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Protest gegen Muslime und Flüchtlingsheime: Der Brave-Bürger-Fremdenhass

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Berlin-Köpenick: "Wir sind das Volk - Nein zum Heim" Zur Großansicht
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Berlin-Köpenick: "Wir sind das Volk - Nein zum Heim"

"Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber bitte nicht bei uns!" Diese und ähnliche Sätze fallen auf Kundgebungen in Dresden, Berlin und Hamburg. Der Protest gegen Asylbewerberheime und angebliche Islamisierung ist in der bürgerlichen Mitte angekommen.

Das Minarett von Dresden ist 62 Meter hoch. Es steht am Rande des Viertels Friedrichstadt und ist eines der architektonischen Highlights der sächsischen Landeshauptstadt. Das Minarett ist eigentlich nur ein getarnter Schornstein. Der Unternehmer Hugo Zietz errichtete in den Jahren 1908 und 1909 seine Yenidze-Tabakfabrik, die aussieht wie eine Moschee. Kuppel, Turm und die Fassadenmosaike gehören seither zum Stadtbild.

Mehr als ein Jahrhundert später hätte der Unternehmer wohl keine Chance, seine Pläne in Dresden zu verwirklichen. In Sachsen grassiert nämlich Islamangst. Seit Wochen demonstrieren jeden Montag Tausende Menschen in Dresden unter dem Slogan: "Patriotische Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). An diesem Montag zählte die Polizei bei der sechsten Demonstration 5500 Teilnehmer.

Pegida - die Abkürzung erinnert an das Bündnis Hogesa, "Hooligans gegen Salafisten", das Ende Oktober in Köln mehrere Tausend gewaltbereite Rechtsextreme und Hooligans mobilisierte. Doch die Pegida-Bewegung will sich von den Schlägertypen der Hogesa abgrenzen.

"Wir sind keine Rassisten"

Die Protestbewegung in Dresden gibt sich betont bürgerlich. Es sind die Thilo-Sarrazin-Leser und AfD-Wähler, die in Sachsen auf die Straßen gehen. Auf ihren Bannern stehen keine platten Parolen, sondern zum Beispiel Zitate des gebürtigen Dresdners Erich Kästner: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die Schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern."

Dresden: Pegida-Demo Zur Großansicht
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Dresden: Pegida-Demo

Die Demonstranten in Dresden betonen, sie seien nicht gegen den Islam, sondern gegen Islamisierung und radikalen Islamismus. Wo sie die Trennlinie ziehen, erklären die Pegida-Intiatoren nicht. Auch sonst machen sie es sich sehr einfach: "Radikale Islamisten sind keine Rasse, also sind wir keine Rassisten", verkündete Pegida-Gründer Lutz Bachmann in der vergangenen Woche. Und: "Wir lieben unsere Nation aber sind gegen Sozialismus, also sind wir keine Nazis."

An diesem Montag konnte Bachmann auf der Kundgebung eine besondere Erfolgsmeldung verkünden. Sachsens Innenminister Markus Ulbig hatte wenige Stunden zuvor die Schaffung spezieller Polizeieinheiten angekündigt, die für straffällige Asylbewerber zuständig sein sollen. "Diese Forderung ist nahezu identisch zu unserer, Herr Ulbig wird aber nicht von den Medien als Nazi betitelt", freute sich Bachmann in seiner Rede vor den Demonstranten.

Die Große Koalition in Dresden macht rechte Forderungen damit salonfähig. Doch nicht nur in Sachsen wird der Protest gegen Asylunterkünfte und Muslime immer bürgerlicher. Im feinen Hamburger Stadtteil Harvestehude, wo Neubauten für 6000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden, haben in diesem Monat die Umbauarbeiten für eine neue Flüchtlingsunterkunft begonnen. Das Kreiswehrersatzamt an der Sophienterrasse wird für knapp fünf Millionen Euro umgebaut, der Senat will dort bis zu 220 Flüchtlinge unterbringen.

Müssen Asylbewerber in Harvestehude verhungern?

Doch im Viertel der Porsche-Fahrer und Burberry-Mantel-Trägerinnen regt sich Protest. Mehrere Anwohner klagen gegen das Heim, weil sie die Unterbringung von Flüchtlingen im dortigen "geschützten Wohngebiet" für rechtswidrig halten. Eine Entscheidung steht noch aus. Auf Bürgerversammlungen zu dem Thema ging es hoch her: Anwohner fürchten steigende Kriminalität und den Wertverlust ihrer Grundstücke. "Nichts gegen Flüchtlinge, aber man muss nicht unbedingt die Gegend nehmen", brachte ein Hamburger seine Meinung gegenüber SPIEGEL TV auf den Punkt.

