Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

RAF-Terror: Politiker wollen Mordfall Buback neu aufrollen

Wurden im Mordfall Buback Hinweise ignoriert, ein Fehlurteil gesprochen? Nach SPIEGEL-Informationen haben Ex-Terroristen schon vor Jahren Knut Folkerts entlastet, der als möglicher Schütze galt. Geschossen habe Stefan Wisniewski. Politiker fordern nun, den Fall neu aufzurollen.

Berlin - Gut 30 Jahre nach dem RAF-Mord am damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 in Karlsruhe muss der Fall nach Ansicht führender Politiker von Koalition und Opposition neu aufgerollt werden. Nach SPIEGEL-Informationen hatte das Bundeskriminalamt (BKA) schon seit 1990 ernstzunehmende Hinweise darauf, dass der 1980 wegen des Buback-Mordes zu lebenslanger Haft verurteilte Knut Folkerts sich am Tattag nicht in Deutschland aufgehalten hat.

Anschlag auf Siegfried Buback und Begleiter: Informationen zurückgehalten?
DPA

Anschlag auf Siegfried Buback und Begleiter: Informationen zurückgehalten?

"Wenn Behörden seit Jahren über genaue Tathergänge Bescheid wussten, diese aber nicht der Justiz zur Verfügung gestellt haben sollten, würde das eine juristische und politische Aufarbeitung erforderlich machen", sagte FDP-Chef Guido Westerwelle.

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) sagte, die "neuen Informationen müssen Anlass dazu sein, den gesamten Fall neu zu untersuchen". Er forderte eine eingehende Untersuchung, in der drei Fragen geklärt werden müssten: "Erstens müssen wir prüfen, ob die Informationen zutreffend sind. Zweitens, warum diese nicht in das Verfahren eingebracht wurden. Und drittens ist zu klären, wer die Informationen aus welchen Gründen zurückgehalten hat."

Grünen-Fraktionsvize Christian Ströbele betonte, wenn "die Justiz damals tatsächlich von den entlastenden Aussagen wusste, hat sie unverantwortlich gehandelt". Dann seien damals "Menschen für etwas angeklagt und verurteilt worden, obwohl Beweise gegen deren Tatbeteiligung vorlagen". Dies müsse auch heute noch Konsequenzen haben.

Im Fall Buback hat das Oberlandesgerichts Stuttgart 1985 festgestellt: Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg waren unmittelbar beteiligt am Attentat auf den Generalbundesanwalt und seine beiden Begleiter. Wer welche Rolle spielte, wer schoss und wer das Motorrad fuhr, von dem aus geschossen wurde, blieb damals unklar.

Jetzt, drei Jahrzehnte nach diesen Morden, steht die Tat vor der Aufklärung: Christian Klar, der noch immer im Gefängnis sitzt und ein Gnadengesuch an Bundespräsident Köhler geschickt hat, war nach Darstellung ehemaliger RAF-Mitgliedern nicht der Todesschütze von Karlsruhe. Auch der ebenfalls wegen Tatbeteiligung am Buback-Mord verurteilte Knut Folkerts habe nicht geschossen, weil der zum Zeitpunkt des Attentats in den Niederlanden gewesen sei.

Nach Informationen des SPIEGEL sagte die ehemalige RAF-Angehörige Verena Becker schon vor mehr als 20 Jahren aus, dass die Ereignisse am 7. April 1977 nicht so gewesen sein können wie das Gericht annahm.

Becker nannte dem Verfassungsschutz damals den Namen des Schützen: Stefan Wisniewski. Der habe vom Soziussitz des Motorrads die tödlichen Schüsse auf Buback und seine Begleiter abgegeben. Laut Becker fuhr Günter Sonnenberg das Tat-Motorrad, Christian Klar habe im Fluchtauto, einem Alfa Romeo, auf die Täter gewartet. Auch der ehemalige RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock sagte dem SPIEGEL, nach seinen Kenntnissen habe Wisniewski geschossen, Sonnenberg habe das Motorrad gelenkt. Über die Tatbeteiligung Klars sei er nicht informiert.

Bestätigt werden die Aussagen durch Vernehmungsprotokolle der früheren RAF-Angehörigen Silke Maier-Witt, die dem SPIEGEL vorliegen. Die Frau war 1980 in der DDR untergetaucht und erst nach dem Zusammenbruch der DDR 1990 enttarnt worden. Vor 17 Jahren gab sie zu Protokoll, Knut Folkerts habe sich am Tag des Buback-Anschlags in Amsterdam aufgehalten.

Michael Buback, Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, bestätigte, dass die Bundesanwaltschaft ihn als als Zeugen vorgeladen habe. Ex-Terrorist Boock habe ihn über seine Kenntnisse unterrichtet. Buback sagte, er glaube zu wissen, wer wirklich am Mord an seinem Vater beteiligt war. Diese Schlussfolgerungen beruhten auf bereits länger bekannten Erkenntnissen, die er offensichtlich aber anders bewerte, als dies bisher von offizieller Seite geschehen sei.

Von den 22 Gewalttaten der dritten RAF-Generation (1984-1998) sind bisher nur zwei aufgeklärt. Das Bundeskriminalamt ermittelt noch in etwa zwanzig Tatkomplexen. Von sieben Tätern fehlt bislang jede Spur, gefahndet wird unter anderem nach Daniela Klette, Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Friederike Krabbe.

