Rasierter Arbeitsloser Henrico, das Beck-Gespenst

SPD-Chef Beck hat acht Jobs für den arbeitslosen Henrico Frank gefunden. Doch der zeigt sich nicht dankbar, sondern schwingt sich zum Anwalt aller Arbeitslosen auf. Wird der Hartz-IV-Empfänger zum Schreckgespenst für den rheinland-pfälzischen Regierungschef?

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Berlin - Für Kurt Beck ist die Sache erledigt. Zwei Mitarbeiter der Staatskanzlei hätten dem arbeitslosen Henrico Frank heute acht Job-Angebote zugestellt, teilte Becks Regierungssprecher am Montag mit. Es handele sich um konkrete Angebote von seriösen Firmen aus Hessen und Rheinland-Pfalz. "Damit ist die Zusage des Ministerpräsidenten erfüllt", hieß es in einer knappen schriftlichen Erklärung. "Kurt Beck bedankt sich bei den hilfsbereiten Unternehmen und hofft, dass Henrico Frank so einen Weg aus der Arbeitslosigkeit findet."

Der arbeitslose Henrico Frank mit seiner Sprecherin Brigitte Vallenthin: Acht Jobangebote von SPD-Chef Beck
DDP

Der arbeitslose Henrico Frank mit seiner Sprecherin Brigitte Vallenthin: Acht Jobangebote von SPD-Chef Beck

Eigentlich hatte der rheinland-pfälzische Ministerpräsident und SPD-Chef die Angebote dem frisch rasierten und frisierten Frank persönlich vorlegen wollen. Aber Frank hatte das für Dienstag angebotene Treffen in der Staatskanzlei abgesagt. Der Grund: Beck hatte den Termin öffentlich verkündet, ohne Frank vorher zu fragen. Dies empfand der 37-Jährige als Herablassung und schob seinerseits Terminnot vor.

Nach Darstellung der Staatskanzlei schlug Frank auch einen Ausweichtermin aus. Daraufhin seien die Mitarbeiter zu ihm gegangen. Da Frank nicht zu Hause gewesen sei, hätten sie den Umschlag mit den Angeboten in den Briefkasten geworfen. Beck selbst hielt sich heute in Oslo auf.

Der Ministerpräsident und seine Berater waren zufrieden. Aus einer politisch ziemlich unkorrekten Äußerung des SPD-Chefs ("Waschen und rasieren Sie sich, dann haben Sie in drei Wochen einen Job") wurde das Vorweihnachtsmärchen vom armen Schlucker Henrico und dem Wohltäter Kurt. Ein Lehrstück in Sachen Krisen-PR.

Doch verschiedene Arbeitslosen-Initiativen wollen das Rampenlicht nutzen und aus dem Einzelfall eine Grundsatzdebatte über das Schicksal der Arbeitslosen machen. So hat sich inzwischen das Erwerbslosenforum Deutschland mit Sitz in Bonn des Falls angenommen. "Wir sind seit Samstag dabei", wie Sprecher Martin Behrsing es ausdrückt. Für den 2. Januar kündigte die Interessenvertretung eine große Frisier-Aktion vor der Mainzer Staatskanzlei an. Behrsing hofft, dass er die Profis der Mainzer Friseur-Innung für Haarschnitte und Nassrasur gewinnen kann.

400 Arbeitslose, vornehmlich aus der Umgebung, werden erwartet. "Aber wir mobilisieren auch im Raum Köln-Bonn-Düsseldorf", sagt Behrsing. Er habe schon über ein Dutzend Bewerbungen auf dem Tisch liegen, mit der Bitte, sie an Beck weiterzuleiten. Ein 54-jähriger Elektrikermeister wolle unbedingt persönlich kommen und sich Beck vorstellen. Er habe geschrieben, dass er sehr auf sein Äußeres achte, aber trotzdem keinen Job bekomme.

Schöne Aussichten für Kurt Beck also. Henrico Frank, der ihm laut SPD-Drehbuch zu Dank verpflichtet sein sollte, ist nicht nur frisch rasiert und frisiert, sondern auch gut organisiert.

Binnen weniger Tage hat er sich vom pöbelnden Arbeitslosen zum Medienprofi gemausert. Quer durch die Republik werden für ihn Presseerklärungen an die Redaktionen geschickt.

"Brigitte Vallenthin hat inzwischen auch das persönliche Management für Henrico Frank übernommen. Alle Kontakte zu ihm können ab sofort nur noch und ausschließlich über sie erfolgen", heißt es in schönstem PR-Deutsch in einem Schreiben. "Für Interview- und Bild-Wünsche" werden Telefonnummer und E-mail-Adresse genannt. Ein Arbeitsloser mit eigenem Pressestab: Es wirkt wie ein Witz.

Die gelernte Journalistin Vallenthin verschickt die Pressemitteilungen aus ihrem Wohnzimmer in der Nähe von Wiesbaden. Sie engagiert sich ehrenamtlich als Vorsitzende der Wiesbadener "Hartz-IV-Plattform", einer Betroffenengruppe mit rund 30 Mitgliedern, in deren Vorstand auch Frank sitzt. Ihre Rundschreiben versieht sie gern mit dem Wort "Eilmeldung" - es ist eine Kategorie, die Nachrichtenagenturen benutzen, um besonders dringliche Nachrichten zu kennzeichnen. "Raketenangriff auf Abbas' Büro in Gaza", brachte etwa AFP gestern als Eilmeldung.

Für die Sprecherin von Henrico Frank reicht schon weniger, um zur ganz großen Nachricht auszuholen: "Eilmeldung und Einladung zur Pressekonferenz: Henrico Frank nach Gespräch mit dem Beauftragten des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Kneift Beck?", hieß es in der heutigen Erklärung.

Die Pressekonferenz am Nachmittag hatte dann eher improvisierten Charakter: Deutschlands bekanntester Arbeitsloser steht vor einem Mehrfamilienhaus in Wiesbadens Stadtteil Dotzheim, Kameraleute drängen sich um ihn. Der Mann, der vergangenen Dienstag auf dem Wiesbadener Sternschnuppenmarkt den SPD-Chef beschimpfte und ihn für Hartz IV verantwortlich machte, sagt kein Wort. Meistens schaut er schüchtern in die Runde, manchmal haftet sein Blick auf dem Boden. Er bleibt knappe fünf Minuten vor der Tür, dann geht er zurück in das Haus.

Stattdessen führt wieder einmal Vallenthin das Wort. Frank habe den Termin mit Beck am Dienstag abgesagt, weil zur gleichen Zeit bereits ein Treffen mit der katholischen und evangelischen Kirche angesetzt war, erklärt sie. Ob Frank denn damit nicht eine große Chance verpasse, will ein Journalist wissen. Vallenthin wiederholt, was sie zuvor bereits in Interviews gesagt hatte: Frank gehe es nicht allein um sich, sondern um eine Verbesserung für alle Hartz-IV-Empfänger. Auch bestehe er darauf, dass Beck nicht ihn allein, sondern die "Hartz-IV-Plattform" zum Gespräch empfange.

"Die Staatskanzlei lehnt es ab, mit uns zu kommunizieren. Darauf werden wir aber bestehen", sagte Vallenthin SPIEGEL ONLINE. An einem Treffen mit Beck sei man weiterhin interessiert - auch Anfang nächsten Jahres. Es sei jetzt keine Sache mehr zwischen Frank und Beck, sondern ein "Machtspiel mit der Politik". Aus der Mainzer Staatskanzlei und der SPD-Pressestelle war dazu keine Reaktion zu erhalten.

Mitarbeit: Marco Plein



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