Andere zeigten sich besorgt, die Asylbewerber könnten in Harvestehude Hunger leiden, schließlich gebe es dort "keinen Penny und kein Lidl".

Der Berliner Stadtteil Marzahn ist das genaue Gegenteil von Harvestehude. In dem Plattenbauviertel im Osten der Hauptstadt sind die Mieten niedrig, die Arbeitslosenquote liegt im zweistelligen Bereich. Doch auch hier sagen Anwohner: "Asylanten gehören einfach nicht hierher". Auch in Marzahn haben in den vergangenen Wochen mehrfach Hunderte Menschen gegen die Errichtung von Containern protestiert, in denen Flüchtlinge unterkommen sollen.

Marzahn: Flüchtlinge nicht so erwünscht Zur Großansicht
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Marzahn: Flüchtlinge nicht so erwünscht

Unter der Losung "Wache auf. Handeln statt klagen" demonstrieren Anwohner und Rechtsextreme. "Die NPD und andere rechtsextremistische Gruppierungen versuchen gezielt, bürgerliche Demonstrationen für sich zu vereinnahmen", warnt Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen.

Erst in der vergangenen Woche hat eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung gezeigt, wie weit verbreitet Ressentiments gegenüber Flüchtlingen sind - bis weit in die bürgerliche Mitte hinein. Fast die Hälfte der Deutschen hat demnach eine abfällige Meinung von Asylsuchenden und ist etwa der Ansicht, dass Asylbewerber ihre Notlage nur vortäuschen, um Leistungen in Deutschland zu erschleichen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 174 Beiträge
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1. Einfach
schilling246 25.11.2014
Es sind also Thilo-Sarrazin-Leser und AfD-Wähler, die in Sachsen auf die Straßen gehen. Mit anderen Worten Neonazis in der Light Version. Der Spiegel macht es sich bei diesem Thema immer sehr einfach, denn Angst ist nicht immer nur ein Konstrukt, das von Populisten geschürt wird. Man sollte nicht alle Menschen, die dort auf die Straße gegangen sind, so simpel über einen Kamm scheren.
2.
Lexx 25.11.2014
Gegen radikalen Islamismus? Berechtigt. Aber wie gesagt: es ist keine Grenz zwischen diesem und Islam definiert. Gegen Flüchtlinge? Unberechtigt, ABER gegen die Verteilung, wie sie statt findet bin ich auch. Alle auf einen Haufen zu packen war noch nie die richtige Lösung. So entstehen Ghettos. Die Flüchtlinge freuen sich erst mal, dass sie in Sicherheit sind, aber nach spätestens 2 Jahren fühlen sie sich wie Menschen zweiter Klasse. Und weil sie nur mit Landsleuten zusammen hocken, lernen sie nicht die Sprache und nicht die Kultur kennen. Dann kriegen sie keine Jobs und sacken in die Kriminalität ab. Nicht alle, klar, aber eine Menge. Das wurde bisher fast immer so gemacht und fast immer sind so Problembezirke entstanden.
3. Vorsicht: Keule
Wunderläufer 25.11.2014
Angst vor Überfremdung ist nicht automatisch identisch mit Nationalsozialismus, wohl aber ein möglicher Einstieg. Welch eine Feststellung: der Protest wird bürgerlicher! So ein Kappes: bereits all die vergangen Jahre durch waren die wahren Stichwortgeber bei Kundgebungen gegen alles fremde bürgerliche Kreise. Geändert hat sich nur, dass nun Asylanten und Flüchtlinge in bürgerlichen Wohngebieten untergebracht werden sollen, d.h. die Distanz ist verschwunden
4. Es sind keine Ressentiments gegen Flüchtlinge, ...
tobiash 25.11.2014
... die die Menschen auf die Straße treiben, sondern die oftmals unhaltbaren Zustände. Wenn Flüchtlinge ihre eigenen Regeln, ihre Sitten und Gebräuche mitbringen, entsteht oftmals eine nur schwer zu ertragende Andersartigkeit, die unsere gelebten Werte über Bord schmeißt. Schon solch profanen Sachen wie Umweltschutz und Respekt vor Frauen sind dann eben nicht mehr normal. Ich persönlich habe sehr viele Freunde aller Haut- und Haarfarben in aller Welt. Trotzdem halte ich es für angebracht, dass Lebensgewohnheiten, die mit unseren Sitten, Bräuchen und Gesetzen kollidieren, nicht in letzter Instanz ausgelebt werden.
5. Rassismus?
Anne_Nym 25.11.2014
Man kann sich Rassismus auch schön reden. Es bleibt aber Rassismus.
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