RAF-Prozess Buback-Zeugin verstrickt sich in Widersprüche

Im Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche.


Stuttgart - Große Hoffnungen hatte die Nebenklage im Prozess gegen die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker auf eine 65-jährige Rentnerin gesetzt. Die Augenzeugin sollte am Donnerstag im Oberlandesgericht Stuttgart bestätigen, dass eine Frau am 7. April 1977 vom Motorrad aus Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen hat. Doch sie verwickelte sich bei ihrer Aussage vor dem Oberlandesgericht Stuttgart mehrfach in Widersprüche.

Bundesanwalt Walter Hemberger sagte, die Aussage der Frau sei durch Nachfragen "zerlegt" worden und habe sich als "unhaltbar erwiesen". Die Bundesanwaltschaft warf der Zeugin vor, "teilweise gelogen" und "die Unwahrheit gesagt" zu haben. Auch Verteidiger Walter Venedey war der Ansicht, die Aussage habe "evidente Schwächen" offenbart. Am Ende beantragte die Bundesanwaltschaft, der Senat möge sich bei seiner Entscheidung nicht auf die Aussage der Frau stützen, weil diese offensichtlich unwahr sei.

Die Frau, die das Tatgeschehen von ihrem Dienstgebäude aus rund 50 Metern Entfernung beobachtet hatte, hatte sich in ihrer Vernehmung am Tattag noch zurückhaltend über die Personen auf dem Tatmotorrad geäußert, von dem aus die tödlichen Schüsse auf Buback und seine beiden Begleiter abgegeben wurden. Laut Protokoll ihrer ersten Vernehmung hatte die heute 65-Jährige damals von ihrem Bürofenster aus noch ziemlich genau das beobachtet, was die meisten anderen Zeugen auch sahen.

Doch nun - 33 Jahre später - bezeichnete sie das Protokoll als falsch und den Inhalt als "Schwachsinn". Sie sei der Überzeugung, dass die Person auf dem Soziussitz eine "zierliche Person", kleiner als 1,75 Meter und "von der Körperform her eine Frau" gewesen sein könne. Außerdem sei die Person "einen Kopf kleiner als der Fahrer" gewesen. Dass es sich bei dem Schützen auf dem Motorrad um eine Frau handelte, machte die Zeugin an der Größe - berechnet nach Länge des Oberschenkels - fest. Außerdem sei die Person sehr beweglich gewesen, fast wie ein Zirkusartist. Das Gesicht habe sie aber nicht sehen können.

Als die Zeugin auch bei anderen Beobachtungen frühere Angaben korrigierte und auf Widersprüche hingewiesen wurde, antwortete sie mehrfach: "Dann habe ich mich halt getäuscht." Am Ende ihrer mehr als zweistündigen Vernehmung sagte sie genervt, hier werde versucht, sie irrezuführen und ihr "die Unwahrheit nachzuweisen". Verteidiger Hans Wolfgang Euler fragte die Zeugin: "Könnte es sein, dass Sie die Sachen, die Sie hier erzählt haben, geträumt haben?"

In früheren RAF-Prozessen zum Buback-Mord war die Frau nicht als Zeugin geladen worden. Sie hatte sich dann aber im Dezember 2008 an Michael Buback gewandt. Er ist als Nebenkläger der Auffassung, dass Becker die Todesschützin war, während es dafür aus Sicht der Bundesanwaltschaft keine hinreichenden Anhaltspunkte gibt. Die Bundesanwaltschaft hält Becker lediglich für eine Mittäterin.

Vor der Aussage der Zeugin hatte Buback angekündigt, einen zusätzlichen, gänzlich neuen Zeugen laden zu lassen. Dieser habe während des Attentats in Karlsruhe an der Ampel einer Querstraße gewartet und bekundet, auf dem Motorrad der RAF-Terroristen ganz klar eine Frau erkannt zu haben. Der neue Zeuge sei noch nie vernommen worden. Buback sagte, er selbst habe auch erst vor zwei Wochen von dem Mann erfahren. Die Bundesanwaltschaft äußerte Zweifel: Wie könne es sein, dass sich ein so wichtiger Zeuge erst nach Jahrzehnten melde?

Der Prozess wird am 18. November fortgesetzt.

ulz/dapd/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
karmamarga 12.11.2010
1. Ich halte Herrn Prof. Buback für eine tragische Person
Zitat von sysopIm Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728697,00.html
der meint, mit Diagrammen an der Tafel das Verbrechen an seinem Vater aufklären zu können. Wahrscheinlich nehmen die wirklich Wissenden das mit ins Grab oder sind bereits tot. Und dann gibt es so vieles, was ganz rechtsstaatlich passiert und nie gesühnt wird in dieser Republik, die ebenso wie die Terroristen ein grundsätzliches Problem mit dem Rechtsstaat hat. Wir lösen das oder lösen uns auf: wahrhaftiger Umgang miteinander oder am Ende ein komplettes Aufreiben im Gegeneinander. Hoffen wir auf eine langsame Wende der Vernunft zu letzterem.
wolf-wolf 12.11.2010
2. Ich möchte kein Recht haben aber.......
Zitat von sysopIm Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728697,00.html
[QUOTE=sysop;6601772]Im Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche. Mord ist immer Mord egal wer wem ermordet hat. Na ja, hier möchte ich eigentlich zeigen wie behandelt man einem Mörder der jemanden aus der Kreis der „Macht“ ermordet hat, der kommt fast nie vorzeitig frei und einen der hat jemanden aus dem Kreis einfachen Volk ermordet.
kjartan75 12.11.2010
3.
Zitat von sysopIm Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728697,00.html
Ich glaube wirklich langsam, dass Buback sich da in etwas verrennt. Und dass jetzt auf einmal ein komplett neuer Zeuge nach so langer Zeit sich jetzt erst meldet...na, ein bisschen merkwürdig mutet das schon an. Aber es dürfte interessant sein, zu hören, was der neue Zeuge, der jetzt auf einmal seine Erinnerungen preisgeben möchte, zu erzählen hat.
glaubblosnix 12.11.2010
4. Hoppla,
Zitat von sysopIm Prozess gegen die frühere RAF-Terroristin Verena Becker hat Nebenkläger Michael Buback einen Rückschlag erlitten. Eine für ihn zentrale Zeugin korrigierte zahlreiche ihrer früheren Angaben und verwickelte sich mehrfach in Widersprüche. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728697,00.html
das ist immerhin 33 Jahre. Da kann man sich nicht mehr an Details erinnern und natürlich verändern sich Erinnerungen durch Träume, Hörensagen, Medien, Gespräche etc. Wenn man bedenkt das sich Politiker an manche Entscheidungen und Spendenkonten bereits nach einem Jahr nicht mehr erinnern können, sollte man diese Rentnerin nicht unbedingt als Lügnerin bezeichnen. Wer sich hier langsam unglaubwürdig macht ist Herr Buback mit seiner ständigen Präsenz in den Medien und angeblichen Beweisen und Zeugen.
DJ Doena 12.11.2010
5. nicht überraschend
Hier würde ich gar nicht mal auf Böswilligkeit vermuten, sondern einfach auf Vergesslichkeit. Das ist ja nun alles schon 2-3 Wochen her und da fangen die Erinnerungen einfach an, zu verschwimmen.
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