Insgesamt brachte die RAF mindestens 33 Menschen um - darunter mehrere Polizisten, Personenschützer und Zöllner. Unter den Fällen, bei denen die Ermittler noch im Ungewissen stochern, sind gleich mehrere prominente Opfer:

Der Ministerialdirektor des Auswärtigen Amts, Gero von Braunmühl, wurde am 10. Oktober 1986 in Bonn-Ippendorf vor seiner Wohnung erschossen - wer die Schüsse abfeuerte, wissen die Ermittler bis heute nicht. Der Name des Mörders von MTU-Vorstandschefs Ernst Zimmermann ist bis heute nicht bekannt. Wer Deutsche Bank-Sprecher Alfred Herrhausen am 30. November 1989 in seiner Limousine in die Luft sprengte, haben die Ermittler auch über 17 Jahre nach der Tat nicht herausfinden können. 1999 wurde Andrea Klump im Zusammenhang mit dem Mord an Herrhausen festgenommen, das Verfahren gegen sie inzwischen mangels Beweisen eingestellt. Wer Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts im Juli 1986 ermordete, ist nicht bekannt.

Und auch wer 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer erschoss, ist nicht geklärt. Sicher ist nur: Unter anderem an der Tat beteiligt waren Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Peter Jürgen Boock und Rolf Clemens Wagner. Der freigelassene Boock behauptet zu wissen, wer der Mörder ist, will diese Information aber nicht herausgeben.

Ein Verdächtiger, der Detlev Karsten Rohwedder, Chef der Deutschen Treuhand am 1. April 1991 von einem Schrebergarten aus niederstreckte, wurde erst zehn Jahre später gefunden. Am Tatort wurde ein Handtuch gefunden, darauf ein Haar entdeckt, das RAF-Terrorist Wolfgang Grams gehören soll. Grams allerdings starb schon 1993, bei einer Festnahmeaktion in Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern. Wie genau Grams ums Leben kam, ist ungewiss - laut Untersuchungsbericht beging Grams Selbstmord, nachdem er einen Polizisten erschossen hatte.

anr/cvo/kaz/ddp/AP

Diesen Artikel...
Forum - Ex-RAF-Terroristen - zurück zur normalen Existenz?
insgesamt 1442 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. KEINE Plattform zur Selbstdarstellung geben.
C.Jung 28.03.2007
Jedenfalls sollte Leuten, die keinerlei selbstkritisches Verhältnis haben zu ihren Morden und dem Leid, das sie anderen zugefügt haben, KEINERLEI Plattform zur Selbstdarstellung und -rechtfertigung gegeben werden!
2. Fahndungseinstellung?
charcharinus, 28.03.2007
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Da wird diskutiert, ob die Fahndung der bisher noch nicht festgenommenen RAF-Mitglieder der 3. Generation, die vor noch nicht einmal 8 Jahren ihren letzten Überfall begangen haben, eingestellt werden soll! Und jetzt die Resozialisierung der RAF oder deren Mitglieder der 1. und 2. Generation? Das beißt sich doch! Da wird mit zweierlei Recht Maß genommen. Die normalen Mitbürger, die, warum auch immer, einen Menschen totgeschlagen haben, werden zu lebenslänglich verurteilt und je nach dem, ob feminin oder maskulin, früher oder später wieder rausgelassenö Die RAF, also die gegen den Staat und die Kapitalisten und die Kapitalistenknechte (eigentlich jeder Normalo, der Geld verdienen muß um etwas zu knabbern zu haben) gemordet haben; da wird die Abgeltungsdauer für einen Mord mal schnell auf 3 Jahre verkürzt. Ich weiß nicht, irgendwie kommt mir das "spanisch" vor!
3.
Andreas Heil, 28.03.2007
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Felix Ensslin hat in einem großartigen Artikel in der ZEIT Überlegungen angestellt, die übliche Geplänkel hinausgehen: ... Es ist die Geschichte einer Wiederkehr des Politischen – in der gespenstischen Anwesenheit einer anderen Welt ... ... Nicht Straftaten machen den Terroristen zum Terroristen – und zum Gegenstand rechtsstaatlicher Maßnahmen –, sondern Gedanken, die zur bestehenden Ordnung eine Alternative erträumen ... ... Denn es ist ein Grundgedanke des Konservatismus, dass die Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, der Anfang allen Übels ist und in letzter Konsequenz also auch der Nährboden für Terrorismus ... ... Vielleicht erklärt das die Aufregung der vergangenen Monate: Unter all den Hülsen und populistischen Einlassungen ist ein Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei der Debatte um die Begnadigung eines Terroristen um eine traumatische Wiederkehr des Politischen selbst handelt. Der Akt der Gnade, so er vollzogen würde, verwiese in sich selbst schon darauf, dass die Welt, so wie sie ist, nicht die einzig denkbare – vielleicht sogar nicht die wirklich wünschenswerte – ist. Die doppelte Verdrängung (http://www.zeit.de/2007/13/RAF-Staatsverstaendnis)
4.
LucasF, 28.03.2007
"Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?" Mit äußerster Härte. Wenn man bedenkt, wie die Betroffenen leiden, geht es den ehemaligen Mitgliedern dieser Organisation viel zu gut.
5. Warum nicht?
kräuterhexe, 28.03.2007
Man sollte sie in der Alten-oder Behindertenbetreung oder Strassenkinderbetreuung etc. arbeiten lassen.....Dann können die mir was erzählen über ihre komischen Ansichten über ihren komischen Klassenkampf.an könnte sie nützlich machen.....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Ungeklärte RAF-Morde: Stochern im Nebel

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: