Rassismus-Debatte "Selbst die Polizei hat mancherorts aufgegeben"

"Erschütternden Alltagsrassismus" hat Ex-Regierungssprecher Heye in der Debatte über No-Go-Areas in Ostdeutschland ausgemacht. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview schildert er die Reaktionen - und warnt: Aus verkorksten Schulkarrieren entstünden "gefährliche Gegengalaxien".


SPIEGEL ONLINE: Nach einer Interview-Äußerung von Ihnen debattiert die Republik über "No Go"-Zonen in Ostdeutschland für ausländisch aussehende Menschen. Auch die internationale Presse berichtet darüber. Haben Sie mit dieser Resonanz gerechnet?

Uwe-Karsten Heye: "Ich habe nichts zurückzunehmen"
MARCO-URBAN.DE

Uwe-Karsten Heye: "Ich habe nichts zurückzunehmen"

Uwe-Karsten Heye: Nein, ich war völlig überrascht. Es ist so, als hätte ich den Pfropf aus einer Flasche gezogen. Bei meiner Initiative "Gesicht zeigen!" und bei mir sind hunderte E-Mails und Anrufe angekommen, darunter viele erschütternde Zeugnisse des Alltagsrassismus. Das bestätigt, dass ich nichts zurückzunehmen habe. Es gibt Bahnhofsvorplätze nicht nur, aber vor allem in Ostdeutschland, die ein ausländisch aussehender Mensch besser meidet, weil er rechtsradikale Gewalt zu erwarten hätte.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Protest der brandenburgischen Landesregierung hatten Sie Ihre eigene Aussage relativiert. Bereuen Sie das?

Heye: Ich hatte nur eines zu korrigieren: Durch die verkürzte Wiedergabe des Interviews im Deutschlandradio Kultur war der Eindruck entstanden, ich hätte eine Reisewarnung für Brandenburg ausgegeben. Das war nicht der Fall. Mir ging es vor allem darum, gegen die Bagatellisierung solcher Vorfälle zu argumentieren und einen größeren Widerstand der Zivilgesellschaft gegen den weit verbreiteten Rechtsradikalismus einzufordern. Deutschland hat sich bereits einmal in der Geschichte im Wegschauen besonders hervorgetan - mit fatalen Folgen. Das darf nicht wieder passieren. Schon jetzt verdunkelt die große Minderheit der Rechtsradikalen das Bild Deutschlands im Ausland, das habe ich als Generalkonsul in New York hinreichend erfahren.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden heftig angegriffen, dabei haben Sie nur auf lange bekannte Tatsachen hingewiesen. Wie erklären Sie sich die Empörung?

Heye: Das hat mit der WM zu tun. "Zu Gast bei Freunden", das Versprechen muss man einlösen. Alles, was dieser Parole zu widersprechen scheint, wird erstmal zurückgewiesen. Dahinter stecken natürlich große ökonomische Interessen. Es gibt eine unterschwellige Angst: Was passiert, wenn was passiert? Werden Touristen abgeschreckt, entgehen uns Einnahmen? Ich halte diesen Gedankengang für völlig falsch. Nur Klarheit hilft. Wir alle müssen mitwirken, dass dieses demokratische Deutschland nicht durch eine Minderheit gefährdet wird.

SPIEGEL ONLINE: Der Afrikarat will eine Landkarte mit den No-Go-Areas in Ostdeutschland herausgeben. Was halten Sie davon?

Heye: Es ist das gute Recht des Afrikarats. Im übrigen bezieht er sich dabei auf Daten des Verfassungsschutzes. Ich persönlich halte nichts davon, das als Landkarte in der Zeitung abzudrucken, nach dem Motto: Hier verlassen Sie den demokratischen Sektor. So würde man die Neonazis mit ihrer Idee von "national befreiten Zonen" bestärken. Es reicht, wenn man ausländischen Touristen rät, in sicheren Stadtteilen Berlins und Leipzigs zu bleiben. Am Freitag treffe ich mich mit Vertretern des Afrikarats und dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, um weitere Schritte zu beraten.

SPIEGEL ONLINE: Kritiker werfen Ihnen die Stigmatisierung Ostdeutschlands vor.

Heye: Nicht ich stigmatisiere Ostdeutschland, sondern die rechtsradikalen Gewalttäter. Laut Statistik gibt es im Verhältnis zur Einwohnerzahl erheblich mehr rechtsradikale Übergriffe im Osten als im Westen, und das hat auch mit der DDR-Vergangenheit zu tun. Im antifaschistischen Staat durfte es per Definition keinen Faschismus geben. Gerade deshalb gab es ihn doch. Als ich Ende der achtziger Jahre als Journalist für "Kennzeichen D" in der DDR recherchierte, hatte ich weinende SED-Mütter vor mir, die nicht begriffen, warum ihre Kinder nach rechts abgedriftet waren. Das war anfangs vielleicht eine Protestgeste: Was konnte in der DDR mehr ärgern als das Hakenkreuz? Später wurde es mehr, die Haltung verfestigte sich. Die Kinder von damals sitzen jetzt als Eltern am Abendbrottisch.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man zwei Deutschlandkarten, eine mit der Verteilung der Hartz-IV-Empfänger und eine mit der Verteilung fremdenfeindlicher Angriffe, übereinander legt, dann sind sie ziemlich deckungsgleich. Kann man sagen: Wenn es den Deutschen schlechter geht, werden sie rechtsradikal?

