehemaligen Mitglieder der Terrorgruppe, die sich 1998 offiziell aufgelöst hatte, gibt es sowohl Vertreter der Selbstmord-, wie auch der Mordhypothese.

Irmgard Möller hat mehrmals erklärt, dass sie von Unbekannten im Schlaf attackiert worden sei. Der Angriff auf die RAF-Gefangenen sei sicher in der Nato abgestimmt gewesen.

Zumindest zehn ehemalige RAF-Mitglieder gehen hingegen von Suizid aus. Sie wussten teils um Kassiber der "Stammheimer", in denen diese mit Selbstmord drohten. Andere erlebten, wie Brigitte Mohnhaupt wenige Stunden nach dem Bekanntwerden des Todes der RAF-Gründer in einem Quartier in Bagdad aus der Haut fuhr. "Könnt ihr sie euch nur als Opfer vorstellen? Sie haben ihr Schicksal bis zuletzt selbst bestimmt."

Alle Akten sollten freigegeben werden

Gudrun Ensslin hatte in Stammheim ein Exemplar eines Theaterstückes von Bertolt Brecht mit dem Titel "Die Maßnahme". Darin waren die Zeilen unterstrichen: "Furchtbar ist es, zu töten, aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es Not tut, da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu verändern ist, wie jeder Lebende weiß."

Das ist natürlich nicht mal ein Indiz. Nach wie vor sind die unterschiedlichen Versionen der Todesnacht in Stammheim eher vage Spekulation als solide Beweisführung. Umso wichtiger wäre eine "ebenso gründliche wie unvoreingenommene Untersuchung", die in dem Pressegespräch auch die Bundestagsabgeordnete der Linken, Ulla Jelpke, forderte.

Wie schwierig die Wahrheitsfindung über ungeklärte Kapitel in der Geschichte der RAF ist, hat gerade der Prozess gegen Verena Becker gezeigt. Trotz eindreiviertel Jahren Prozess blieb die Frage, welches RAF-Mitglied den Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschoss, ein schwarzes Loch der Geschichte.

Hätten ermittlungswillige Staatsanwälte eine Chance, die Wahrheit über die Stammheimer Todesnacht zu finden oder wenigstens ein paar alte Ungereimtheiten zu erklären? "Vielleicht gibt es inzwischen eine neue Generation von Juristen", hofft Ensslin, "die sich kritisch dem damaligen staatlichen Handeln nähert."

Der Bruder der Terroristin formuliert schließlich eine Forderung, die auch schon Michael Buback, Corinna Ponto und andere Angehörige von RAF-Opfern erhoben haben. Die Freigabe aller Akten, die zur Aufklärung des RAF-Komplexes beitragen könnten. Wenigstens das sollte endlich geschehen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
Highfreq 19.10.2012
1. Durch die Offenlegung....
...aller Akten, würde der deutsche Rechtsstaat in Frage gestellt und somit das ganze System. Nach den Erfahrungen des NSU Spektakels, würde es mich nicht wundern, wenn wichtige Akten, 30 Jahre danach, plötzlich wie von Geisterhand geschreddert würden weil die Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist.
der.letzte.dodo 19.10.2012
2. Das Buch will verkauft werden
Zitat von sysopdapdWie kam RAF-Gründerin Gudrun Ensslin am 18. Oktober 1977 im Gefängnis zu Tode? Bruder Gottfried Ensslin will endlich wissen, was in jener Nacht in Stuttgart-Stammheim geschah. Er prangert Ungereimtheiten bei der Untersuchung an und hat die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. RAF in Stammheim: Bruder will Tod von Gudrun Ensslin 1977 klären - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/raf-in-stammheim-bruder-will-tod-von-gudrun-ensslin-1977-klaeren-a-862180.html)
Dazu braucht man vorher a bisserl Tamtam
cs01 19.10.2012
3. optional
Hier soll also kräftig weiter am heldenmythos gestrickt werden. Die linken an dem der RAF-Mitglieder und Buback an dem seines vaters. Nur die gewöhnlichen Menschen, die die RAF ermordert hat, um die kümmert sich kein Schwein mehr. Was Not täte, wäre eine ehrliche Beichte aller noch lebenden RAF Terroristen, meines wegen auch gegen Zusicherung von Straffreiheit für alles, was noch nicht angeklagt wurde.
JerryFletcher 19.10.2012
4. Kaltblütige...
Kaltblütige Mörder haben Selbstmord begangen. Mit Waffen, die ihnen die Anwälte ins Gefängnis geschmuggelt haben. Hätte man die Selbsmorde verhindern können (Abhören...)? Evtl. ja. Wollte oder sollte man das? Eher Nein! Diese Rand- und Witzfiguren der Geschichte, die so viele Menschen unglücklich gemacht haben, so viele unschuldige Menschen getötet, verstümmelt und verletzt haben, sollte man endlich vergessen.
somasemapsyches 19.10.2012
5. Wen interessierts?
Zitat von sysopdapdWie kam RAF-Gründerin Gudrun Ensslin am 18. Oktober 1977 im Gefängnis zu Tode? Bruder Gottfried Ensslin will endlich wissen, was in jener Nacht in Stuttgart-Stammheim geschah. Er prangert Ungereimtheiten bei der Untersuchung an und hat die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. RAF in Stammheim: Bruder will Tod von Gudrun Ensslin 1977 klären - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/raf-in-stammheim-bruder-will-tod-von-gudrun-ensslin-1977-klaeren-a-862180.html)
Die hatten einige Menschenleben auf dem Gewissen. Und jetzt soll man wegen denen noch groß rumuntersuchen? Interessiert mich nicht.
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