Heye: Nein, es ist nicht ausschließlich eine Frage der Benachteiligung. Die Täter kommen aus unterschiedlichen Milieus. Aber wir müssen überlegen, ob wir es uns leisten können, zehn bis fünfzehn Prozent eines Jahrgangs ohne Abschluss von der Schule zu entlassen. Dass wir das normal finden, halte ich für einen der großen Skandale dieser Republik. Es kann nicht sein, dass wir von 650.000 Schülern eines Jahrgangs 65.000 oder mehr in Hartz-IV-Karrieren schicken. So entstehen gefährliche Gegengalaxien.

SPIEGEL ONLINE: In gewisser Weise erinnert das an die Rütli-Debatte vor einigen Wochen. Sehen Sie Parallelen?

Heye: Die Gemeinsamkeit, die ich sehe, ist das Desinteresse der deutschen Mehrheitsgesellschaft an der Lebenswirklichkeit der ausländischen Mitbürger. Seit der Wende gab es über 130 Todesopfer rechtsradikaler Gewalt. Was meinen Sie, was los wäre, wenn die an der Vogelgrippe gestorben wären? Ausländerfeindlichkeit und Gewalt gegenüber Andersdenkenden nimmt die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht als Gefahr wahr, daher belastet es sie auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Diese Gleichgültigkeit scheint sich auch auf Ihre eigene Partei, die SPD, zu erstrecken. Nur der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy, hat sich öffentlich auf Ihre Seite gestellt. Sind Sie enttäuscht?

Heye: Das stimmt nicht ganz. Ich habe mehr Zuspruch erhalten, aber sagen wir mal so: Da hätte mehr kommen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Gründer der Initiative "Gesicht zeigen" in Berlin. Wie bekommt man das rechtsradikale Gedankengut aus den Köpfen?

Heye: Es ist zu spät, erst in der Pubertät anzufangen. Schon in Kindergarten und Grundschule müssen wir ein Demokratie-Bewusstsein schaffen. Auch Elternarbeit und Erwachsenenbildung sind notwendig. Es gibt Orte in Ostdeutschland, wo es keinen wirklichen Widerstand gegen die Rechtsradikalen gibt. Selbst die Polizei hat ja mancherorts schon aufgegeben. Dort müssen wir überlegen, wie wir ermutigen können. Es bedarf der Mitarbeit der bekannten Leute im Ort: der Lokalredakteur, der Apotheker, der Pfarrer, der Lehrer. Das sind die Leute, die diese Debatte mittragen müssten. Oft reicht schon ein mutiger Kommunalpolitiker oder eine intakte Kirchengemeinde, um eine Gegenöffentlichkeit zu bilden.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Ihre Initiative?

Heye: Kampagnen und Aktionen. Wir stellen Unterrichtsmaterial zur Verfügung. Und realisieren Schulprojekte, wie beispielsweise das "Moderne Zeitzeugenprojekt - Besuche im anderen Leben", das über vier Jahre an Brandenburger Schulen lief. Berliner Migranten besuchten als "Experten" für ein bestimmtes Thema den Unterricht. Oft war es das erste Mal, dass die Jugendlichen einen "echten" Ausländer erlebten. Es kamen keine Opfer zum Anfassen oder exotische Besucher, sondern richtige Menschen, die sich mit Autos, Musik oder der Arbeit eines Kriminalkommissars gut auskennen. Wenn möglich kamen die Schüler dann zum Gegenbesuch nach Berlin. Leider wurde die Förderung für dieses sehr erfolgreiche Projekt nicht fortgesetzt. Das geboten die Förderrichtlinien. Geplant ist für das nächste Jahr ein Theaterprojekt für Grundschulen.

SPIEGEL ONLINE: Wirkt das?

Heye: Ja. Das Moderne Zeitzeugenprojekt war äußerst erfolgreich. Allerdings hatten wir auch zahlreiche sehr ernüchternde Erlebnisse mit einigen Jugendlichen - die Wissenslücken, die Unfähigkeit zu Empathie und die Ablehnung gegenüber anderen Lebenswirklichkeiten sind zum Teil sehr erschreckend. Deshalb muss man immer wieder versuchen, ins Gespräch zu kommen, um eine Öffnung in den Köpfen hinzukriegen - und zwar langfristig und nachhaltig. Vor allem aber müssen wird dazu beitragen, dass es nicht mehr werden. Wir müssen in einer Mischung aus Repression und Dialogbereitschaft klar machen, wo die Grenzen sind. Hier darf es keine Kompromisse geben.

Das Gespräch führten Claus Christian Malzahn und Carsten Volkery.



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